EU PROTECTS > Unsere Sicherheit > Scheinehen: So hilft die EU, das Leid des Menschenhandels zu lindern

„Wir können unsere schutzbedürftigsten Bürger nicht vor Scheinehen schützen, wenn wir das Problem nicht verstehen.“

Gita Miruškina

Scheinehen sind mehr als Zweckehen, bei denen Gelübde gegen einen Wohnsitz in der EU oder finanzielle Vorteile eingetauscht werden. Wenn schutzbedürftige junge Frauen gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen und ausbeuterische Beziehungen zu Fremden einzugehen, laufen sie Gefahr, ihre Freiheit zu verlieren. 

Die Erkennung der Warnzeichen ist ein erster Schritt zur Bekämpfung dieses Verbrechens. Aus diesem Grund haben sich Forscher, Einwanderungsbehörden, Nichtregierungsorganisationen und Strafverfolgungsbehörden in Lettland und mehreren anderen EU-Ländern zusammengeschlossen, um ausbeuterische Scheinehen aufzudecken. Dank dieser EU-weiten Initiative wurden Daten über Scheinehen und deren Zusammenhang mit dem Menschenhandel gesammelt. Polizei- und Einwanderungsbeamte in ganz Europa werden nun immer vertrauter mit den Anzeichen von Scheinehen, die es ihnen ermöglichen, die Verbrecher zu stoppen.

Scheinehen: So hilft die EU, das Leid des Menschenhandels zu lindern

In der EU gibt es Fälle, in denen schutzbedürftigen Frauen Geld angeboten wird, um ins Ausland zu reisen und dort eine arrangierte Ehe einzugehen. Sobald sie in ihren neuen Ländern angekommen sind, laufen sie jedoch Gefahr, missbraucht und zur Kriminalität gezwungen zu werden. Diese Scheinehen sind eine Form des Menschenhandels, die zu lange unter dem Radar geblieben ist. Ohne die grenzübergreifende Verständigung und Zusammenarbeit verschiedener Organisationen würden wahrscheinlich noch mehr Menschen Opfer von Menschenhändlern.

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Gita Miruškina

Frauenhaus „Sichere Unterkunft“

Lettland

„Ich erinnere mich an einen Fall: Eine Frau rief die Polizei, weil ihre Tochter Lettland verlassen wollte, um im Ausland zu heiraten. Sie befürchtete, dass ihre Tochter zu einer Scheinehe verleitet wurde.“

„Wir haben der Polizei geholfen, die junge Frau zum Bleiben zu überreden. Es stellte sich heraus, dass man sie zu pornografischen Darstellungen gezwungen hätte. Zu sehen, wie Menschen wie diese in ihr normales Leben zurückkehren, ist sehr befriedigend.“

„Ich freue mich, dass sich weitere europäische Länder uns anschließen, um Scheinehen zu bekämpfen. Zusammen lassen sich Probleme leichter bewältigen.“

 - Gita Miruškina

Vija Buša

Ministerium für auswärtige Angelegenheiten

Lettland

„Während meiner Arbeit als stellvertretende Missionsleiterin in Irland wurde ich auf ein beunruhigendes Muster aufmerksam: Junge Frauen wurden von Lettland nach Irland gelockt. Einige kamen in die Botschaft, um Hilfe zu ersuchen. Sie erzählten uns, was wirklich passiert war, wie ihnen Geld versprochen wurde, um Fremde zu heiraten. Viele von ihnen wurden geschlagen, vergewaltigt und um ihre Pässe und ihr Hab und Gut gebracht.“

„Wir konnten diese Scheinehen nicht alleine verhindern. Deshalb haben wir 2015 eine EU-weite Initiative ins Leben gerufen.“

„Wir wollen die Bürger überall in Europa vor dieser Form der Ausbeutung schützen.“

 - Vija Buša

Dr Karolis Žibas

Diversity Development Group [Gruppe zur Entwicklung der Diversität]

Litauen

„Vor 2015 fehlte es an Informationen über ausbeuterische Scheinehen in Europa. Im Rahmen eines EU-Projekts habe ich mich mit Forschern und Organisationen in Irland, Lettland, Estland und anderen europäischen Ländern zusammengetan. Durch Interviews mit Sozialarbeitern, Psychologen, Polizisten und Opfern in diesen verschiedenen Ländern haben wir erfahren, wie ausbeuterische Scheinehen zustande kommen und wie sie mit Menschenhandel in Verbindung stehen. Heute hilft unsere Arbeit Behörden, die für die Bekämpfung des Menschenhandels zuständig sind, Scheinehen in ganz Europa zu verhindern.“

„Wir haben EU-weit ein Verständnis dafür geschaffen, dass Scheinehen ein Verbrechen des Menschenhandels sind.“

 - Dr Karolis Žibas

Nusha Yonkova

Irin/Bulgarin, Immigrant Council of Ireland [Einwanderungsbehörde von Irland]

