Zuweilen besteht die Überzeugung, der globale Kapitalismus werde zu einer zunehmend polarisierten Welt führen und das Wachstum der Schwellenländer stelle eher eine Bedrohung als eine Chance dar. Andere meinen, die Zukunft werde von einem Kampf der Kulturen geprägt sein. Ich teile derart fatalistische und deterministische Ansichten nicht.
Gut, die Globalisierung wird es weiterhin geben. Sie wird sich jedoch von der heute im Wesentlichen wirtschaftlichen Ausrichtung weiterentwickeln und politische, sicherheitspolitische und kulturelle Aspekte umfassen. Es kommt darauf an, wie wir darauf reagieren.
Die aufstrebenden Wirtschaftsmächte, vor allem aus Asien, werden den Schwerpunkt der Weltwirtschaft verlagern. Im Jahr 2057 wird die Weltwirtschaft weniger durch die heutigen G7-Länder, sondern viel stärker durch die sogenannten E7-Volkswirtschaften von Indien, Indonesien, China, Brasilien, Russland, Mexiko und der Türkei beherrscht werden. Der demografische Wandel, Wanderungsbewegungen und wachsende Umweltbelastungen werden uns alle betreffen.
Aber es gibt viele unbekannte Variablen. Kann zum Beispiel Indien seine Wachstumsrate angesichts steigender Energieknappheit beibehalten? Wird China seine großen Probleme wie Umweltverschmutzung, Wasserknappheit, eine schnell alternde Bevölkerung und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in den Griff bekommen? Genauso wichtig wird sein, wie schnell sich die kleineren, weniger entwickelten Länder in die Weltwirtschaft integrieren.
Da ich von meiner Ausbildung her Physiker bin, interessieren mich die Möglichkeiten der neuen Technologien ungemein. Mögliche geopolitische Spannungen im Zusammenhang mit dem Wettbewerb um Energiequellen könnten verhindert werden, wenn sich die Prognosen der Internationalen ITER-Fusionsenergieorganisation (IIFEO), die bis 2016 einen funktionstüchtigen Fusionsreaktor entwickeln will, bewahrheiten. ITER könnte, wenn es Erfolg hat, auch zur Bewältigung anderer Herausforderungen, einschließlich Wasserknappheit und Klimawandel, beitragen. Und wenn die schon lange angekündigten Durchbrüche in der Brennstoffzell-, Nano- und Biotechnologie erfolgen, werden wir wahrscheinlich unsere Zukunftsannahmen revidieren müssen. Diese Technologien bieten ungeheure Möglichkeiten für ein längeres, gesünderes und besseres Leben. Aber dies bedeutet auch, dass wir mit einigen schwierigen moralischen Dilemmata zu kämpfen haben, gerade was die Biotechnologie angeht.
Überdenken unserer Annahmen
Die Welt wird 2057 in politischer Hinsicht anders aussehen, und wir müssen unser Verständnis einer guten Staatsführung entsprechend anpassen. Grenzen wird es noch geben, aber sie werden eine andere Bedeutung haben. Schon jetzt sind die grenzüberschreitenden Waren-, Personen- und Ideenströme enorm; sie werden weiterhin bestehen bleiben. Schon jetzt wandelt sich unser Verständnis von „Souveränität“, gerade auch in Europa. Beide Trends werden sich fortsetzen und womöglich an einen Wendepunkt in Bezug auf die Beherrschung der daraus resultierenden politischen Konsequenzen gelangen.
Wir müssen geschickter darin werden, auf verschiedenen Regierungsebenen (lokal, national, europäisch und global) und mit verschiedenen Konstellationen von Akteuren (öffentlichen und privaten) zu arbeiten. Regionale Organisationen wie die EU werden eine noch größere Rolle als heute spielen. Die Macht verlagert sich weg von Regierungen hin zu Märkten, Individuen und Nichtregierungsorganisationen. Daher ist für die Lösung der durch die Globalisierung aufgeworfenen Probleme die Mobilisierung neuer Netzwerke erforderlich. Die diversen Zusammenschlüsse zu Themen wie Klimawandel, Schuldenerlass oder Blutdiamanten geben einen Vorgeschmack auf die zu erwartenden Entwicklungen.
Auch der Einfluss von Kultur und Religion wird sich in einer globalisierten Welt verändern. Zunehmende Kontakte zwischen den Kulturen, sei es physischer Art oder durch die Kommunikationstechnologie, bringen Menschen zusammen, die sich sonst niemals getroffen hätten, und bereichern ihr Leben. Dies kann jedoch auch zu Spannungen und Konflikten führen, wie die „dänische Karikatur-Krise“ gezeigt hat. Wir stehen vor der Aufgabe, unsere fundamentalen Freiheiten zu wahren und uns gleichzeitig gegenüber Menschen mit anderem Glauben und anderen Wertesystemen tolerant und respektvoll zu verhalten. Die Umverteilung der wirtschaftlichen und politischen Macht wird eine Herausforderung für die sogenannten „westlichen“ Werte bilden. Die wachsenden Wanderungsbewegungen aus wirtschaftlichen, politischen und immer mehr auch umweltpolitischen Gründen werden uns unter Druck setzen, unsere eigene Identität zu finden und offen gegenüber der Welt zu bleiben.
