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Das Mittelmeerische Energieobservatorium (OME) hat  im April 1994 eine  von
der  Europäischen Kommission  erbetene  Studie  über Energieangebot  und  -
nachfrage in  den Ländern  des südlichen  und östlichen  Mittelmeerraums[1]
in der Perspektive  der Zeithorizonte  2000, 2010 und  2020 veröffentlicht.
Dabei wurden zwei Entwicklungsszenarien zugrundegelegt. 

Wichtigste Ergebnisse und  Schlußfolgerungen dieser Studie: der  Handel mit
Energieerzeugnissen über das Mittelmeer hat sich seit seinen  Anfängen, den
ersten  Erdöltransporten aus  Algerien  und  Libyen nach  den  europäischen
Mittelmeerländern vor mehr  als 30 Jahren, lebhaft entwickelt. Seit einigen
Jahren kommen feste  Verbindungen in Form von  unterseeischen Gaspipelines,
Erdgaslieferketten, Elektrizitätsverbundkabel hinzu.

Die Länder  im Süden  und Osten  des Mittelmeers  (insbesondere die  Länder
Nordafrikas   und  Syrien)   verfügen  über   einen   großen  Reichtum   an
Naturschätzen:    riesige     Kohlenwasserstoffressourcen    (Ende     1992
nachgewiesene Reserven  von 6030  Mio. t Öl  und Ölkondensat  und 5650  Gm3
Erdgas)  und gigantische Infrastrukturen für die Produktion und die Ausfuhr
nach Europa  ( 1992  beliefen sich  diese Kapazitäten  auf 217 Mio.  t/Jahr
Erdöl   und  66   Gm3/Jahr   Erdgas),bestehend   im  wesentlichen   aus   5
Flüssiggasfabriken   (Kapazität   35   Gm3/Jahr),   20   Flüssiggastankern,
Raffinerien (Kapazität 146 Mio. t/Jahr) und Erdölterminals.

Für den vermehrten  Handel mit Erdgas zwischen  den Mittelmeerländern  sind
neue  Gasfernleitungen  (Kapazität   40  Gm3/Jahr)  zwischen  Algerien  und
Italien (Verdoppelung  der Transmed-Pipeline),  zwischen Algerien,  Marokko
und  Spanien (Maghreb-Europa-Pipeline)  und eventuell  zwischen Libyen  und
Italien  geplant.  Eine Elektrizitätsverbundleitung  zwischen  Marokko  und
Spanien schließlich wird 1995 in Betrieb genommen.

Diese   Infrastrukturen  erlauben   derzeit   Gesamtausfuhren  nach   allen
Bestimmungsländern  zusammengenommen  von  162  Mio.  t  Erdöl  und  37 Gm3
Erdgas.  Der Handel zwischen den Mittelmeerländern  und Europa beläuft sich
auf über 92 Mio. t Erdöl und Mineralölerzeugnisse  und 35,6 Gm3 Erdgas, das
entspricht mehr als 120 Mio. t RÖE im Jahr 1992.

Die Förderländer des südlichen und  östlichen Mittelmeerraums liefern somit
mehr  als 24  %  des Ölbedarfs  Südeuropas  (Spanien, Frankreich,  Italien,
Griechenland und  Portugal) und 42  % des Gasbedarfs (Spanien,  Frankreich,
Italien und in Kürze auch Portugal und Griechenland).

Angesichts  der Größenordnung des hier  im Spiel  befindlichen Kapitals und
der Investitionen,  aber auch der geteilten Risiken, hat  sich ein Netz der
Solidarität gebildet, das  durch die technologische Zusammenarbeit  und die
industrielle Partnerschaft  noch  verstärkt wird  und in  naher Zukunft  zu
einem    noch    enger   geknüpften    Beziehungsgeflecht    zwischen   den
Mittelmeeranrainern zu werden verspricht. 
Projektionsszenario
Ausgehend von  den  Projektionen der  nationalen Energiegesellschaften  hat
das   Observatorium  ein   Entwicklungsszenario   für  die   Energie-   und
Elektrizitätsnachfrage in  den  genannten  Mittelmeerländern bis  zum  Jahr
2020 erarbeitet.

Danach   steht   eine  sehr   starke  Nachfragezunahme,   entsprechend  der
erwarteten sozioökonomischen Entwicklung, zu erwarten.

Dieses  Nachfragewachstum könnte  indessen  durch Schwierigkeiten  bei  der
Steigerung der Energie-  und Elektrizitätsproduktion  gedämpft werden:  Man
halte sich  nur die Größenordnung der  von der Infrastruktur verschlungenen
Investitionen vor Augen (Erschließung der  Gas- und Ölfelder, Gaspipelines,
Stromkraftwerke, Verteilernetze). 

