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Romano Prodi Präsident der Europäischen Kommission Das größere Europa - eine Politik der Nachbarschaft als Schlüssel zur Stabilität "Friede, Sicherheit und Stabilität - Internationaler Dialog und die Rolle der EU" - Sechste Weltkonferenz des Studienverbandes der Europäischen Gemeinschaft - Projekt Jean Monnet Brüssel, 5. - 6. Dezember 2002

European Commission - SPEECH/02/619   06/12/2002

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SPEECH/02/619

Romano Prodi

Präsident der Europäischen Kommission

Das größere Europa - eine Politik der Nachbarschaft als Schlüssel zur Stabilität

"Friede, Sicherheit und Stabilität - Internationaler Dialog und die Rolle der EU" - Sechste Weltkonferenz des Studienverbandes der Europäischen Gemeinschaft - Projekt Jean Monnet

Brüssel, 5. - 6. Dezember 2002

Meine Damen und Herren,

die sich wandelnden Zeiten erbringen vermehrte Verantwortung und die gegenwärtige Verantwortung der Europäischen Union könnte nicht gewichtiger sein. Wir bemühen uns, mit einer Welt im Wandel Schritt zu halten, die uns neue Gelegenheiten erschließt, jedoch auch neue Bedrohungen aufwirft.

In weniger als zwei Jahren wird die politische Landkarte Europas neu gezeichnet. In Kopenhagen werden wir nächste Woche einen historischen Schritt machen und zehn neue Mitglieder in die Union aufnehmen. Dieser Vorgang wird Europa eine neue Dimension verleihen und uns neue Verantwortung auferlegen.

Die Sechste Weltkonferenz des Studienverbandes der Europäischen Gemeinschaft hat uns Gelegenheit gegeben, die Fragen des Friedens, der Sicherheit und der Stabilität vertieft zu erörtern. Alle Anwesenden sind sich der großen Verantwortung bewusst, die auf der halbe Milliarden Menschen lastet, die in der EU nach dem Jahr 2007 leben werden.

Diese 500 Millionen Menschen werden sich nicht mit weniger Sicherheit abfinden als die Bürger der gegenwärtigen Gemeinschaft von 15 Mitgliedstaaten. Sie fordern den gleichen Schutz vor organisiertem Verbrechen und internationalem Terrorismus wie die gegenwärtigen Mitglieder. Und sie verlangen die Wohltaten, die sie veranlasst haben, die EU als ihren politischen Hafen zu wählen: Stabilität, Wohlstand, Solidarität, Demokratie und Freiheit.

Wenn wir mit dieser sich ändernden Welt Schritt halten und unsere globale Verantwortung übernehmen wollen, müssen wir als Union die erforderlichen Maßnahmen ergreifen. Wenn wir die steigenden Erwartungen und Hoffnungen der Länder außerhalb und der Völker innerhalb Europas erfüllen möchten, müssen wir auf der Weltbühne auftreten. Mit diesem Auftritt haben wir erst begonnen.

Der Balkan, Afghanistan und der Nahe Osten sind nur drei Beispiele für die Herausforderungen, vor denen die Völkergemeinschaft steht. Die EU muss ihren Beitrag zu deren Bewältigung leisten.

Die Außenpolitik der EU muss beschleunigt werden. Sie muss mit einer Stimme sprechen und mit den erforderlichen Instrumenten ausgestattet werden. Wie sonst könnten wir unsere Sicherheit langfristig gewährleisten?

Die Kommission hat soeben ihre zweite Mitteilung an den Konvent vorgelegt. Darin haben wir eingehende Vorschläge für Reformen an den Strukturen der EU gemacht, um zu gewährleisten, dass sie auch weiterhin richtig funktionieren. Gleichzeitig haben wir uns für eine starke Kommission eingesetzt, die als Hüterin des Gemeinschaftsinteresses die Union stärken wird.

Die Gemeinschaftsmethode wird auch in den auswärtigen Beziehungen wertvoll sein, und uns in die Lage versetzen, gezielte Vereinbarungen und Ad-hoc-Lösungen zu vermitteln.

Die EU muss noch sehr viel erledigen, bevor sie einen wirksamen Beitrag zur internationalen Sicherheit leisten kann.

