Navigation path

Left navigation

Additional tools

Other available languages: none

Europäische Kommission - Rede - [Es gilt das gesprochene Wort]

Rede von Präsident Juncker anlässlich des Festaktes: "70 Jahre Niedersächsischer Landtag – Aus der Mitte Europas: Niedersachsen in Europa und Europa in Niedersachsen"

Hannover, 15. Mai 2017

Sehr verehrter Herr Präsident Busemann, lieber Bernd,

Sehr verehrter Herr Ministerpräsident, lieber Stephan,

Lieber David McAllister, guter Freund aus alten und zukünftigen Tagen,

Meine sehr verehrten Damen und Herren Abgeordnete, Minister und Staatssekretäre,

ich bin froh, heute in Hannover zu sein. Das sagt man immer bei Redebeginn. Meistens stimmt es  ja nicht, aber heute stimmt es, obwohl nicht ganz. Ich bin seit Mitte der 60er Jahre Fan von Eintracht Braunschweig. Deshalb beäugt mich der Ministerpräsident immer mit argwöhnischen Augen, wenn wir uns treffen, weil er ist das – wie jeder Mann weiß – nicht. Dass Braunschweig am letzten Samstag verloren hat, ist aber einer einfachen Tatsache geschuldet: seit drei Wochen ist ein Luxemburger Trainer von Arminia Bielefeld. Und wenn ich noch Ministerpräsident Luxemburgs wäre, hätte ich das zu verhindern gewusst. Aber Relegation ist ja keine Option – Relegation ist eine Chance. Hannover 96 hat das ja schon geschafft, oder? 

Also, ich bin gerne gekommen, weil ich doch dieses Land sehr bewundere: Niedersachsen, auch der niedersächsische Landtag, der dieses Land ja gestaltend begleitet hat, hat einen langen Weg die letzten 70 Jahre zurückgelegt. Die Bilder, die wir eben sahen, sprechen ja ihre eigene Sprache und man fragt sich eigentlich, worüber wir uns dauernd beklagen.

Aber – wie heißt es in dem Lied von Hans Albers? Wir fangen wieder von vorne an. Und das haben die Menschen hier in Niedersachsen getan. Und dass Niedersachsen nach 70 Jahren Geschichte, und schon vorher, eine richtige Erfolgsgeschichte geworden ist, das war – wie die protestantischen Theologen sagen – nicht vorgegeben. Das musste erarbeitet werden. Wer hat das erarbeitet? Nicht wir. Erarbeitet wurde es – sowohl in Niedersachsen als in ganz Europa – von diesen Menschen, die von den Frontabschnitten und aus den Konzentrationslagern in ihren zerstörte Städte und Dörfer zurückkamen, und die aus diesem ewigen Nachkriegsgebet ''Nie wieder Krieg'' ein Programm entworfen haben, das bis heute seine Wirkung zeigt. Wir stehen auf den Schultern von Giganten, und wenn wir uns vergleichen, sind wir sehr, sehr klein.

Über 2 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge kamen nach Kriegsende nach Niedersachsen, mussten untergebracht werden, mussten ernährt werden. Keine einfache Aufgabe. Der Gebietsbeauftragte, den man zu Recht heute gewürdigt hat, hat einmal einen richtigen Hilfeschrei ausgesandt und hat gesagt: Ich habe nicht Kalorien genug für die Menschen in Niedersachsen. Und das, was die Menschen aus eigener Kraft bewerkstelligt haben, ruft nach sonst nichts wie nach Bewunderung. Gott sei Dank gab es damals noch keine Europäische Kommission, weil wir hätten dann mal Vorschriften erlassen, wie mit den Trümmern umzugehen ist, was man nicht tun darf. Wenn es die Europäische Kommission damals schon gegeben hätte, die Trümmerfrauen in Berlin hätten mit ihrer Arbeit noch überhaupt nicht angefangen. Und deshalb ist es eigentlich gut, wenn die Menschen selbst Geschichte machen und die Dinge selbst in die Hand nehmen.

Das haben die Deutschen gemacht – Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre – als Deutschland zum Glück wiedervereint wurde – ein herausragendes Ereignis der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Manchmal kommt es mir so vor, als ob ich der einzige Politiker wäre, der des Deutschen mächtig ist und sich immer noch an der Deutschen Wiedervereinigung freut. Das war eine großartige Leistung der Deutschen und mithin auch der Niedersachsen.