Wie können wird die Welt von 2057 gestalten?
Globalisierung mit weniger westlichen Zügen, der Aufstieg neuer Mächte, neue Regierungsformen und neue politische Vorstellungen zum Thema Identität: Diese Trends zeigen sich bereits heute und werden bestehen bleiben. Die Zukunft wird die Europäer in vielerlei Hinsicht vor größere Herausforderungen stellen: Wir werden (relativ gesehen) nicht mehr so zahlreich sein, und die alten Vorgehensweisen werden nicht mehr greifen. Aber die Zukunft ist nicht vorherbestimmt. Sie wird die von den Menschen, also auch von uns, getroffene Wahl widerspiegeln. Was tun?
Uns sollte erstens bewusst sein, dass im Abseits zu stehen keine Option ist. Dann würden wir in einer Welt leben, die von anderen und für andere gestaltet wird. Zweitens: Wir haben nur geringen Einfluss, wenn jeder für sich alleine steht. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass sich Europas Anteil an der Weltbevölkerung und dem BIP verringert und wir uns auf ein System des Wettbewerbs unter den Kontinenten zubewegen. Drittens sollten wir Europäer, wenn wir etwas bewirken wollen, nicht nur miteinander sprechen, sondern auch gemeinsam handeln. Je geschlossener wir auftreten, um so effektiver und attraktiver werden wir sowohl bei uns als auch für die Partner in der Welt sein. Jetzt mögen wir dabei vor allem an die USA denken. In Zukunft sollten wir dabei auch an China, Indien, die Afrikanische Union und die ASEAN-Länder denken.
Für Europa wird es vielleicht die wichtigste Aufgabe sein, ein internationales Regelsystem aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln, das die durch die intensive Globalisierung aufgeworfenen Probleme angehen kann. Für eine erfolgreiche und kontinuierliche internationale Zusammenarbeit reichen guter Wille und gute Absichten nicht aus, man braucht auch Institutionen dafür. Unter den wichtigsten globalen Akteuren treten wir am stärksten für ein faires Regelsystem ein, das von starken Institutionen fair angewendet wird.
Die Welt von 2057 wird ein zunehmend komplexer Ort sein. Es wird mehr potenzielle Interessen- und Wertekonflikte geben. Um diese zu verringern, brauchen wir innovative und robuste Regeln und Institutionen. Unsere Sicherheitsarchitektur muss angesichts neuer Bedrohungen – von denen viele von nichtstaatlichen Kräften ausgehen werden – angepasst werden. Wir brauchen ein System, das öffentliche und private Akteure zusammenbringt, um die neuen Umweltprobleme zu bewältigen.
Der Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit
Europa sollte sich vor allem nachdrücklich dafür einsetzen, dass die Beziehungen zwischen Staaten und Privatpersonen geltendem Recht unterliegen. Der Krieg „jeder gegen jeden“, der früher die Innenpolitik bestimmte, wird auf internationaler Bühne in vielen Bereichen immer noch geführt. Aber so wie die Gewalt durch die Gesetzgebung auf nationaler Ebene, und nun auch auf regionaler Ebene durch die EU eingedämmt wurde, kann sie auch auf internationaler Ebene „gezähmt“ werden.
Das wird natürlich nicht einfach sein. In dieser zunehmend multipolaren Welt werden unsere Vorstellungen von Regeln und Institutionen sowie die ihnen zugrundeliegenden Werte angefochten. Dennoch, wir verfügen über die Erfahrung und haben solide Argumente zur Hand. Und wer nicht wagt oder sich nicht beharrlich bemüht, der nicht gewinnt.
Es ist bemerkenswert, in welchem Umfang die Vision von Monnet, Schuman und anderen Wirklichkeit geworden ist. Nichts ist perfekt, aber niemals zuvor war Europa so wohlhabend, so sicher und so frei. Daher wissen wir, dass es möglich ist, die zwischenstaatlichen Beziehungen zu verbessern und das Leben von Millionen von Bürgern zu verändern. Dies sollte weiterhin eine enorme Inspirationsquelle für uns alle sein.
Javier Solana: „Europa in der Welt im Jahr 2057“, in „Europäische Union: Die nächsten fünfzig Jahre“. © Financial Times Business and Agora Projects Ltd, London, März 2007. (Mit freundlicher Genehmigung der Financial Times Business. Die Europäische Gemeinschaft hat nicht das Recht, Dritten die Vervielfältigung dieses Artikels oder seiner Übersetzungen zu gestatten. Entsprechende Anfragen richten Sie bitte direkt an FT business).