Lassen Sie mich nun eingehender auf das zentrale Thema dieser Konferenz eingehen: die Stabilität. Die dauerhafte und nachhaltige Stabilität in diesem Teil der Welt, in Europa, war der krönende Erfolg der Europäischen Union. Dies ist unsere größte Leistung.

Wir tragen nun die Stabilität über die Grenzen der gegenwärtigen Kandidatenländer hinaus, die bereits an unserem Wohlstand Anteil haben. Wir müssen erkennen, dass dieser Erfolg bei den zukünftigen Nachbarn der EU die berechtigte Erwartung weckt, aus der gegenwärtigen Erweiterung ihrerseits Vorteile ziehen zu können.

Ist aber unsere Politik gegenüber diesen Nachbarländern so ausgereift, dass wir den mit der Erweiterung entstehenden Herausforderungen gerecht werden können? Ich spreche diese Frage an, weil ich glaube, dass wir das darunter liegende Problem noch nicht in den Griff bekommen haben. Ich werde heute über das Erfordernis einer neuen politischen Perspektive für die Beziehungen mit unseren südlichen und östlichen Nachbarn sprechen, mit der Anreize gegeben, den vorhandenen Prozessen eine neue Dynamik verliehen und eine offene, entwicklungsfähige Partnerschaft begründet werden kann. Dies nennen wir unsere Politik der Nachbarschaft, eine auf gegenseitigen Vorteilen und Verpflichtungen beruhende Politik, die ein wesentlicher Beitrag der EU zum weltweiten Regieren ist.

Ich möchte noch einmal betonen, dass die gegenwärtige Erweiterung der größte Beitrag für eine nachhaltige Stabilität und Sicherheit auf dem europäischen Kontinent ist, den die EU machen konnte. Sie ist eine der erfolgreichsten und eindrucksvollsten politischen Wandlungen des zwanzigsten Jahrhunderts, die in einem einzigen Jahrzehnt vollzogen wurde.

Diese Leistung ist die Frucht einer von der EU im Jahr 1993 getroffenen Entscheidung und der Entschlossenheit der Union und der Beitrittsländer seither. Diese anfängliche Entscheidung gab den Beitrittsländern Hoffnung für die Zukunft.

Indem wir das Ziel der Mitgliedschaft aufrechterhielten, haben wir die Regierungen dieser Länder in die Lage versetzt, die notwendigen Reformen durchzusetzen. Allein diese Aussicht trug die Reformer in ihren Anstrengungen, den nationalistischen Widerstand und die Furcht vor Wandel und Modernisierung zu überwinden.

Hoffnung ist eine seltsame Eigenschaft. Sie hat sehr viel zu tun mit der Kreditwürdigkeit oder dem Vertrauen, das in einen gesetzt wird. Sie entscheidet, wie Menschen auf Ereignisse blicken. Wie blickt ein Land in die Zukunft, wenn ihm die Zuversicht und die Richtung fehlen? Die Hoffnung weist einem die Richtung und flößt Vertrauen ein. Doch die Zukunft muss attraktiv sein, um Hoffnung einflößen zu können.

Die EU wird auch weiterhin ein Magnet für ihre Nachbarn sein. Für viele Länder in unserem zukünftigen "Hinterhof" ist die EU die alleinige Aussicht. Gegenüber vielen dieser Länder hat die Union bereits förmliche Zusagen gemacht.

Die Integration der Balkanländer in die Europäische Union wird die Einigung des Kontinents vollenden, so wie wir es diesen Ländern in Aussicht gestellt haben. Es ist zwar noch ein weiter Weg zurückzulegen, aber die Balkanländer gehören zu Europa. Der Prozess ihrer Einbeziehung wird eine Brücke zwischen der Erweiterung und der Politik der Nachbarschaft bilden.

Jede Erweiterung schafft neue Nachbarn. In der Vergangenheit wurden diese Nachbarn ihrerseits zu Beitrittskandidaten.

Ich verhehle nicht, dass dieser Prozess sehr gut funktioniert hat. Aber wir können nicht unbeschränkt das Gebiet der Sicherheit, der Stabilität und des Wohlstands allein mit dem Erweiterungsinstrument ständig ausweiten. Wir dürfen nicht das politische Projekt Europa verwässern und die Europäische Union in eine den Kontinent umfassende Freihandelszone verwandeln.

