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Vom Flüchtling zum Freiwilligen in Brüssel

Natalie Kontoulis and Hadi Abdul Hadi. Photographer: Lisa O'Leary
Das Tandem-Projekt ist eine Initiative, die NGOs mit Flüchtlingen und Asylbewerbern zusammenbringt, die eine zweiwöchige Freiwilligentätigkeit in Brüssel leisten wollen.

 

Hadi Abdul Hadi war im dritten Jahr seines Jurastudiums an der Universität von Aleppo, als der Krieg in Syrien ausbrach. Er war 22 Jahre alt und gezwungen, seinen Arbeitsplatz, sein Studium und seine Familie zurückzulassen. „2015 beschloss ich, nach Europa zu kommen. Es war ein langer Weg durch die Türkei“, erinnert sich Hadi. „Es gab viele Hürden und wir mussten die Grenzen zwischen den Ländern mit einem Schmuggler überqueren“, berichtet der junge Syrer, der nun in Brüssel lebt.

 

Natalie Kontoulis ist Advocacy Officer des europäischen Netzwerks „End Female Genital Mutilation“ in Brüssel. Die Genitalverstümmelung bei Frauen betrifft auch  einige Asylbewerbergemeinschaften in Europa. Daher wurde vom Netzwerk eine Konferenz für die Flüchtlingsbevölkerung organisiert. Über jemand aus ihrem Freundeskreis erfuhr Natalie von Tandem, wodurch Natalie dann mit Hadi zusammengebracht wurde, der sich einige Tage zuvor bei Tandem registriert hatte. Hadis juristisches Wissen und seine Erfahrungen als Flüchtling erwiesen sich bei der Organisation der Konferenz als sehr hilfreich. Für Hadi war es eine wertvolle Erfahrung, auch wenn die zwei Wochen „zu kurz“ waren, denn „ich hatte die Chance zu sehen, wie in einem europäischen Büro gearbeitet wird und wie Veranstaltungen organisiert werden“.

 

Der heute 26-jährige Hadi lebt nun mit seinem Vater in der belgischen Hauptstadt. Er hat einen Flüchtlingsstatus und eine Aufenthaltsgenehmigung für fünf Jahre in Belgien. „Wenn du vor dem Krieg flüchtest, ergreifst du jede Hand, die dir gereicht wird. Mein Zuhause wurde komplett zerstört“ erzählt er.  Hadi nimmt Französischunterricht und möchte sein Jurastudium gerne in Belgien beenden. „Ich hoffe, ich kann hier meinen Abschluss machen, ein Rechtsanwalt werden und ein neues Leben beginnen“, sagt er zuversichtlich.

 

Das Ziel der Tandem-Initiative ist, Flüchtlingen und Asylbewerbern zu helfen, ein neues Leben in Brüssel anzufangen. Tandem wurde am 20. Juni 2016, dem Weltflüchtlingstag, von Mitarbeitern europäischer NGOs ins Leben gerufen. Seitdem haben sich 36 Organisationen registriert, und 34 Flüchtlinge haben im Rahmen dieser Initiative eine Freiwilligentätigkeit geleistet.

 

Die Organisationen zahlen ein Tagegeld von 25 Euro pro Tag sowie die Versicherung. Tandem arbeitet mit der flämischen Agentur für Freiwilligentätigkeit in Brüssel zusammen, um sicherzugehen, dass alle rechtlichen Belange geklärt sind und die Freiwilligentätigkeit nicht für Gewerbetreibende oder Privatpersonen geleistet wird.

 

Nadzeya Laurentsyeva and Wali Ahmad Yar at CEPS offices.

 

Normalerweise dauert die Befragung für den Erhalt des Flüchtlingsstatus vier Stunden. Für Wali Ahmad Yar genügten 15 Minuten. Als 23-Jähriger hatte der afghanische Journalist einen Bericht veröffentlicht, der die korrupten Machenschaften der afghanischen Regierung enthüllte. „Ich hätte mir nie gedacht, aus Afghanistan fliehen zu müssen, aber sobald der Bericht erschienen war, bekam ich Probleme mit der Regierung und den Taliban und musste flüchten.“ Er erhielt ein Visum und verließ die Stadt Ghaznī in Richtung Brüssel, wo er 2015 ankam.

 

Nun, zwei Jahre später, schließt der 25-jährige seinen Master in Politikwissenschaft an der Freien Universität in Brüssel ab und leistet eine durch Tandem vermittelte, zweiwöchige Freiwilligentätigkeit im Zentrum für Europäische Politische Studien (CEPS) . Nadzeya Laurentsyeva, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim CEPS, entschied sich für die Teilnahme bei Tandem, weil sie die Arbeit einer NGO in München evaluieren wollten, die Asylbewerbern bei der Kontaktaufnahme mit möglichen Arbeitgebern hilft. Walis Beteiligung erwies sich als sehr „hilfreich bei der telefonischen Befragung von Menschen aus Afghanistan und Pakistan in ihrer Muttersprache, um Informationen für die Erhebung zu sammeln“.

 

Der junge Afghane ist regelmäßig mit anderen Flüchtlingen in Kontakt, nicht nur in Belgien, sondern auch in anderen EU-Ländern. „Wir reden immer über unsere Probleme, also das könnte für meine Arbeit hier sehr hilfreich sein“, bemerkt Wali. Durch Tandem erhielt Wali schließlich „Zugang zu internationalen Einrichtungen“, denn zuvor hatte er gar keine Kontakte und seine Praktikumsbewerbungen waren abgelehnt worden.

 

Wie Nadzeya betont, besteht das „Ziel von Tandem darin, Menschen zusammenzubringen. Es ist nicht so schwer, einen Flüchtling einzustellen.“ Tatsächlich waren Walis Einblicke so hilfreich, dass sie zuversichtlich ist. „Es könnte für Wali die Möglichkeit geben, als Praktikant länger zu bleiben. Das scheint möglich zu sein.“

 

 

Veröffentlicht: Die, 19/12/2017 - 12:00


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