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Erfahrungsbericht Europäischer Freiwilligendienst Christina

Ein halbes Jahr im Schinkenparadies

Christina, 20-Jährige EFD-Freiwillige in Spanien, erzählt von ihrer Zeit in Aragonien. Ein unterhaltsamer Bericht über ihre Eindrücke und was Magenknurren, ein Schinken-Denkmal und Sommerkleidung im spanischen Winter damit zu tun haben.



Mein Name ist Christina Kunz und ich bin eine 20-Jährige Abiturientin aus Köln, die gerade für 6 Monate einen Europäischen Freiwilligendienst in Spanien leistet. Teilnehmen am EFD kann jeder im Alter von 18-30 Jahren und weder sprachliche noch praktische Vorkenntnisse sind für die Arbeit in den Projekten vonnöten. Seit Ende September letzten Jahres darf ich also das 2.000-Seelen-Dörfchen Monreal del Campo in der bergigen und stark von Landwirtschaft geprägten Region Aragón mein neues Zuhause nennen. Ich bleibe noch bis Ende März hier und engagiere mich im Verband Juventud del Jiloca; wir arbeiten mit Kindern und Jugendlichen und planen mit ihnen und für sie zahlreiche Freizeitaktivitäten. Innerhalb meines Projekts beschäftige ich mich insbesondere mit den Kleinsten der Kleinen (Kinder ab 3 Jahren) und begleite die Koordinatorinnen von Juventud in ihrem Arbeitsalltag. Wir sind beteiligt an der Organisation von Ereignissen wie der jährlichen Karnevalsfeier, Veranstaltungen zum Welt-AIDS-Tag oder zum Tag der Frau, Sportkursen, Fahrradtouren, Weiterbildungen für angehende Animateure oder Spielkreise für die Kinder der umliegenden Dörfer.


Die Ausrichtung und der Inhalt der verschiedenen Projekte des EFD ist breit gefächert. Andere Teilnehmer des EFD arbeiten beispielsweise mit körperlich oder geistig Behinderten, mit Senioren, in Naturschutz-Projekten, organisieren Computerkurse oder helfen in der Verwaltung von Sozialverbänden aus. Auf einem meiner Zwischenseminare in Andalusien lernte ich sogar zwei Freiwillige kennen, die auf einer Falkenfarm in der Extremadura tätig sind. In der Datenbank des EFD finden sich alle laufenden Projekten in den 31 teilnehmenden europäischen Ländern mit den dazugehörigen Laufzeiten und Bewerbungsfristen.


Zumindest zwei Dinge haben Deutsche und Spanier auf jeden Fall gemeinsam: Sie lieben Bier und sie lieben Fußball. Und gerade letztere werden gerne darauf angesprochen, denn Tradition ist hier in Spanien ganz wichtig. Bei vier autonomen Regionen, 17 comunidades (entspricht unseren Bundesländern) und fast 50 Millionen Einwohnern ist es wenig überraschend, dass die Lebensweise der Menschen hier von Region zu Region jedoch stark variiert. Das und noch einiges mehr habe ich während meines 6-monatigen Aufenthaltes als Freiwillige in Spanien gelernt – aber auch einige Vorurteile, die ich in Sachen Wetter, Mentalität oder Kultur hegte, haben sich währenddessen zerschlagen und Raum gemacht für ein paar überraschende Erkenntnisse: Ich musste herausfinden, dass nicht überall in Spanien dieselben klimatischen Verhältnisse vorherrschen wie auf Mallorca (leider), kaum ein Spanier um 19 Uhr schon bereit fürs
Abendessen scheint und dass man hier als Deutscher gerne und viel auf Angela Merkel angesprochen wird.

 