Wir brauchen eine Debatte innerhalb Europas um festzulegen, wo seine Grenzen liegen und um zu verhindern, dass diese Grenzen andernorts festgelegt werden. Wir müssen auch eingestehen, dass wir gegenwärtig unsere Bürger nicht von der Notwendigkeit überzeugen könnten, die Grenzen der EU noch weiter nach Osten zu verschieben.

Dies ist unsere Verantwortung: Wir müssen ein Muster für unser zukünftiges Vorgehen entwickeln, um ein Problem anzugehen, das sich direkt aus dem Erfolg der Erweiterung ergeben hat.

Was können wir unseren neuen Nachbarn in der nahen Zukunft anbieten? Welche Aussichten können wir ihnen versprechen? Wo endet Europa? Diese Fragen müssen wir beantworten. Die europäische Öffentlichkeit verlangt eine Debatte darüber. Mir ist bewusst, dass sich diese Debatte nach dem Beitritt der neuen Mitglieder erhitzen wird. Deshalb ist es unsere Pflicht, damit zu beginnen, einige Antworten darauf zu finden.

Ich möchte in diesem Punkt vollkommen deutlich sein: Artikel 49 des Vertrages über die Europäische Union besagt, dass jeder europäische Staat, der die Grundsätze der Union beachtet, die Mitgliedschaft beantragen kann.

Deshalb wird ganz ungeachtet unserer jeweiligen Nachbarschaftspolitik keinem europäischen Staat, der die im Jahr 1993 festgelegten Kopenhagener Kriterien erfüllt, diese Aussicht verweigert.

Aber um jegliche Zweifel zu beseitigen, möchte ich klarstellen, dass einem Land, dem der Beitritt in Aussicht gestellt wird, damit nicht gleichzeitig der endgültige Beitritt auch versprochen wird.

Beitritt ist nicht die alleinige Option. Es ist zu bedenken, dass die Erweiterung nicht nur den gegenwärtigen und zukünftigen Mitgliedern, sondern auch den zukünftigen Nachbarn Vorteile erbringt.

Wenn man ein Nachbarland der EU ist, hat man auch bessere Marktgelegenheiten in einem stabileren wirtschaftlichen und politischen Umfeld. In vielen Fällen werden z.B. in Zukunft die Handelstarife niedriger sein als die gegenwärtigen für die Beitrittsländer.

Doch die Erweiterung wird unsere Nachbarn auch vor Herausforderungen stellen. Die Umgestaltung der bestehenden Märkte kann sicherlich Probleme schaffen. Wir müssen Lösungen finden, die uns in die Lage versetzen, die Vorteile der Erweiterung mit unseren Nachbarn zu teilen. Dies verlangt ein umfassendes Vorgehen ihnen gegenüber.

Der räumliche Erfassungsbereich dieses Vorgehens ist unsere Nachbarschaft im eigentlichen Sinne des Wortes. Hierzu zählen unsere zukünftigen Nachbarn im Osten und das gesamte Mittelmeergebiet, wie ich es jüngst in meiner Rede in Löwen über "Europa und das Mittelmeer - Zeit zum Handeln" erläutert habe.

Ich wünsche mir einen "Ring von Freunden" um die Europäische Union und ihre engsten Nachbarn herum, von Marokko bis Russland und zum Schwarzen Meer.

Das uns umschließende Band freundschaftlich gesinnter Länder wird sehr vielfältig sein. Die Qualität unserer Beziehungen mit ihnen wird in hohem Maße von ihren Leistungen und dem politischen Willen auf beiden Seiten abhängen. Natürlich wird auch die Geographie eine Rolle spielen.

Es liegt in der Verantwortung der Kommission, Lösungen zu finden, um die Beziehungen zu diesen Ländern zu verbessern.

Lassen Sie mich erläutern, welchem Modell wir nachstreben sollten. Ich räume ein, dass viele der Bestandteile, an die ich denke, dem Erweiterungsprozess entstammen. Was mir an diesem Prozess auffiel ist, dass bereits die Aussicht auf den Beitritt den mittel- und osteuropäischen Ländern Vorteile erbrachte.

Man kann das Klima für Direktinvestitionen verbessern, ohne Mitglied der EU zu sein. Man kann seine eigenen Rechtsvorschriften an die der EU anpassen, ohne Mitglied zu sein, man kann beschränkten oder gar unbeschränkten Marktzugang haben, ohne Mitglied zu sein. Man kann die Haushaltskontrollen verschärfen und das Wirtschaftswachstum anregen, ohne Mitglied zu sein.