Das Niedersachsen-Gefühl bestand nicht vom ersten Tag an. Das ist stetig, langsam gewachsen. Und als die Menschen hier in Niedersachsen in ihrem Gefühl, in ihrem Ambiente ankamen, ging es mit Niedersachsen bergauf. Dies ist ein hochmoderner Industriestandort geworden, nicht nur Volkswagen, aber auch Salzgitter – und im Übrigen wird die Europäische Kommission dafür sorgen, dass die Chinesen und Amerikaner nicht irgendwie mit Salzgitter umspringen. Wir werden für Ordnung sorgen.

Die Beschäftigung befindet sich auf einem Rekordstand, der Wirtschaft geht es besser, sowohl in der Republik als auch im Land – es gibt also vieles, worüber man sich zu freuen hat. Die Deutsche Einheit war ein regelrechter Zukunftspush für Niedersachsen, weil Niedersachsen hat seine Randlage verlassen und hat sich in der Mitte der Republik und in der Mitte Europas zurückgefunden. Es ist eigentlich ein Land der europäischen Mitte.

Europa findet – was viele nicht wissen, weil über europäische Erfolge wird ja nicht offen geredet – in Niedersachsen jeden Tag statt. Fördermittel fließen in 5000 europäisch getragene, mit der Landesregierung zusammen organisierte, Projekte. Von 2014 bis 2020 fließen EUR 2,1 Milliarden europäischer Fördermittel nach Niedersachsen. 423.000 Niedersachsen nehmen an  Weiterbildungskursen teil, die von der Europäischen Union finanziert werden. Ich könnte die Liste der Erfolge Europas in Niedersachsen beliebig weiterführen – Forschungsgelder, die in die Universitäten und Hochschulen dieses Landes fließen; die Zuwendungen aus den europäischen Agrarfonds und anderes mehr.Dann bin ich immer wieder erstaunt darüber beim Lesen der überregionalen deutschen Presse, dass die Europäische Union eigentlich gesehen wird als jemand, der von deutschem Geld übermäßig stark profitieren würde. In Europa gibt es keine Nettozahler und Nettoempfänger. Es gibt wohl diejenigen, die ein bisschen mehr einzahlen als sie herauskriegen, aber in Europa sind alle Netto-Empfänger, weil ohne Europa wären wir alle Negativ-Nettozahler.

Vieles wurde in den letzten 60 Jahren in Europa erreicht. Wir freuen uns nicht darüber, wir feiern die europäischen Erfolge nicht. Dass wir es geschafft haben auf diesem Kontinent, der mehr Blut als Sonne gesehen hat, dem Frieden eine endgültige Heimstatt zu geben ist eine unwahrscheinliche Leistung.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ein Tag Krieg in Europa kostet mehr als der Jahreshaushalt der Europäischen Union. Ich gebe lieber Geld aus für Frieden als für Krieg. Und deshalb bin ich Europäer.

Wir haben die Europäische Union nach Ost- und Mitteleuropa erweitert, trotz vieler Probleme, vieler Hürden, die es zu überwinden galt. Aber dass wir es geschafft haben, das war nun unsere Generation, europäische Geschichte und europäische Geographie wieder miteinander zu versöhnen, ist die Leistung unserer Generation, die ohne die Leistung der Vorgängergeneration nicht möglich gewesen wäre.

Wir haben Europa den Euro gegeben – gegen den Rat von vielen, nicht nur deutscher Wirtschaftsprofessoren, von denen viele es immer noch nicht begreifen können, dass was in der Theorie nicht sein kann, in der Praxis nicht stattfinden darf. Aber der Euro ist da und hat uns in schwierigsten Momenten internationaler Geschichte geschützt. Wenn wir den Euro nicht gehabt hätten, nach der aus Amerika importierten Finanz- und Wirtschaftskrise, wenn wir noch 15, 16, 17, 18, 19 Währungen gehabt hätten – 19 verschiedene Geldpolitiken der Zentralbanken, 19 konträr verlaufende Wirtschaftspolitiken der Regierungen – die Arbeitslosigkeit wäre ins Unendliche gestiegen, vor allem aber in der Bundesrepublik Deutschland. Und das muss man manchmal in Erinnerung rufen.

