Navigation path

Left navigation

Additional tools

Viviane Reding Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, EU-Justizkommissarin Geminsam für mehr Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaft VIP Corner mit Bundesministerin Ursula von der Leyen zum Thema Frauen in Führungspositionen Brüssel, 4. Mai, 2011

European Commission - SPEECH/11/308   04/05/2011

Other available languages: none

SPEECH/11/308

Viviane Reding

Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, EU-Justizkommissarin

Gemeinsam für mehr Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaft

VIP Corner mit Bundesministerin Ursula von der Leyen zum Thema Frauen in Führungspositionen

Brüssel, 4. Mai, 2011

Ich freue mich sehr, Bundesministerin Ursula von der Leyen in Brüssel zu begrüßen – zu einem Thema, das uns beiden sehr am Herzen liegt: mehr Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaft.

Es heißt ja oft, wir Frauen können uns nicht einigen, aber wir beiden waren uns in unserem heutigen Gespräch sehr wohl einig: Europa braucht mehr Frauen. Und Europa braucht vor allem mehr Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft. Frauen sind in den Aufsichtsräten und Vorständen der europäischen Unternehmen deutlich unterrepräsentiert. 10% der Aufsichtsräte und nur 3% der Aufsichtsratsvorsitzenden der größten börsennotierten Unternehmen in Europa sind Frauen. Wir haben also eine 90%ige Männerquote. Die Situation in Deutschland sieht übrigens nicht viel besser aus: dort sind gerade einmal 13% der Aufsichtsratmitglieder der DAX Unternehmen weiblich.

Fortschritt gibt es nur im Schneckentempo. In den vergangenen sieben Jahren ist der Anteil von weiblichen Aufsichtsratsmitgliedern in der EU lediglich um einen halben Prozentpunkt pro Jahr gewachsen. In diesem Tempo brauchen wir noch 50 Jahre bis wir die Gleichstellung in Aufsichtsräten und Vorständen erreicht haben. Deshalb ist es gut, dass immer mehr Politiker in Europa die Sache nun selbst in die Hand nehmen. Und das nicht aus "feministischen Gründen", sondern wegen starker wirtschaftlicher Argumente.

Studien zeigen einen positiven Zusammenhang zwischen dem Frauenanteil in Vorstandsetagen und dem Unternehmenserfolg auf. Nach einer Untersuchung von McKinsey war der Betriebsgewinn der Unternehmen mit den meisten Frauen in Leitungsgremien um 56 % höher als der jener Unternehmen, die ausschließlich von Männern geleitet wurden.

Es geht hier auch um Europas Wettbewerbsfähigkeit. Wir stehen vor demografischen Herausforderungen: eine alternde Gesellschaft und eine niedrige Geburtsrate – Deutschland hat übrigens die niedrigste Fruchtbarkeitsrate in der gesamten EU (nur 1,4 Geburten pro Frau) – führen zu einem Rückgang der Erwerbsbevölkerung. Laut Schätzungen wird die erwerbstätige Bevölkerung in Deutschland innerhalb der kommenden zehn Jahre um 5 Millionen sinken, von 45 Millionen im Jahr 2010 auf 41 Millionen im Jahr 2020. Gleichzeitig haben sich aber die Mitgliedstaaten in der Europa 2020-Strategie verpflichtet, die Beschäftigungsquote bis zum Jahr 2020 auf 75% zu steigern. Dieses ambitionierte Ziel können wir nur erreichen, wenn wir auch das Potential der Frauen nutzen.

Wir haben hochqualifizierte Frauen in Europa. In Europa erreichen heute mehr Frauen als Männer einen Hochschulabschluss. Leider schöpfen Unternehmen dieses Potential nicht aus. Die politischen Entscheidungsträger sollten ihre Verantwortung wahrnehmen und effektive Maßnahmen ergreifen.

Im März habe ich Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende börsennotierter Unternehmen um einen Tisch versammelt und sie nach eingehender Diskussion aufgefordert, die freiwillige Selbstverpflichtung „Mehr Frauen in Vorstandsetagen – Verpflichtung für Europa“ zu unterzeichnen. Die Firmen verpflichten sich dabei freiwillig, den Frauenanteil in Aufsichtsräten und Vorständen bis 2015 auf 30% und bis 2020 auf 40% zu erhöhen. Sie verpflichten sich, diese Ziele zu erreichen, indem sie freiwerdende Aufsichtsratsposten mit qualifizierten Frauen besetzen und Frauen ermutigen, Führungspositionen zu übernehmen. Die Selbstverpflichtung steht zur Unterschrift auf meiner Website bereit. Ich freue mich heute mitteilen zu können, dass bereits die ersten beiden Unternehmen – das französische Parfüm- und Kosmetikunternehmen Guerlain und die spanische Unternehmensberatung FES Consulting Empresarial – die Verpflichtung unterzeichnet haben.