Die Gesamtinvestitionen  könnten über  100 Mrd.  USD erreichen;  dabei sind
diese Länder schon jetzt hoch  verschuldet. Wahrscheinlich müssen Programme
der Zusammenarbeit  im Bereich der  Energiewirtschaft mit den  europäischen
Ländern entwickelt werden.
Alternativszenario
Das  Alternativszenario  berücksichtigt den  Einsatz  neuer, einen  höheren
Wirkungsgrad  erlaubender Energietechnologien  in allen Verbrauchssektoren,
angefangen  bei  der  Elektrizitätsgewinnung über  die  Industrie  und  das
Verkehrswesen bis hin zu den Privathaushalten und Dienstleistungen.

Geht  man  davon  aus, daß  bei  allen  Endenergieverbrauchern  (Industrie,
Verkehr,     Privathaushalte,    Dienstleistungssektor)     eine     höhere
Energieausnutzung verwirklicht wird,  ließe sich eine Verringerung  um rund
20 % des Energieendverbrauchs  im Jahr 2020, also  eine Einsparung von  120
Mio. t RÖE gegenüber dem Projektionsszenario erzielen.

Der Bedarf würde  im Jahr 2020 nur  bei 346 Mio. t  RÖE und 714 TWh  (statt
bei 458 Mio.  t RÖE und 920  TWh nach dem Projektionsszenario)  liegen. Das
veranschaulicht,  welche Bedeutung  und welcher  Nutzen  der Förderung  des
rationellen Umgangs mit  der Energie im Wege einer engen Zusammenarbeit mit
Europa zukommt.

Diese Technologien, die großenteils in  Europa bereits weithin zum  Einsatz
kommen, würden zu Energieeinsparungen führen, die im Jahr  2000 auf 19 Mio.
t  RÖE, im Jahr  2010 auf 57 Mio.  t RÖE, im  Jahr 2020 auf  120 Mio. t RÖE
veranschlagt werden können. 

Man  kann  dieses einzusparende  Energievolumen  mit den  heutigen  Öl- und
Gasausfuhren  dieser  Länder   (Algerien,  Libyen,   Ägypten,  Syrien   und
Tunesien) von 192 Mio. t RÖE vergleichen . 

Zusammen  ergeben die  Einsparungen  an Brennstoffen  von  2000 -  2020 ein
Volumen von 1200  Mio. t RÖE (Gasreserven  zum Vergleich: rund 5100  Mio. t
RÖE oder 5650 Gm3). 
Wird    die    inländische    Nachfrage     der    Mittelmeerländer    nach
Kohlenwasserstoffen    reduziert,    könnten     ihre    Ausfuhrkapazitäten
entsprechend gesteigert werden.  Insgesamt 120 Mio. t  RÖE jährlich  würden
im Inland nicht mehr verbraucht.

Schlußfolgerungen
Für  die  Analyse der  Energieaussichten  der  Länder  des   südlichen  und
östlichen Mittelmeerraums sind folgende Gesichtspunkte entscheidend:

1.   Starkes demographisches  Wachstum: die Bevölkerung wird  von heute 200
     Mio.  Einwohnern  bis  zum Jahr  2020  auf  über  340 Mio.  Einwohnern
     anwachsen.

2.   Es würde ein beschleunigtes Wirtschaftswachstum gebraucht, gegenwärtig
     aber überschattet die Krise die wirtschaftliche Zukunft.

3.   Die  Länder  des   östlichen  und  südlichen   Mittelmeerraums  werden
     weiterhin   mit   schweren    Bevölkerungs-,   Beschäftigungs-,    und
     Wanderungsproblemen zu kämpfen haben.

4.   Der stark steigende Energieverbrauch  könnte (gegenüber heute 155 Mio.
     t) 458 Mio. t RÖE im Jahr 2020 erreichen. 

5.   Zunahme  der Elektrizitätsproduktion von 194  TWh auf fast  920 TWh im
     Jahr 2020.

6.   Der Ausbau der installierten Elektrizitätsproduktionskapazität bis zum
     Jahr 2020 um rund 100 GW bedeutet Investitionen um rund 100 Mrd. USD.

7.   Dieser    sehr    starke    Anstieg    des    Energieverbrauchs    und
     Elektrizitätsverbrauchs  zeigt, wie  wichtig eine  enge Zusammenarbeit
     mit Europa werden wird.

8.   Die   Länder    Nordafrikas   verfügen   über   reiche    Schätze   an
     Kohlenwasserstoffen.

9.   Ihre  geographische Lage  läßt sie  zu natürlichen  Transitländern und
     Gaslieferanten Europas werden.

10.  Bedeutung   und   Gewicht   der  Länder   des   Golf-Kooperationsrates
     hinsichtlich MEMO/95/49unserer Ölversorgung.

[1]    Türkei,  Syrien,  Israel,  Jordanien,  Ägypten,   Libyen,  Tunesien,
       Algerien, Marokko, Libanon, Zypern und Malta.

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