Aber wir haben auch vieles falsch gemacht in all diesen Jahrzehnten. Wir haben den Gedanken akkreditiert – einige auch bewusst – als ob Europa für alles zuständig wäre. Und das ist etwas, was mich immer wieder beeindruckt, wenn ich Bürgerdialoge in Malta, in Slowenien, in Rumänien, in Belgien, sonst wo absolviere. Die Menschen denken, wir wären für alles zuständig. Ich habe einen schwierigen Moment neulich in Malta gehabt, weil man mir absolut nicht verzeihen wollte, dass die Kommission noch keinen Großelterntag in der Europäischen Union eingeführt hat. Das können wir nicht tun, das können wir nicht leisten. Wir sollten die Menschen daran gewöhnen, dass Europa für das zuständig ist, was Europa besser kann als Kommunen, als Länder, als Regionen, als Städte und nicht so tun, als hätten wir ein Zaubermittel für alle Probleme dieser Welt. Uns ein bisschen zurücknehmen und uns auf die großen Dinge konzentrieren und nicht unsere Nase als Europäische Union oder als Europäische Kommission in alle Dinge des Lebens hineinstecken. Ich habe einen heroischen Kampf geführt in Brüssel, um die Kommission davon abzubringen, Duschköpfe, Toilettenspülungen, Wärmeerhitzer, Haartrockner in Europa zu normieren – das machte Sinn, weil das ist mit Energieeinsparen verbunden. Aber die Menschen verstehen nicht, dass Europa sich in alle Dingen des Alltags einmischt, und deshalb sollten wir das auch nicht tun.

Europa kriegt man nicht auf die Beine, wenn Europa als eine Gefahr für die Nationen empfunden wird. Europa gegen den Willen der Nationen aufbauen ist ein Irrweg. Die Nationen sind keine provisorische Erfindung der Geschichte, sie sind auf Dauer eingerichtet. Und genauso ist es mit den Regionen – wem sage ich das? – und deshalb ist es wichtig, dass die Europäische Kommission, für die ich hier sprechen darf, intensivsten Beratungskontakt mit nationalen und Länderparlamenten führt. Wer die Länderparlamente und auch die nationalen Parlamente nicht einbindet in die Beschlussverfahren der Europäischen Union, der regiert sehr oft an den Menschen vorbei. Wer nicht auf das lokale Ambiente achtet, wer nicht zur Kenntnis nimmt, dass die Menschen ihre direkte Nähe zur ihrer Landschaft, zu ihren Traditionen, zu ihren Eigenarten mit Europa und nicht gegen Europa pflegen können, der hat von Europa, seinem Reichtum, seiner Vielfalt nichts verstanden. Und deshalb würde ich auch den niedersächsischen Landtag gerne auffordern, sich so intensiv wie möglich in Europapolitik einzubringen. Der Kommission auf die Finger zu klopfen, wenn wir die Finger zu weit ausstrecken. Dafür zu sorgen, dass Europa sich nah an den Menschen bewegt und sich nicht, wie wir oft feststellen müssen, von den Menschen wegbewegt. Wenn wir die Zustimmung der Menschen zu diesem gewaltigen Projekt verlieren, dann können wir einpacken; und das müssen wir verhindern. Und wenn wir dies nicht verhindern und wenn wir nicht achtsam genug sind für die Bewegungen, die es auf Länderebene, auf regionaler Ebene gibt, dann geben wir auch den Populisten eine große Chance. Wenn die Parlamente sich nicht einmischen, dann mischen die Populisten sich ein. Und weil auch in den traditionellen politischen Familien der Populismus nicht wirklich mehr bekämpft wird, sondern sehr oft nachgeäfft wird, gehen wir einen schweren Weg, wenn wir nicht die Parlamente in ihrer staatstragenden Funktion wieder stärken.

