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Europäische Kommission - Factsheet

Kommission legt Strategie für klimaneutrales Europa bis 2050 vor – Fragen und Antworten

Brüssel, 28. November 2018

Kommission legt Strategie für klimaneutrales Europa bis 2050 vor – Fragen und Antworten

A. Politischer Prozess

1. Warum legt die Kommission eine langfristige Strategie zur Verringerung der Treibhausgasemissionen vor?

Das Übereinkommen von Paris von 2015 gibt im Rahmen des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC) das Ziel vor, den Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur deutlich unter 2 °C über dem vorindustriellem Niveau zu halten und Anstrengungen zu unternehmen, ihn auf 1,5 °C zu begrenzen. Alle Vertragsparteien des Übereinkommens von Paris sind aufgefordert, bis 2020 Strategien bis zur Mitte des Jahrhunderts einzureichen.

Zur Vorbereitung auf diesen Umbruch forderten das Europäische Parlament und der Europäische Rat die Kommission auf, eine langfristige Strategie zur Verringerung der Treibhausgasemissionen der Europäischen Union im Einklang mit dem Übereinkommen von Paris vorzulegen.

Die Strategie bekräftigt das Engagement Europas, durch einen sozial gerechten Übergang beim weltweiten Klimaschutz die Führung zu übernehmen, und liefert einen ersten Hinweis darauf, was die EU als ihren langfristigen Beitrag zur Erreichung der Temperaturziele des Übereinkommens von Paris erachten könnte.

Die Vorlage dieser Vision wird eine eingehende Debatte unter Beteiligung europäischer Entscheidungsträger, Interessenträger und der Öffentlichkeit darüber ermöglichen, wie die EU einen gerechten Beitrag zur Einhaltung der langfristigen Temperaturziele des Übereinkommens von Paris leisten kann und wie dieser Umbruch erreicht werden kann.

Diese informationsbasierte Debatte sollte es der EU ermöglichen, bis 2020 eine ehrgeizige Strategie zu verabschieden und der UNFCCC zu übermitteln sowie den Kurs der zukünftigen Klima- und Energiepolitik der EU festzulegen.

2. Welcher Zusammenhang besteht zwischen der langfristigen Strategie und der derzeitigen Klima-, Energie- und Verkehrspolitik sowie den Rechtsvorschriften der EU?

Die Strategie ist kein Legislativvorschlag, sondern eine strategische Vision, die von einer ausführlichen Analyse darüber unterstützt wird, wie die EU das Übereinkommen von Paris umsetzen sowie gleichzeitig die positiven Nebeneffekte von Emissionsreduzierungen nutzen und ihre Wirtschaft für das 21. Jahrhundert umgestalten kann.

Mit der heute vorgestellten Vision wird nicht vorgeschlagen, die Klima- und Energieziele für 2030 zu ändern, sondern sie erlaubt der EU, auf ihnen aufzubauen und rechtzeitig Maßnahmen für 2050 zu entwickeln.

In der Strategie wird außerdem deutlich hervorgehoben, dass ein Übergang zur Klimaneutralität nicht ohne die Mobilisierung wichtiger wachstumsfördernder, flankierender politischer Maßnahmen u. a. in den Bereichen Wettbewerb, Arbeitsmarkt, Entwicklung von Kompetenzen, regionale Kohäsion und Besteuerung sowie durch andere strukturpolitische Maßnahmen erfolgen kann.

B. Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft: Sektoren, Technologien, Forschung und Innovation

3. Welche Szenarien zur Verringerung der Treibhausgasemissionen hat die Kommission geprüft?

Die Kommission hat vom Weltklimarat IPCC (International Panel on Climate Change) zusammengestellte Szenarien zur Verringerung der Treibhausgasemissionen geprüft, die dem derzeitigen wissenschaftlichen Verständnis entsprechen, wie die Erderwärmung auf einen Temperaturanstieg von deutlich unter 2 °C und 1,5 °C begrenzt werden kann.

Die Kommission hat Szenarien für die EU bewertet, bei denen die Treibhausgasemissionsminderungen bis zum Jahr 2050 von -80 % (gegenüber 1990) bis Netto-Treibhausgasemissionen von null reichen. Alle Szenarien stehen mit dem Übereinkommen von Paris im Einklang.

Die Analyse der Kommission stützt sich auf eine ausführliche Modellierung von Szenarien über alle Wirtschaftssektoren hinweg, die alle Treibhausgase einbeziehen. Dabei handelt es sich um „Was-wäre-wenn-Szenarien“; es wird untersucht, wie sich eine bestimmte Kombination von Technologien und Maßnahmen auswirken würde. Diese Szenarien stellen daher keine Zukunftsprognosen dar. Sie sind plausible Optionen zur Erreichung eines klimaneutralen Europas. Die Arbeit stützte sich auch auf die vorhandene Forschungsliteratur und eine öffentliche Konsultation, bei der mehr als 2800 Antworten und über 100 Positionspapiere eingingen.

4. Welche Rolle spielen die verschiedenen Wirtschaftssektoren beim Übergang zur Klimaneutralität?

Alle Wirtschaftszweige werden beim Übergang zur Klimaneutralität eine Rolle spielen.