Es gibt jedoch die wichtige Einschränkung, dass diese Vorteile nur erschlossen werden können, wenn der Prozess richtig orchestriert ist, die Ziele genau festgelegt werden und die Rahmenbedingungen juristisch und politisch verbindlich sind - und dies nur, wenn beide Seiten die gegenseitigen Vorteile und Verpflichtungen deutlich aussprechen.

Das Ziel des Beitritts ist sicherlich der mächtigste Auslöser für Reformen, den man sich vorstellen kann. Aber warum sollte ein weniger anspruchsvolles Ziel nicht auch seine Wirkungen zeitigen? Ein substanzielles und machbares Konzept der Nachbarschaft würde positive Auswirkungen haben.

Die bestehenden und gut funktionierenden Instrumente der EU-Politik gegenüber seinen Nachbarn sind die Grundlagen für jede neue Vorgehensweise. Wir müssten in der Lage sein, diesen Vorschlag mit der Vielzahl der bestehenden Partnerschafts-/Kooperations-/Assoziations- und Stabilisierungsvereinbarungen zu verbinden. Doch wir müssen auch deren Potenzial besser ausschöpfen und auf dieser Grundlage aufbauen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir einen neuen politischen Impuls benötigen, um diese Instrumente vollständig zu nutzen.

Hier möchte ich auf die Frage eingehen, mit welcher politischen Perspektive wir am besten das Gebiet der Stabilität ausweiten, ohne sogleich die Union zu erweitern. Dies wäre hinsichtlich Stabilität, Sicherheit und Wohlstand von Vorteil sowohl für unsere Nachbarn als auch die Union selbst.

Wir müssen bereit sein, mehr als Partnerschaft und weniger als Mitgliedschaft anzubieten, ohne diese grundsätzlich auszuschließen. Wie würde also eine Nachbarschaftspolitik gegenüber unseren alten und neuen Nachbarn aussehen?

  • Sie muss attraktiv sein: Sie muss neue Aussichten eröffnen und einen offenen und dynamischen Rahmen schaffen. Wenn man die Gesellschaft und die Wirtschaft eines Landes grundlegend verwandeln will, möchte man wissen, welche Vorteile daraus entstehen.

  • Sie muss unsere Partner zu einer engeren Zusammenarbeit mit der EU motivieren: Je enger diese Zusammenarbeit ist, desto größere Vorteile wird sie für die EU und ihre Nachbarn hinsichtlich Stabilität, Sicherheit und Wohlstand erbringen und die beiderseitigen Vorteile vergrößern.

  • Sie muss in einem dynamischen Prozess erfolgen: Sie sollte deshalb auf einem strukturierten, schrittweisen Vorgehen beruhen. Fortschritte sind nur auf der Grundlage gegenseitiger Verpflichtungen und der Fähigkeit jedes Partners möglich, seine Zusagen zu erfüllen.

  • Wir müssen Vorgaben machen, an denen wir messen können, welche Fortschritte unsere Nachbarn beim Erreichen der jeweils nächsten Stufe erzielt haben. Man könnte sogar eine Art von "Kopenhagener Nachbarschaftskriterien" in Erwägung ziehen. Fortschritt kann nur erzielt werden, wenn die betreffenden Länder angemessene Maßnahmen ergreifen, um den jeweiligen Besitzstand zu übernehmen. Die Vorteile würden sich unmittelbar auswirken, ebenso wie das Fehlen jeglichen Fortschritts.

  • Ausgangspunkt der Nachbarschaftspolitik wäre nicht das Versprechen einer Mitgliedschaft, aber auch nicht das Ausschließen jeglicher Mitgliedschaft. Dies würde das Problem beseitigen, einem Land, das sich um die Mitgliedschaft bewirbt, in einem zu frühen Stadium ja oder nein sagen zu müssen. Zwischen einem Nein heute und einem Ja in einer relativ fernen Zukunft gibt es großen Spielraum zur Schaffung eines "Tugendkreises", einer Situation, in der beide Seiten gewinnen.