Irland

„Wie unsere lettischen und litauischen Kollegen wurden wir auf immer mehr Fälle von Frauen aufmerksam, die hier in Irland in ausbeuterische Scheinehen geraten waren. Die Beteiligung an den Bemühungen der EU hat das Problem besser sichtbar gemacht und es uns ermöglicht, den Opfern eine bessere Unterstützung zu bieten.“

„Die irischen Behörden sind sich heute der Scheinehen viel mehr bewusst und wissen, wie sie den Opfern helfen können. Sogar das irische Gesetz hat sich geändert und gibt Standesbeamten mehr Befugnisse, um einen Verdacht auf ausbeuterische Scheinehen zu äußern.“
 

„Rechtsbeistand war nicht genug; wir mussten mit Einwanderungsbehörden und der Polizei in anderen EU-Ländern zusammenarbeiten, um Lösungen zu finden.“

 - Nusha Yonkova

Szonja Szabó

Ungarin, spezialisiert auf die Bekämpfung von Menschenhandel, Europol

Niederlande

„Mein Team unterstützt die Polizeikräfte in ganz Europa mit Fachwissen, wenn es um Fälle von sexueller Ausbeutung, Zwangsarbeit und anderen Formen des Menschenhandels geht.“ 

„Ich habe inzwischen immer mehr Fälle von Scheinehen zu bearbeiten. Ich helfe der Polizei in verschiedenen EU-Ländern, Fälle mit kriminellen Organisationen in Verbindung zu bringen, die am Menschenhandel beteiligt sind. Wir arbeiten zusammen, um kriminalpolizeiliche Informationen aus vielen verschiedenen Quellen zu analysieren, mit dem letztendlichen Ziel, die Menschenhändler aufzuspüren und die Opfer zu schützen.“

„Als ehemalige ungarische Polizistin kann ich meine Erfahrungen in diesem Bereich auf europäischer Ebene einbringen.“

 - Szonja Szabó

Schon gewusst?

Schein- bzw. Zweckehe

Unabhängig von der Sprache sind wir alle mit dem Begriff der Scheinehe vertraut. In Europa sind bei Scheinehen in der Regel Männer von außerhalb der EU beteiligt, die europäische Frauen heiraten, und das nicht unbedingt mit ihrer vollen Zustimmung. Die Männer stimmen der Vereinbarung als Schnellverfahren zur Erlangung eines EU-Aufenthaltstitels zu. Anders sieht es jedoch im Fall der Frauen aus, die aus prekären oder wirtschaftlich instabilen Verhältnissen kommen können. Sie sind in der Regel weiterer sexueller Ausbeutung oder Zwangsarbeit durch die Kriminellen ausgesetzt, die sie dazu nötigen, ihre Heimat zu verlassen.

20 532

Die Zahl der registrierten Opfer von Menschenhandel in der EU im Zeitraum 2015-2016. Der Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung ist nach wie vor die am weitesten verbreitete Form (56 %), gefolgt vom Menschenhandel zur Ausbeutung von Arbeitskräften (26 %).

20 000 EUR

Die Höchstgebühr, die den Vermittlern von Scheinehen gezahlt wird, laut einer irischen Untersuchung von 2015. Dieses Geld ist für die Opfer nicht garantiert, und es ist unwahrscheinlich, dass sie es jemals erhalten werden.

HESTIA: neue Vorgehensweisen gegen Scheinehen

Im Zeitraum 2015-2017 nahmen europäische Forscher, Nichtregierungsorganisationen und Polizeikräfte aus Lettland, Irland, Litauen, Estland, Finnland und der Slowakei an dem von der EU finanzierten Projekt HESTIA teil, um die Zusammenhänge zwischen Menschenhandel und Scheinehen zu verstehen. Dank des Projekts sind die Länder und Agenturen der EU nun besser gerüstet, um gegen die kriminellen Netzwerke hinter Scheinehen vorzugehen.

Die üblichen Verdächtigen

Im Jahr 2017 begannen Europol und Eurojust, Deutschland und Dänemark bei der Untersuchung eines großen Scheinehen-Falls zu unterstützen. Die kriminelle Organisation im Zentrum dieses Falls war seit 2015 auf dem Radar der Strafverfolgungsbehörden – aufgrund von Menschenhandel, Bestechung und Dokumentenfälschung. Die Ermittlungen, die sich im Juni 2018 zuspitzten, gehören zu den jüngsten Erfolgen hinsichtlich der Zerschlagung von Scheinehe-Netzwerken in der EU.

WER SIND DIE ANDEREN HELDEN, DIE GEGEN KRIMINELLE AKTIVITÄTEN VORGEHEN?

Einige von ihnen kommen vielleicht sogar aus Ihrem Land.

Es gibt ein durch die EU verbundenes Netzwerk lokaler Helden, die zusammenarbeiten, um zu unserem Schutz vor Menschen- und Drogenhandel, Radikalisierung, Cyberangriffen und mehr beizutragen. Von Ermittlungsbeamten bei der Polizei bis hin zu Piloten, von Handelsexperten bis hin zu Sanitätern – entdecken Sie, wie die EU lokale Helden in Ihrem Land unterstützt.