Subsidiarität ist ein Dauerauftrag für die Europäische Union, für uns alle. Das tun, was Europa besser kann, und die Finger weg lassen von den Dingen, die vor Ort besser geregelt werden können, das ist eigentlich die Herangehensweise meiner Kommission. Wir haben bei Amtsantritt 100 Gesetzesvorhaben kassiert und statt jedes Jahr 130 neue Initiativen auf die Menschen niederprasseln zu lassen, starten wir jetzt 23 neue Initiativen im Jahr – 80% weniger als die Vorgängerkommission. Trotzdem heißt es überall: Europa kümmert sich um zu viel. Europa möchte überall dabei sein. Dabei machen wir genau das Gegenteil. Meine Freunde aus dem Europaparlament können bestätigen, dass es dort viele Kollegen gibt, die eigentlich der Auffassung sind: die Kommission tue nicht genug. Weil, wie es heißt, die Arbeit ausginge. Nein, nein, nein. Erstmal das wegräumen, was schon Jahre und Jahrzehnte auf dem Tisch liegt, bevor wir neue Spitzfindigkeiten erfinden, um die Menschen zu ärgern. Erst die Arbeit tun, die getan werden muss.

Was sind die großen Zukunftsthemen? Was wird morgen sein, Bernd, nach der Dämmerung? Es wird so sein, dass man sich nur vermeintlich mit zwei Problemen intensivst, das heißt exklusiv, auseinandersetzen muss, mit dem sich zurzeit sehr prominent beschäftigt wird. Türkei-Beitritt und britischer Austritt. Die Briten haben ihre Entscheidung getroffen, im Übrigen auch aus innerbritischen Gründen, und nicht nur wegen Brüssel. Das war ein Satz in Deiner Rede, der hat mir nicht so gut gefallen. Der war unhistorisch, weil die Wirklichkeit nicht integral widerspiegelnd – die Briten hatten auch innerbritische Ursachen, um dieses Referendum so zu beschließen, wie sie das getan haben. Aber unabhängig davon – wir dürfen jetzt wegen dieser Brexit-Frage – so wichtig und tragisch sie letztendlich ist – nicht alles der Erörterung dieser Frage unterordnen.

Es gibt noch vieles in Europa zu tun, was wir tun müssen, und nicht an jeder Kurve Briten, britischer Austritt, Brexit rufen. Nein, nein. Sowohl in Sachen Großbritannien, das ist ein Land, dem der Kontinent sehr viel verdankt, und besonders Niedersachsen hat ja bis heute eine sehr intensive Beziehung zu Großbritannien aufrecht erhalten, und zu Recht. Sowohl was Großbritannien, den Brexit betrifft, als auch den Türkei-EU-Beitritt betrifft, muss man eines in Erinnerung rufen: die Europäische Union tritt nicht aus Großbritannien aus, Großbritannien tritt aus der Europäischen Union aus. Und die Europäische Union tritt nicht der Türkei bei – die Türkei möchte der Europäischen Union beitreten. Das heißt, dass hier Prinzipien gelten. Wer Zugang zum Binnenmarkt möchte, muss die Grundfreiheiten des Binnenmarktes respektieren. Und wer Mitglied in der Europäischen Union werden möchte, darf die Todesstrafe nicht einführen. Wir müssen klar an unseren Prinzipien festhalten. Wobei ich ein ausgesprochener Türkeifreund bin; obwohl mit Herrn Erdoğan meine Beziehungen wesentlich weniger zärtlich geworden sind in den letzten Jahren als dies vormals der Fall war. Aber wir haben auch der Türkei vieles zu verdanken. Das Flüchtlings-Abkommen mit der Türkei – verschrien und zerfleddert – hat immerhin dazu geführt, dass anstatt wie im Jahre 2015 10.000 aus der Türkei kommend auf den griechischen Inseln gelandet sind, jetzt im Schnitt 42 Flüchtlinge ankommen. Wenn dieser massive Zufluss von Flüchtlingen – ich kritisiere hier nicht die Flüchtlinge, sondern die Schlepper – angehalten hätte, wir wären in Teufelsküche geraten. Und wenn ich mir die Bemerkung auch noch erlauben darf, bei der Bilderbetrachtung: 2,4 Millionen Flüchtlinge allein nach Niedersachsen. Und das Problem wurde in die Hand genommen – jeder einzelne Niedersachse hat da sein Scherflein, sogar mehr als sein Scherflein dazu beigetragen. Und jetzt sollen wir als Europäische Union – 500 Millionen Einwohner – keine 2 Millionen Flüchtlinge unterbringen, und wir sind hundert Mal so reich wie die Menschen 1946 in Niedersachsen waren? Manchmal sollten wir uns auch schämen. Dabei ist es nicht so, wie es auch in den elektronischen deutschen Medien heißt, dass der Schutz der Außengrenzen nicht funktionieren würde – er hat lange nicht funktioniert – aber jetzt funktioniert er. Wer weiß das eigentlich? Wer weiß, dass über 850 europäische Grenzschützer in Griechenland ihre Arbeit tun und über 350 europäische Grenzschützer in Italien ihrer Arbeit nachgehen? Wer weiß schon, dass wir 2015 nur von 8% der in Griechenland ankommenden Flüchtlinge Fingerabdrücke abgenommen haben und dass wir heute 100% Fingerabdrücke abnehmen können, was wesentlich zur Sicherheit – auch zu dem Antiterrorkampf in der Europäischen Union – beiträgt?