Stromsektor

Derzeit beruht der Großteil unseres Energiesystems, auf das mehr als 75 % der Treibhausgasemissionen der EU entfallen, auf fossilen Brennstoffen. Alle bewerteten Szenarien lassen darauf schließen, dass sich dies bis zur Mitte des Jahrhunderts grundlegend ändern wird. Der Einsatz von erneuerbarer Energie wird eine großflächige Elektrifizierung des Energiesystems vorantreiben, sei es auf Ebene des Endverbrauchers – wie der Energieverbrauch in der Industrie, in Gebäuden oder im Verkehr – oder zur Erzeugung von CO2-freien Brenn- und Einsatzstoffen für die Industrie. Der Stromsektor wird somit bei der Umgestaltung anderer Wirtschaftszweige im Mittelpunkt stehen.

Alle Szenarien haben ein zentrales Element gemein: Die Stromerzeugung sollte bis 2050 vollständig dekarbonisiert sein. Mehr als 80 % des Stroms in der EU würde aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt werden.

Industrie

Die meisten industriellen Treibhausgasemissionen entstehen bei der Wärmeerzeugung, einschließlich Dampf-, Warmwasser- oder Hochtemperaturanwendungen. Diese Emissionen können durch weitere Effizienzsteigerungen und durch die Umstellung auf CO2-arme und CO2-freie Energiequellen reduziert werden, wie beispielsweise die Elektrifizierung auf Basis erneuerbarer Energie, nachhaltiger Biomasse, synthetischer Brennstoffe oder Wasserstoff. Rund ein Viertel der industriellen Emissionen besteht aus prozessbezogenen Emissionen (d. h. Emissionen, die bei chemischen Reaktionen und nicht bei der Verbrennung entstehen), die viel schwieriger zu reduzieren sind. Zur Verringerung dieser Emissionen bedarf es echter Prozessinnovation oder der Anwendung von CO2-Abscheidung und -Speicherung. Innovative Industrien können ihre Ressourceneffizienz verbessern und Treibhausgasemissionen reduzieren, indem sie durch kreislauforientierte Konzepte und Sektorintegration den Grad der Wiederverwendung und des Recyclings erhöhen.

In den nächsten zehn Jahren sind wesentliche Innovationsanstrengungen erforderlich, um die wirtschaftlich wettbewerbsfähigen Technologien einzuführen, die als Beitrag zu einer CO2-armen und kreislauforientierten industriellen Wende notwendig sind.

Mobilität

Der Verkehrssektor ist derzeit weitgehend auf fossile Kraftstoffe angewiesen. Starke Emissionsreduzierungen erfordern einen integrierten Systemansatz. Dies umfasst die Förderung i) allgemeiner Fahrzeugeffizienz, emissionsarmer und emissionsfreier Fahrzeuge und der entsprechenden Infrastruktur; ii) einer langfristigen Umstellung auf alternative, CO2-neutrale Kraftstoffe für den Verkehr; iii) einer höheren Effizienz des Verkehrssystems durch die optimale Nutzung digitaler Technologien und intelligente Preisgestaltung sowie durch die weitere Förderung multimodaler Integration und den Umstieg auf nachhaltigere Verkehrsträger.

Für die Zukunft der emissionsarmen Mobilität gibt es keine Patentlösung mit nur einem Kraftstoff – alle wesentlichen Kraftstoffalternativen sind erforderlich, aber für manche Verkehrsträger sind bestimmte Optionen besser geeignet. Verhaltensänderungen und Verbraucherentscheidungen, die den Umstieg vom Privatfahrzeug auf CO2-arme öffentliche Verkehrsmittel, Sharing-Dienste und kohlenstofffreie Mobilität (Fahrradfahren, Gehen) umfassen, sind ebenfalls von zentraler Bedeutung. Ein Umdenken im Verkehrssektor wird konkrete Vorteile mit sich bringen, einschließlich sauberer Luft, verringerter Lärmbelastung und lebenswerter städtischer Räume, was zu wesentlichen Verbesserungen für die menschliche Gesundheit, die Lebensqualität und die europäische Wirtschaft führt.

Landwirtschaft

Die Landwirtschaft muss weiterhin Lebens- und Futtermittel sowie Fasern für die Gesellschaft und Wirtschaft der EU bereitstellen und gleichzeitig zur Verringerung der Treibhausgasemissionen beitragen. Die Landwirtschaft ist die größte Quelle von Nicht-CO2-Treibhausgasemissionen in der EU, deren Reduzierung eine Herausforderung darstellt. Während die Treibhausgasemissionen insgesamt weiterhin abnehmen, dürfte ein relativ großer Teil der verbleibenden Emissionen auf die Landwirtschaft entfallen. Allerdings können die Emissionen aus der Landwirtschaft durch eine Reihe von Praktiken und Technologien, wie bessere Viehhaltung sowie verbesserte Düngemittel- oder Naturdüngerwirtschaft, verringert werden. Landwirtschaftliche Praktiken wirken sich auch auf den in unserem Boden gespeicherten Kohlenstoff aus. Ferner spielen sie eine wichtige Rolle bei der Erzeugung nachhaltiger Biomasse zur Verwendung in der Biowirtschaft und im Energiesektor.