Wenn ich also Endes diesen Monats nach Deutschland zurückkehre, nehme ich neben meinen ganzen Erfahrungen ein deutlich verändertes Bild von Spanien mit. Meine Entscheidung nach dem Schulabschluss für einige Zeit als Freiwillige ins Ausland zu gehen, fällte ich schon im Laufe der Oberstufe und da ich unbedingt Spanisch lernen wollte, bewarb ich mich online hauptsächlich für Projekte in Spanien und Südamerika. Während der Europäische Freiwilligendienst nur eine von vielen tollen Möglichkeiten ist, um Frewilligenarbeit im Ausland zu leisten, so haben die Projekte im europäischen Ausland meist eine etwas kürzere Laufzeit als jene in Afrika oder Südamerika. Daher entschied ich mich für Spanien als Standort und nachdem ich eine deutsche Entsendeorganisation für mich gefunden hatte, wartete ich auf Zusagen der jeweiligen Projekte meines Interesses. Bei der Suche nach dem richtigen Projekt muss man definitv einige Geduld mitbringen – die eigenen Präferenzen im Hinblick auf Region und Projektinhalt können nicht immer berücksichtigt werden und häufig dauert es einige Zeit bis man von den Projektleitern eine Antwort erhält. Das ist mitunter der schieren Menge an Bewerbungen geschuldet, die diese bekommen. Um zu vermeiden, dass die persönliche Motivation während dieses Bewerbungsprozesses bedeutend abnimmt, sollte man sich rechtzeitig bewerben und möglichst flexibel sein. Letzteres ist zwar immer viel leichter gesagt als getan, aber viele der glücklichsten Freiwilligen, die ich während der letzten paar Monate getroffen habe, waren jene, die mit geringen Erwartungen an ein ihnen zunächst fremdes Projekt herangingen. Letzten Endes konnten sie doch eine großartige Zeit im Ausland verbringen, neue Kontakte knüpfen und durch die Mitarbeit vor Ort ihren Anteil am Erfolg des Projekts leisten.

 

Aragonien

 

Nichtsdestotrotz muss ich mir natürlich eingestehen, dass das Landleben in Monreal dann wiederum doch eine größere Herausforderung für mich darstellte, als zunächst erwartet. Nicht nur, weil Teruel sich als eine unerwartet kalte Region Spaniens entpuppte, und ich letzten November mit meiner Sommerkleidung zum wandelnden Dorfwitz mutierte (...natürlich hatte ich meine wenigen Kilos Reisegepäck keineswegs auf eine Winterjacke verschwendet, immerhin ging es doch nach Spanien!). Aber auch weil die Routine der Menschen auf dem Land so ganz anders ist als in der Stadt. Die grundsätzlich schon sehr gelassenen und entspannten Spanier sind hier noch ein wenig entspannter und nur sehr selten werde ich vor 10 Uhr im Büro erwartet. Natürlich will ich mich darüber keineswegs beklagen. Jemand, dem die Gewöhnung an die neue Routine und den anderen Tagesablauf jedoch weitaus schwerer fiel als mir, war mein Magen. Denn wer wie viele Spanier erst spät aufsteht, zahlreiche Kaffees und bocadillos (belegte Brötchen) zwischendurch genießt und die übliche Siesta von 14-17 Uhr einlegt, der braucht natürlich auch nicht so früh sein Abendbrot wie ich. Es brauchte schon einige Wochen, bevor ich das Magenknurren während meiner Nachmittagsschicht (von ca. 16-20 Uhr) unter Kontrolle hatte und auch die späten Einladungen zum Essen oder zu Parties nicht mehr ausschlug.

 

Im Bezug auf das Essen stellte sich mir noch eine andere Schwierigkeit in den Weg, von der ich nicht erwartet hätte, dass sie hier zum Problem werden würde: Ich bin Vegetarierin. Allerdings scheine ich hier weit und breit die einzige zu sein und die spanische Küche ist dann doch eher ''Karnivore-freundlich''. Selbstverständlich findet man trotzdem immernoch eine Alternative aber nicht selten wurde ich von Kellnern kritisch beäugt wegen meiner sehr gemüselastigen Bestellungen. Sie schienen mir nicht so ganz über den Weg zu trauen. Aber wer kann es ihnen schon verübeln? Eine jede Paella verliert ihren Reiz ohne das Hühnchen oder die Meeresfrüchte in ihr.


Doch die Beziehung der Aragoneser Bevölkerung zu ihrem Schinken reicht noch viel tiefer. Das musste ich feststellen, als ich einmal auf einer längeren Autofahrt in die Stadt Teruel ein sicher 10 Meter hohes Denkmal aus Bronze am Wegesrand bemerkte. Im völligen Kontrast zur kargen und trockenen Landschaft ragte es dort empor und wirkte wie ein halbherziger Versuch, eine Mauer zu erichten. Natürlich sprach ich direkt meine Beifahrerin darauf an. Diese brach erst einmal in Gelächter aus und kurz darauf wurde ich dann auch aufgeklärt: Das schlammfarbene Schmuckstück sollte einen Schinken darstellen – jenes Produkt also, wofür Aragón und gerade Teruel berühmt sind, und welchem ich wiederum nur sehr wenig abgewinnen kann. Schinken war also das stolze Aushängeschild Teruels!, wurde mir an jenem Tag bewusst. Und seither habe ich wohl kaum ein Dorf oder eine Stadt in ganz Aragón gefunden, wo man keine bunte Leuchtreklame mit der Aufschrift venta de jamónes (Schinkenverkauf) findet.