Weitere Unternehmen haben bereits ihr Interesse angekündigt und sollten diesem positiven Beispiel bald folgen. Ich würde mich freuen wenn die deutsche Bundesregierung mich in meinen Bemühungen unterstützt und deutsche Unternehmen dazu ermutigt die von der Kommission initiierte europäische Selbstverpflichtung „Mehr Frauen in Vorstandsetagen" zu unterzeichnen.

Allein auf Selbstverpflichtung zu setzen wäre aber naiv. Wir haben immer wieder in den vergangenen Jahren erlebt, dass Aufrufe zur Selbstregulierung bisher stets fruchtlos geblieben sind. Frau von der Leyen hat mir heute ausführlich von den deutschen Erfahrungen berichtet. Ich habe deshalb den börsennotierten Unternehmen in Europa nur noch ein Jahr Zeit gegeben – bis März 2012. Das ist die letzte Gelegenheit für die Unternehmen, durch glaubhafte Selbstregulierung den Frauenanteil in den Aufsichtsräten zu erhöhen. Einige europäische Länder haben sich bereits weniger geduldig als ich gezeigt und sind weiter gegangen. Norwegen hat 2003 als erstes Land eine Frauenquote von 40% für Unternehmensvorstände eingeführt, Spanien folgte 2007 mit einem Gesetz, wonach die Verwaltungsräte staatlicher und privater Kapitalgesellschaften bis 2015 mindestens 40% Vertreter beider Geschlechter repräsentieren müssen. Island hat im vergangenen Jahr eine Frauenquote von 40% bis 2013 für börsennotierte Unternehmen beschlossen, und vor einigen Monaten hat nun auch Frankreich ein Gesetz verabschiedet, wonach bis 2017 40% der Vorstandsmitglieder der größten börsennotierten Unternehmen weiblich sein müssen. In Italien, den Niederlanden und Belgien werden gesetzliche Quoten bereits von den Parlamenten diskutiert. Mit großem Interesse verfolge ich auch die Debatte in Deutschland und bin gespannt, ob die erneute Selbstverpflichtung der DAX-Unternehmen und die so genannte "Flexiquote" zum Erfolg führen werden. Oder ob auch in Deutschland ein gesetzlicher Weg notwendig sein wird, um Veränderungen herbeizuführen.

Die Frauenquote ist ein europäisches Thema. Es geht um Unternehmen, die auf dem Europäischen Binnenmarkt tätig sind und um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Ich bezweifle, dass Europäische Unternehmen, die in mehreren EU-Ländern tätig sind, erfreut sein werden wenn sie einer Reihe verschiedener, nationaler Quoten-Regelungen gegenüberstehen…

Lassen Sie mich eines deutlich sagen: Ich bin kein Quoten-Fan. Ich bin auch keine Feministin. Und ich schwinge nicht gern die Regulierungskeule – auch wenn ich dazu bereit bin, wenn es gar nicht anders geht.

Für mich zählt das Resultat. Im März 2012 werde ich über den Erfolg der europäischen Selbstverpflichtung Bilanz ziehen. Die Kommission wird dann prüfen, ob ausreichende Fortschritte gemacht wurden und glaubwürdige Selbstverpflichtungen von einer kritischen Masse an Unternehmen vorliegen. Sollte kein ausreichender Fortschritt absehbar sein, schließe ich Gesetzesinitiativen auf EU-Ebene als ultima ratio nicht aus. .

Ich möchte die Bundesregierung ermutigen, ihre Politik für eine bessere Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt fortzuführen, besonders bei der Umsetzung der Strategie Europa 2020. Eine Steuerpolitik, die Anreize für Doppelverdienerfamilien setzt, sowie Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind zielführend. Es ist auch wichtig die Geschlechtertrennung in einigen Berufen zu überwinden. Die Bundesregierung hat bereits eine erfolgreiche Kampagne begonnen, die Mädchen und Frauen ermutigen soll technische Berufe zu ergreifen und sich gleichzeitig bemüht Männer für Berufe im Pflegebereich zu interessieren.

Und da wir schon bei der Arbeitsmarktpolitik sind, möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich begrüßen, dass sich Bundesministerin von der Leyen so positiv zu der am 1. Mai in Deutschland erfolgten Arbeitsmarktöffnung für Arbeiter von den zehn neuen osteuropäischen Mitgliedsstaaten geäußert hat. Es ist wichtig, dass eines der größten Mitgliedsländer und die bedeutendste Volkswirtschaft der EU die Freizügigkeit in Europa nicht als Gefahr, sondern als "eine ganz große Chance" sieht. Das ist der richtige Weg, demografischen Herausforderungen und einem drohenden Fachkräftemangel entgegenzutreten.

Manchmal braucht es in der Politik eben eine starke Frau, um Meinungen zu ändern oder wirkliche Veränderungen herbeizuführen – aber das brauche ich Ihnen deutschen Journalisten ja nicht zu erzählen! Ich freue mich sehr über die heute unterstützende Stimme von Frau von der Leyen, denn ein Projekt kann nur dann gelingen, wenn man – bzw FRAU – Verbündete hat.


Side Bar

My account

Manage your searches and email notifications


Help us improve our website