Wenn es um Zukunftsaufgaben geht, müssen wir auf die großen Dinge achten. Wir brauchen in Europa einen funktionierenden digitalen Binnenmarkt. Da sind wir relativ schwach. Wenn wir das tun, was die Kommission vorschlägt – die Regierungen sind immer gut beraten, das zu tun – dann kriegen wir pro Jahr einen wirtschaftlichen Mehrwert von EUR 415 Milliarden in Europa, schaffen hunderttausende Arbeitsplätze pro Jahr. Ähnliches gilt für die Energieunion. Wir können uns doch nicht damit abfinden, dass wir uns energiepolitisch weiterhin in Abhängigkeiten befinden. Wir müssen bei aller Freundschaft zu Russland und anderen dafür sorgen, dass wir autark werden, wenn es um die Energieversorgung in Europa geht. Wir müssen die Bankenunion ausbauen, deshalb brauchen wir eine Kapitalmarktunion. Und ich bin auch dagegen, dass man jetzt wieder der Deregulierung das Wort redet. Ich gebe zu, in einigen Punkten wurde überreguliert. Aber jetzt wieder massiv zu deregulieren, um wieder in die Irrungen und Wirrungen von 2008-2009 zurückzufallen, das lasse ich nicht zu. Die Krise ist entstanden, weil die, die sie verursacht haben, die Kardinaltugenden der sozialen Marktwirtschaft nicht beachtet haben. Nicht die soziale Marktwirtschaft ist fehlerhaft, sondern die, die unflätig mit dem umgegangen sind, sind schuldig.

Die Kommission hat vor Wochen ein Weißbuch zur europäischen Zukunft vorgelegt – fünf Szenarien. Wenn ich meinem natürlichen Temperament freien Lauf gelassen hätte, dann hätten wir nur ein Szenario vorgelegt, und zwar das, das mir am besten gefallen hätte. Das wäre sehr gut gewesen, nur es wäre niemand damit einverstanden gewesen. Und das ist nicht das Szenario der Vereinigten Staaten von Europa – ich mache mir dieses Konzept nicht zu Eigen. Die Menschen wollen nicht einen europäischen Superstaat, ein kontinentales Magma, wo man seine Kleinen nicht wiederfindet. Nein. Die Menschen legen Wert auf Nation, auf Region, auf Städte, auf Eigenarten, ich habe das vorhin gesagt. Also man sollte Abstand nehmen von diesem irreführenden Konzept, das darin besteht, dass die Menschen denken, die Europäische Union befände sich auf dem Wege der Verstaatlichung nach der Vorgabe und dem Muster der Vereinigten Staaten von Europa. Aber dort, wo wir können, müssen wir auch wollen, und deshalb ist es mein Wunsch, dass über dieses Weißbuch, über diese fünf Szenarien, überall in Europa diskutiert wird, debattiert wird, und man dann den europäischen Instanzen mitteilt, zu welchen Ergebnissen man gelangt ist. Und das ist auch, Bernd, eine Sache für den Landtag; auch der niedersächsische Landtag soll sich mit diesen Zukunftsszenarien beschäftigen, und Farbe bekennen. Anstatt dass die Regierungen, wenn sie aus Brüssel abfahren, so tun, als ob sie in Brüssel nicht dabei gewesen wären, und schlecht über das reden, was dort beschlossen wurde, wäre es gut, wenn Regierungen – Parlamente auch – endlich Farbe bekennen würden. Europapolitik ist nicht Schimpfen über Brüssel – Europapolitik ist es, Brüssel zu erlauben, bessere Europapolitik zu machen. Und das sollte man tun.