Ich kann mir vorstellen, welche Frage Ihnen zuerst in den Sinn kommt. Was macht dieses Angebot so attraktiv? Wo ist die Substanz? Die Antwort ist einfach. Es bedarf jedoch Zeit und Mühen, damit das Angebot funktionieren kann.

Bei anderen Gelegenheiten habe ich mich bereits auf dieses Konzept bezogen, das ich auch als "Teilhabe an der Union mit Ausnahme ihrer Institutionen" bezeichnet habe. Das Ziel besteht darin, auf diese benachbarte Region ein Geflecht an Grundsätzen, Werten und Normen zu übertragen, die das eigentliche Wesen der Europäischen Union ausmachen.

Kernpunkt dieses Vorschlags ist ein gemeinsamer Markt, der die EU und ihre Nachbarn umfasst, und der Folgendes anbieten würde: Einen einheitlichen Markt, freien Handel, Investitionsfreiheit, Angleichung der Gesetzgebung, Zusammenschaltung der Netze und Verwendung des Euro als Reserve- und Bezugswährung in unseren beiderseitigen Geschäften.

Da die Union mehr ist als ein gemeinsamer Markt, müssen weitere Dimensionen hinzukommen, nämlich:

  • Wenn wir gemeinsame Ziele haben, müssen wir auch bereit sein, gemeinsame Bedrohungen wie z.B. Verbrechen, Terrorismus, illegale Einwanderung und die Herausforderungen des Umweltschutzes anzugehen.

  • Wir müssen gemeinsam handeln, um die regionalen Konflikte auf unserem Kontinent zu beenden.

  • Wir müssen sicherstellen, dass unsere gemeinsame Grenze keine Schranke für den kulturellen Austausch oder die regionale Kooperation bildet, so lange die vollständige Freizügigkeit für Menschen und Arbeit noch nicht möglich ist.

Lassen Sie mich zurückkommen auf die Frage, ob wir neue Instrumente oder Strukturen benötigen, um diesen neuen politischen Anstoß auszulösen. In der Regel bin ich sehr zurückhaltend mit der Errichtung neuer Strukturen, wenn die gesteckten Ziele auch mit den vorhandenen Instrumenten verwirklicht werden können.

Die Idee der "Teilhabe mit Ausnahme der Institutionen" bezieht sich auf die bestehenden EU-Institutionen. Dies schließt jedoch nicht die Möglichkeit aus, mit unseren Nachbarn gegebenenfalls neue Strukturen zu einem späteren Zeitpunkt aufzubauen.

Dabei denke ich an innovative Konzepte für Institutionen, die den Partnern gemeinsam gehören: Die Euro-Mittelmeerbank und die Stiftung für den Dialog zwischen Kulturen und Zivilisationen können hier als Beispiele genannt werden; beide Einrichtungen waren als Werkzeuge konzipiert, um einen vorhandenen Prozess zu verstärken, und nicht als Alternative zu diesem Prozess.

Ich wünsche mir auch, dass ein neuer politischer Dialog auf der Grundlage "gemeinsamer Grundsätze und Werte" auf den Weg gebracht wird, der das gesamte Potenzial unserer gemeinsamen Außenpolitik nutzt.

Hier lassen sich die Umwelt-, Verkehrs-, Forschungs-, Bildungs- und Kulturpolitik anführen, um nur einige zu nennen. Erwähnt seien auch neue Formen der Hilfe und Zusammenarbeit auf der Grundlage des Modells der gesellschaftlichen Zusammenhalts; oder auch neue gemeinsame Maßnahmen, um die Probleme an unseren Grenzen anzugehen.

Lassen Sie mich erläutern, wie ich das Konzept der Teilhabe mit Ausnahme der Institutionen verstehe: Als Beispiel soll hier der Vorschlag dienen, den ich gegenüber Russland gemacht habe.

Ein gemeinsamer europäischer Wirtschaftsraum könnte einen Rahmen bilden, in dem wir alles teilen könnten mit Ausnahme der Institutionen. Dieser ließe sich natürlich nicht an einem Tag errichten. Natürlich müsste sich jeder Partner die Frage stellen, ob er bereit und in der Lage ist, unsere Normen und Gesetzesmodelle zu übernehmen. Dies ist jedoch nur ein erster Versuch, um etwas Neues aufzubauen, das wir mit unseren Nachbarn zum gegenseitigen Vorteil teilen können.

