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Europäische Kommission - Rede - [Es gilt das gesprochene Wort]

Rede von Kommissionspräsident Juncker beim Europäischen Trauerakt zu Ehren von Dr. Helmut Kohl, Bundeskanzler a.D. der Bundesrepublik Deutschland und Ehrenbürger Europas

Straßburg, 1. Juli 2017

Monsieur le Président du Parlement,

Majestades,

Meine Herren und Damen Präsidenten,

Meine Herren und Damen Premierminister,

Exzellenzen,

Meine Damen und  Herren,

Und für viele hier im Saal liebe Freunde,

Wir nehmen heute Abschied von Helmut Kohl, dem deutschen und dem europäischen Staatsmann. Und ich nehme Abschied von einem treuen Freund, der mich über Jahre, Jahrzehnte liebevoll begleitet hat. Es spricht hier nicht der Kommissionspräsident, sondern ein Freund, der Kommissionspräsident wurde.

Mit Helmut Kohl verlässt uns ein Nachkriegsgigant. Schon zu Lebzeiten hielt er Einzug in die Geschichtsbücher – und in diesen Geschichtsbüchern wird er für immer stehen. Er war jemand, der zum kontinentalen Monument wurde, vor dem deutsche und europäische Kränze niedergelegt werden, ja niedergelegt werden müssen. Es war sein Wunsch, hier in Straßburg Abschied zu nehmen, in dieser deutsch-französischen europäischen Grenzstadt, die ihm ans Herz gewachsen war. Diesem Wunsch musste entsprochen werden. Die heutige Trauerfeier ist nicht nicht-deutsch, sie ist europäisch, also auch deutsch. Wir beginnen diesen Tag in Straßburg und schließen ihn heute Abend in Speyer ab, im Speyerer Dom, dem er ein Leben lang verbunden war.

Helmut Kohl war ein deutscher Patriot. Aber auch ein europäischer Patriot. Er war jemand, der Dinge und Menschen zusammenführte und zusammenbrachte. Ein deutscher und europäischer Patriot ja, weil es für ihn keinen Widerspruch gab zwischen dem, was Deutsch ist, und dem Europäischen, das sein muss. Der französische Philosoph Blaise Pascal hat gesagt, dass er die Dinge mag, die zusammengehen: J'aime les choses qui vont ensemble. Für Helmut Kohl gingen deutsche und europäische Einheit zusammen. Zwei Seiten einer Medaille eben, wie Adenauer und er immer wieder betonten.

Er hat sich diese Maxime von Adenauer zu Eigen gemacht. Und er hat sie durch sein Denken und Tun immer wieder zur praktischen Anwendung gebracht.

Dafür gibt es viele Beispiele.

Der Fall der Berliner Mauer wurde europa- und weltweit freudig begrüßt. Die deutsche Wiedervereinigung – an die er stets ohne Abstriche glaubte – stieß allerdings in Teilen Europas auf Widerstände, ja, manchmal auch auf offene Ablehnung.

Helmut Kohl hat in vielen geduldigen Einzelgesprächen für die deutsche Wiedervereinigung geworben. Er konnte dies erfolgreich tun, weil seine über Jahre gewachsene Reputation es ihm erlaubte, glaubwürdig zu versichern, dass er ein europäisches Deutschland anstrebe und nicht ein deutsches Europa. Er hat die deutsche Wiedervereinigung gewollt, ja er hat sie mit ganzer Kraft gewollt, und hat außerhalb Deutschlands andere von dem historisch richtigen Weg zu überzeugen gewusst.

Er hat den Mantel Gottes, der für einen kurzen Augenblick durch die Geschichte wehte, zu greifen verstanden. Nicht jeder in Deutschland, nicht jeder in Europa hat diese Bewegung des Mantels Gottes sofort gespürt. Er schon. Er hat gespürt, dass die Deutsche Einheit greifbar nah war. Er hat die Gunst der Stunde richtig eingeschätzt und genutzt. Andere wären an dieser Epoche gestaltenden Aufgabe gescheitert. Man spürte, dieser Mann verfügt über perspektivische Kraft.

Helmut Kohl, das Deutsche im Blick, das Europäische weiterdenkend, hat seinen Blick immer auch nach Ost- und Mitteleuropa gerichtet. Nicht nur nach Polen, aber in besonderem Maße nach Polen. Er war für die Verbrechen der Nazis in Polen nicht verantwortlich. Aber er war sich der historischen Verantwortung, die auf Deutschland lastete, sehr bewusst. Genauso wie Willy Brandt, dem er an dessen Lebensende sehr nahe kommt. Helmut Kohl und Willy Brandt: Zwei große Männer unserer Zeit.

Die Erweiterung nach Osten und zur Mitte des Kontinentes ohne Polen war für Kohl schlicht unvorstellbar. Es wäre sehr wünschenswert, dass dies nicht vergessen wird.

Helmut Kohl war nicht nur der Architekt der deutschen Einheit. Er hat wesentlich, mehr als andere zur Versöhnung zwischen europäischer Geschichte und europäischer Geografie beigetragen.

Er gehört zu denjenigen, die dem Jalta-Trennungsdekret zwischen Ost- und West ein Ende bereitet haben. Ost- und Mitteleuropa, wie im Übrigen auch Südeuropa, verdanken Helmut Kohl vieles. Daran muss heute erinnert werden.