 

Aragonien

 

Ein anderes Phänomen, das man leider ebenfalls in jeder noch so abgelegenen spanischen Gegend findet dieser Tage sind die vielen leer stehenden Häuser, Geschäfte oder Fabriken – nicht wenige dieser traurig anmutenden Gebäude ziert ein ''Zu Verkaufen!''-Schild oder eine Telefonnummer zur Kontaktaufnahme. In Verbindung mit der Euro-Krise und der wirtschaftlichen Rezession, die das Land immernoch eng in ihrem Griff hält, werde ich auch gelegentlich auf Kanzlerin Merkel und den wirtschaftlichen/ politischen Einfluss Deutschlands angesprochen. Häufig werden relevante Entscheidungen, die im Bundestag gefällt werden live im spanischen Fernsehen übertragen und das Bild der Bevölkerung von Angela Merkel oder anderen europäischen Politikern ist sehr ambivalent – manch einer scheint den Frust, den er über die hohe Arbeitslosigkeit und und die schlechte Marktlage verspürt gerne auf Merkel, Rajoy oder die Politik an sich zu projizieren. Daher habe ich schnell gelernt Bemerkungen hinsichtlich Deutschland nicht persönlich zu nehmen. Wie könnte ich das auch, wo ich doch während meiner Arbeit im Projekt oft mit kleinen
Kindern zu tun habe, die mir ohne Scheu von ihren arbeitslosen Eltern oder Verwandten erzählen und bei welchen das Wort Krise fester Bestandteil ihres Wortschatzes zu sein scheint; selbst im zarten Alter von 4 oder 5 Jahren schon.


Umso mehr muss ich meine Begeisterung darüber äußern, wie ich zu jeder Zeit hier stets so freundlich und mit offenen Armen empfangen wurde in meiner vorübergehenden Heimat. Schon zu Beginn zeigte sich jeder beeindruckt von meiner Entscheidung, mit sehr geringen Sprachkenntnissen für mehrere Monate in ein mir zuvor fremdes Land aufzubrechen und dort Freiwilligenarbeit zu leisten; wann immer sich kleine Schwierigkeiten abzeichneiten, war sofort eine helfende Hand zustelle. So überstand ich beispielsweise den Großteil der Weihnachtszeit dick eingepackt in zusätzliche Pullover oder Jacken, die mir Bekannte geliehen hatten. Trotz Krise und drohendem Staatsbankrott ließ man mich beim morgendlichen Kaffee in der Stamm-Kneipe nur selten (und wenn überhaupt nur widerwillig) für mich selbst bezahlen - ihre unendliche Gastfreundschaft und ihren Optimismus lassen sich die Spanier halt von niemandem
nehmen.

 

Eins der vielen anderen Dinge, die mir von meiner Zeit auf der Iberischen Halbinsel bleiben werden, sind Dutzende von Bustickets. Dass das Reisen im Bus hier im Vergleich zum Bahn fahren sehr günstig ist, habe ich natürlich gerne und häufig ausgenutzt und nun erinnern mich die alten Fahrscheine an schöne Kurztrips mit Freunden in Städte wie Madrid, Bilbao, Barcelona oder Toledo. Während die Metropole Madrid wie ein Fixstern im Zentrum des Landes liegt und trotz ihrer Größe so viel Charme versprüht, dass man jedes Mal traurig ist, wenn man sie wieder verlassen muss, so lohnt selbstverständlich auch jeder Besuch nach Barcelona, Granada, Sevilla oder eine der anderen Küstenstädte. Aber die Balearen, Andalusien oder die Kanaren seien an dieser Stelle einmal außen vor gestellt; denn um deren sonnige Schönheit wissen wir natürlich schon längst. Viel überraschter war ich herauszufinden, wie viel selbst der unterschätzte Norden Spaniens (gerade das Baskenland) zu bieten hat. Die Eindrücke, die man dort von Landschaft, Architektur und Mentalität der Menschen gewinnt, lassen die Gegend als weniger südlich erscheinen, als man es vom Rest Spaniens gewohnt ist, aber gerade deswegen sind Pamplona, Bilbao, Santander oder San Sebastián einfach einen Besuch wert. Dies ist auch einer der Gründe, warum ich die Teilnahme am EFD nur jedem nahelegen kann, der während der Freiwilligenarbeit mit wenig Geld und Aufwand nebenher noch möglichst viel reisen und erkunden möchte. In den meisten Fällen sind die Projektleiter mit der Legung der Urlaubstage sehr flexibel und unterstützen die Freiwilligen, die schließlich das Gastland besser kennenlernen wollen.