Eine hochrangige europäisch-russische Arbeitsgruppe erkundet gegenwärtig die Möglichkeiten, für diesen gemeinsamen Wirtschaftsraum Bausteine in den Bereichen Normen, Zölle, Finanzdienstleistungen, Verkehr, Industrie und Telekommunikation, um nur einige zu nennen, zu entwickeln.

Dabei können wir auf das Beispiel eines funktionierenden Wirtschaftsraumes zurückgreifen, der all dies und noch mehr erfasst.

Der auf dem EWR-Abkommen beruhende Europäische Wirtschaftsraum bringt die EFTA-Länder und die Länder der Europäischen Union unter einem gemeinsamen Dach zusammen. Wir teilen einen Binnenmarkt, für den der gemeinschaftliche Besitzstand gilt. Der Binnenmarkt wird von den vier Freiheiten regiert, die die Freizügigkeit von Menschen, Waren, Dienstleistungen und Kapital gewährleisten. Ein Land, das diese Stufe erklommen hat, ist so nahe an der EU wie es ohne Mitgliedschaft gelangen kann.

Mir ist bewusst, dass dies bei einigen Ländern Jahrzehnte dauern kann. Es würde sie jedoch dazu antreiben, die erforderlichen Reformen durchzuführen und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, um dieses Ziel zu erreichen. Außerdem würde es sowohl der Union wie auch ihren Nachbarn gegenseitige Vorteile und damit auch gegenseitige Anreize verschaffen.

Das EWR-Modell setzt nicht den Beitritt als Ziel voraus. Wie jedoch die Geschichte gezeigt hat, schließt die EWR-Mitgliedschaft nicht den späteren Beitritt zur EU aus. Dies erscheint mir ein sehr attraktives Modell.

Natürlich unterscheidet sich die Lage in Ländern wie der Ukraine, Moldawien und Weißrussland vollständig von der Lage z.B. Norwegens. Dennoch sollten wir bereit sein, diesen Ländern ein hinreichendes Maß an Nachbarschaft anzubieten, das nicht der Frage einer zukünftigen Mitgliedschaft vorgreift. Da jedoch diese Länder sich in einer so anderen Lage befinden und viel mehr Zeit benötigen werden, um eine bestimmte Stufe zu erreichen, sollten wir sehen, was wir aus der Errichtung des EWR lernen könnten, um diese Erfahrung als Modell für integrierte Beziehungen mit unseren Nachbarn zu nutzen.

Ich glaube, dass wir mehr Zeit benötigen, um dieses Konzept auszubauen. Wir haben im Februar des Jahres 2000 die Beziehungen mit unseren Nachbarn als strategisches Ziel dieser Kommission festgelegt. Es ist Aufgabe der Kommission, diese Gelegenheit zu ergreifen, um zu einer umfassenden Lösung in der Frage der Beziehungen der Union zu ihren Nachbarn zu gelangen.

Je mehr wir teilen, desto weniger einfach können wir geteilt werden. Dies gilt für Werte, Überzeugungen, Lebensweisen, den Handelsaustausch, die Märkte, die Regeln, Gesetze, Bedürfnisse und Ideen. Viele dieser Dinge werden nur von Einzelnen geteilt, jedoch viele wichtige Elemente kann eine Union bieten, die sich der Verantwortung für ihre Nachbarn bewusst ist.

Dies meinte ich mit der Idee der "Teilhabe mit Ausnahme der Institutionen". In diesem größeren Europa können wir uns nicht auf bilaterale Ad-hoc-Initiativen beschränken. Wir können einfach nicht ignorieren, was jenseits unserer Grenzen vorgeht. Aber wir können auch nicht die Probleme mit unseren neuen Nachbarn lösen, indem wir sie einfach der Union beitreten lassen.

Wir sind für den Dialog, die Koexistenz und die Kooperation offen. Wir müssen unsere Rolle als Akteur auf der Weltbühne spielen. Die Entwicklung einer substanziellen Nachbarschaftspolitik sollte einer der ersten Schritte dazu sein.

Wir müssen einen neuen die Region einbeziehenden Ansatz entwickeln, der dazu beiträgt, auf dem gesamten Kontinent den Frieden zu wahren und zu fördern, die Stabilität und die Sicherheit zu verstärken, um damit auch das Entstehen eines besseren weltweiten Regierens zu fördern.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


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