Hinzu kommt, dass er die Beziehungen zu Israel klug und mit Herzen weiter zu entwickeln wusste. Er war ein großer Freund Israels. Und er hat die Beziehungen zur früheren Sowjetunion und dem heutigen Russland kluge Aufmerksamkeit geschenkt. Der Historiker und der Kanzler wussten um die Weiten und Tiefen Russlands. Und gleichzeitig war er ein überzeugter Transatlantiker, ein überzeugter und aktiver Transatlantiker. Er hat – in der Folge von Helmut Schmidt – den NATO-Doppelbeschluss durchgesetzt, gegen den damaligen Zeitgeist.

Ich bin wahrscheinlich, Maike, meine Freunde, der Einzige in diesem Saal, der Helmut Kohl während einer Sitzung hat weinen sehen. Das war am 13. Dezember 1997. An dem Tag beschloss der Europäische Rat unter meinem Vorsitz in Luxemburg die Erweiterung der Europäischen Union nach Mittel- und Osteuropa sowie nach Zypern und Malta. Während des Mittagessens bat Helmut Kohl um das Wort – ausnahmsweise bat er um das Wort, weil normalerweise hat er sich das Wort genommen. Er bat um das Wort während des Mittagessens und sagte mit Tränen erstickter Stimme, dass dieser Tag des Auftaktes der Beitrittsverhandlungen zu den schönsten Momenten seines Lebens gehörte. Dass er als deutscher Bundeskanzler diesen historischen Augenblick des zusammenwachsenden Europas erleben dürfe, erfüllte ihn im Innersten mit großer Bewegung – nach all dem, so sagte er, Unheil, das Deutschland über Europa gebracht hatte. Und dann wurde er still, in sich ruhend, und hat lange Minuten geweint. Er war nicht der Einzige. Niemand hat sich seiner Tränen geschämt. Europe at its best!

Auch in Sachen Euro war er – gemeinsam mit meinem Freund Theo Waigel – die treibende und die tragende Kraft. Sicher: Er hat deutsche Interessen knallhart zu vertreten verstanden. Die im Vertrag zu verankernde Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank hat er freundlich und dann immer fordernder gegen alle Widerstände durchgesetzt. Davon hat er seine Zustimmung zum Euro abhängig gemacht. Ohne Helmut Kohl gäbe es den Euro nicht. Die Währungsunion hat in seinen Augen die europäische Einigung irreversibel gemacht. Für ihn war der Euro stets europäische Friedenspolitik mit anderen Mitteln.

Und noch etwas wofür Helmut Kohl steht: Er hat alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gleichermaßen respektiert. Große und vor allem kleinere Mitgliedsstaaten fühlten sich von ihm verstanden und wussten ihre Interessen gut bei ihm aufgehoben.

Und ein letztes, wenn Verhandlungen – und das kommt in Europa öfters vor – kurz vor dem Abbruch standen, dann hat er, indem er vorging, uns in die europäische Hauptstraße eingewiesen, und hat nicht zugelassen, dass wir uns in europäischen nationalen, exklusiv nationalen, Seitengassen verlaufen würden.

Monsieur le Président de la République,

Enfin Helmut Kohl était l'homme de la poursuite de la réconciliation franco-allemande, prolongeant avec ardeur l'œuvre de de Gaulle et d'Adenauer. Lui qui ne parlait pas le français n'ignorait rien de la France, de son histoire, de la France profonde, de ses régions, notamment de l'Alsace qu'il visitait souvent et qu'il aimait de tout cœur, connaissant d'ailleurs par cœur les bonnes adresses culinaires alsaciennes qui sont nombreuses. L'histoire retiendra une image qui dit tout sur Kohl et la relation intime qu'il entretenait avec la France. Lorsqu'à Verdun Helmut Kohl et Franςois Mitterrand se sont pris par la main, ils ont scellé ce jour-là à tout jamais la fraternité entre la France et l'Allemagne. Que nous lui disons adieu ici à Strasbourg, siège du Parlement européen dont il était l'ami constant, ici à quelques centaines de mètres de distance du Rhin, de ce Rhin chargé d'histoire, est un geste dramatique de l'Europe et symbolique. Cette belle ville de Strasbourg, pour lui LA capitale de l'Europe parce que siège de la représentation des peuples européens, honore aujourd'hui la mémoire d'Helmut Kohl, l'Européen.

Ja, Helmut war ein deutscher und ein europäischer Patriot. Für ihn war Patriotismus nie ein Patriotismus gegen andere, sondern ein gelebter Patriotismus mit anderen.

Rheinland-Pfalz, Deutschland und Europa verneigen sich vor dem imposanten Lebenswerk von Helmut Kohl. Wir tun dies in Dankbarkeit, ja in Ehrfurcht. Er hat ein dicht gefülltes Leben gehabt. Einiges, das ihm widerfahren ist, wird er inzwischen vergessen haben. An Vieles wird er sich aber auch jetzt noch gerne erinnern. Er weiß – wir wissen es auch – dass er Europa besser gemacht hat.

Lieber Helmut,

du bist, so denke ich, jetzt im Himmel. Wir hätten dich lieber hier. Versprich mir, dass Du im Himmel nicht sofort einen neuen CDU-Ortsverein gründest. Du hast genug getan für Deine Partei, für Dein Land, für unser gemeinsames Europa.

Vielen Dank Helmut. Merci, obrigado, спасибо, dank u wel, dziękuję, mille grazie, muchas gracias, thank you.

Ruhe in Frieden, Herr Bundeskanzler und lieber Freund. Du hast nach einem reich gefüllten Leben Ruhe verdient. Ewige Ruhe.

 

Rede von Kommissionspräsident Juncker (Deutsch)

 

 

SPEECH/17/1874


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