 

Aragonien


Im Großen und Ganzen hat mein Spanien-Aufenthalt mich außerdem dazu bewegt, vermehrt über meine persönliche Identität und Herkunft nachzudenken. Obwohl ich mir mehr als einmal dachte, dass wir uns als Deutsche nun wirklich mal eine Scheibe von unseren europäischen Nachbarn abschneiden können, wenn es um Ruhe, Zufriedenheit und einen unbrechbaren Optimismus geht, so wurden mir auch die Dinge bewusst, die ich an meiner Heimat schätze und manchmal schmerzlich vermisse. Sowohl Organisiertheit aber auch ein gewisser Ehrgeiz, der uns Deutsche in der Schule oder im Job auszeichnet, sind zwei der Werte, die unseren Volkscharakter ausmachen. Das ließ mich im Kontakt mit anderen Frewilligen aus Italien, der Türkei oder Frankreich manchmal ein wenig ernst oder trocken wirken, aber inzwischen empfinde ich das nicht mehr als unangenehm. Vielmehr ist es eher amüsant bei anderen deutschen Freiwilligen ähnliche Tendenzen zu entdecken und sich gemeinsam darüber austauschen zu können, wie man dadurch manchmal im spanischen (Arbeits-)Alltag anzuecken droht.

 

Wenn mich im Ausland jemand auf meine Herkunft anspricht, so stelle ich mich stets als Deutsche vor – und fühle mich demnach als Kölnerin jeder Berlinerin und jedem Bayer genauso verbunden wie meinen Kölner Mitbürgern. Der Spanier hingegen definiert sich viel lieber über seine jeweilige comunidad, habe ich lernen müssen. Hier in Aragón spricht man also Aragonese und kein Spanisch und jeder, der in Barcelona einmal die Ramblas entlanggewandert ist, kann die Vielzahl an Katalonien-Flaggen bestätigen, die dort aus jedem zweiten Fenster hängen und stumme Zeugen der Abspaltungs-Diskussion sind. Wer nach Bilbao oder Pamplona im Norden reist, der wundert sich über Ausschilderungen auf der Autobahn, die in 3 Sprachen gehalten sind: Castellano, Gallego und Euskera. Ganz allgemein scheint das Besinnen auf regionalen Unterschiede zwischen den Provinzen den Spaniern bei der Findung einer regionalen Identität zu helfen, die sie fast schon ein wenig wichtiger als eine nationale Identität ansehen. Wann immer ich also vor meinen Mitarbeiterinnen in Monreal laut Madrid oder Barcelona preise und von den Museen, Bauwerken und Wahrzeichen schwärme, die ich natürlich ganz pflichtbewusst abgeklappert habe, so nicken sie zwar alles ganz freundlich ab, aber wirken nicht im geringsten so, als würden sie meine Faszinationen für die aufregenden Großstädte teilen. Warum erfüllt das hier keinen mit Stolz?, frage ich mich derweil. Immerhin war Gaudí genauso Spanier wie sie und auch wenn die Sagrada Familia vielleicht ein paar hundert Kilometer entfernt steht, so ist es doch genauso ihr Kulturgut... Aber genau das ist vielleicht mein Denkfehler.

 

Aragonien


Während es nur natürlich ist, dass ich mich als Außenstehender in diesem fremden Land stets erst an den Dingen orientierte, die ich darüber gehört, gelesen oder gelernt hatte, so ist das Spanien, das ich durch meine Arbeit, meine Reisen und meine Interaktion mit den Menschen hier kennengelernt habe, etwas ganz anderes als all diese früheren Assoziationen. Die Wahrheit ist schlichtweg, dass Barcelona und Madrid zwar wunderschön sind - aber für jeden Einwohner von Monreal einfach unendlich weit weg und dadurch nicht greifbar genug. Aber anstatt die Leute hier für diese eingeschränkte Sichtweise zu verurteilen oder gar zu bemitleiden, versuchte ich zu sehen, was für sie denn stattdessen spanische Werte ausmachte. Und sofort war ich an ihre Hifsbereitschaft, Geselligkeit und Familienverbundenheit erinnert. In Sachen kulturelles Erbe von Aragón lässt sich wiederum streiten. Schlussendlich kommt es jedoch nur darauf an, was einen jeden mit Stolz erfüllt über seine Herkunft. Für den ein oder anderen Andalusier mögen es wirklich die Alhambra, ein gutes Glas Rotwein und die sonnigen Strände im Süden sein. Für mich persönlich sind es Karneval und jeder Blick auf den Kölner Dom. Und für die anderen ist und bleibt es eben der Schinken.