Wir machen einiges richtig, zum Beispiel der Juncker-Plan, ist eine richtige Sache. EUR 315 Milliarden Investitionen, bis 2022 EUR 630 Milliarden Investitionen ist doch was. Als ich in Brüssel angetreten bin, hatten wir einen Investitionsrückstand von 15% im Direktvergleich zum Vorkrisenjahr 2007. Europa investiert nicht genug – kein Land in Europa investiert im Übrigen genug. Und deshalb sollte man tunlichst diesen Juncker-Plan weiterverfolgen. Der heißt ja auch jetzt nicht mehr so. Am Anfang hieß der Juncker-Plan ''Juncker-Plan'', weil diejenigen, die dachten, das wird ein totaler Reinfall, dachten, wir müssen den prä-identifizieren, der an diesem Reinfall Schuld ist. Jetzt funktioniert das und jetzt heißt das der Europäische Fonds für strategische Investitionen. Aber Sie müssen wissen, es ist immer noch der Juncker-Plan und ich wäre froh, wenn auch in Niedersachsen mitangepackt würde, um einige Projekte dieses Europäischen Zukunftsinvestitionsfonds nach Niedersachsen zu bringen.

Was wir tun müssen in den nächsten Jahren – langsam, behutsam, nicht aggressiv – ist der Europäischen Union zu Weltpolitikfähigkeit zu verhelfen. Die Europäische Union, ursprünglich, war nicht als weltpolitischer Akteur konzipiert. Aber wir sind es geworden, wir können überhaupt nicht mehr anders. Es entstehen Gefahrenherde allenthalben und es entsteht durch die Zögerlichkeit der US-amerikanischen Politik ein Vakuum, das man auffüllen muss, ansonsten es von den Falschen aufgefüllt werden wird. Und deshalb müssen wir uns um die Dinge in der Welt intensiver kümmern.

Die Europäische Union ist kein Angebot nur an den europäischen Kontinent, es ist ein Angebot an die Welt. Und wir müssen Europa richtig einzuschätzen wissen. Europa ist der kleinste Kontinent und wir denken immer noch, wir wären die Herren der Welt. Das sind wir nicht, brauchen wir auch nicht. Unser relativer Anteil an der globalen Wertschöpfung nimmt stetig ab – von 25-30% heute auf unter 15-20%. Kein Land der Europäischen Union, auch das größte nicht, wird in zwanzig Jahren noch Mitglied der G7-Runde sein. Kein Europäer wird mehr an dem Tisch sitzen. Und demographisch gehen wir auch den Weg, den wir beschritten haben. Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren 20% der Menschen Europäer, jetzt sind es noch 7%, und am Ende des Jahrhunderts 4% von zehn Milliarden Menschen. Wir sind der kleinste Kontinent, unser wirtschaftliches Gewicht nimmt ab und wir werden immer weniger. Das kann nicht der Moment sein, wo wir die Europäische Union sich selbst überlassen, wo wir die Zersetzungsgefahren nicht richtig einschätzen, wo wir wieder in das nationale Kleinklein zurückfahren. Wenn ich nicht Luxemburger wäre, würde ich vor Kleinstaaterei warnen, weil Kleinstaaterei ist nicht das Zukunftsmodell der Europäischen Union.

Und wir müssen uns viel stärker um die sozialen Belange der Europäer kümmern. Wir haben in Europa ein sozialpolitisches Defizit. Ich sage nicht, dass nichts gemacht wurde, aber da ist wirklich mehr drin. Deshalb hat die Europäische Kommission eine breit angelegte Konsultierung zur Feier der Sozialrechte losgetreten und ich hätte gerne, dass sich möglichst viele daran beteiligen. Wenn wir es nicht schaffen – und das hat jetzt mit Arbeiterromantik nun wirklich nichts zu tun –, dass die europäische Arbeitnehmerschaft und große Teile des Mittelstandes, Rückgrat unserer Volkswirtschaften, sich wieder in Europa wiedererkennen, dann geht Europa einen sehr schweren Weg. Wir müssen uns wieder an die wenden, für die Europa eigentlich erfunden wurde. Träumen kann man nicht verbieten.

Vielen Dank.

SPEECH/17/1335


Side Bar