Gebäude

Gebäude sowohl des Wohnungs- als auch des Dienstleistungssektors machen derzeit[1] den größten Anteil des Energieendverbrauchs in der EU aus – etwa 40 % des Gesamtverbrauchs im Jahr 2015. Eine bessere Gebäudedämmung und andere Maßnahmen, die im Vergleich zu heute deutlich größere Verbesserungen des Wohnungsbestands bewirken, werden zur Reduzierung des Energieverbrauchs für Heizzwecke beitragen. Dies wird für die Dekarbonisierung wesentlich sein. Durch effizientere Produkte und Geräte, den Einsatz von „intelligenten“ Managementsystemen für Gebäude und Geräte und das Verbraucherverhalten wird der Energiebedarf weiter gedrosselt. Zur Deckung des verbleibenden Energiebedarfs ist ein Umstieg bei den Heizstoffen erforderlich, sodass alle Wohnungen mithilfe erneuerbarer Energien (Strom, Fernwärme aus erneuerbaren Energien, erneuerbares Gas oder Solarwärme) beheizt werden. Ein bedeutender Aspekt ist, dass Biogas, Wasserstoff (bis zu einem bestimmten Anteil) oder mit erneuerbarem Strom erzeugtes E-Methan erneuerbare gasförmige Brennstoffe sind, die in Bestandsgebäuden eingesetzt werden könnten, ohne dass das bestehende Übertragungs-/Verteilungsnetz und die Art der Geräte verändert werden müssten.

80 % der Gebäude von 2050 sind bereits heute vorhanden. Ein integrierter Ansatz und Kohärenz aller einschlägigen Maßnahmen wird für die Modernisierung der baulichen Umwelt und die Mobilisierung aller Akteure notwendig sein. Dies ist unerlässlich, damit sich die Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen an den notwendigen Renovierungstätigkeiten beteiligen. 

5. Welche Rolle spielen Technologie und Verbraucherentscheidungen in den Szenarien zur Verringerung der Treibhausgasemissionen?

Die Kommission hat acht unterschiedliche Szenarien untersucht. Sie alle umfassen ein breites Spektrum technologischer und organisatorischer Optionen zur Verringerung der Emissionen. Bei einigen Szenarien stehen spezifische Technologien oder Optionen im Mittelpunkt, bei anderen liegt der Fokus eher auf nachfrageseitigen Maßnahmen, wie beispielsweise die Förderung der Energieeffizienz oder die Kreislaufwirtschaft.

Trotzdem werden einige Emissionen weiterhin freigesetzt werden, beispielsweise in der Landwirtschaft. Um Netto-Treibhausgasemissionen von null zu erreichen, müssen diese Emissionen durch eine erhöhte Absorption in unserer natürlichen Senke (z. B. durch Aufforstung oder bessere Bodenbewirtschaftung) oder durch den Einsatz von Technologien mit negativen Emissionen (z. B. die Verwendung von Bioenergie kombiniert mit CO2-Abscheidung und -Speicherung) kompensiert werden. Diese Technologien befinden sich noch in der Entwicklung. Wie stark wir auf solche technologischen Optionen angewiesen sind, hängt auch von anderen Möglichkeiten ab, die berücksichtigt werden könnten: So werden in einem Szenario mit starkem Fokus auf CO2-freien Brennstoffen und dem Einsatz von Technologien mit negativen Emissionen Netto-Treibhausgasemissionen von null erzielt. Ein anderes Szenario stützt sich bei der Erreichung der Netto-Treibhausgasemissionen von null weniger auf diese Technologien, als vielmehr auf eine Kombination von Kreislaufwirtschaftskonzepten und intensiveren Maßnahmen für eine verstärkte Aufnahme von CO2 durch Landnutzung und Forstwirtschaft; außerdem trägt es aktuellen Trends beim Verhalten und Lebensstil der Verbraucher Rechnung.

6. Welche Synergien zwischen dem Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft, dem Übergang zur Kreislaufwirtschaft und dem Übergang zur digitalen Wirtschaft sind möglich? Warum brauchen wir einen integrierten Ansatz?

Im Mittelpunkt der Vision der Kommission steht eine europäische Wirtschaft, die dynamisch und lebendig ist und wenig Treibhausgasemissionen erzeugt. Innovation im Bereich der digitalen Wirtschaft ist entscheidend für diesen Übergang, um Vorteile für die Wettbewerbsfähigkeit und die Dekarbonisierung zu schaffen. In der Vision der Kommission wird beispielsweise die Nutzung der Digitalisierung im Verkehrsbereich und bei der Stromerzeugung analysiert. Aspekte der Kreislaufwirtschaft sind von besonderer Bedeutung für die Industrie und die Verbraucher sowie für die Verringerung der Nicht-CO2-Treibhausgasemissionen aus Abfällen. Eine intelligentere Landwirtschaft wird von der zunehmenden Digitalisierung profitieren.

Ein wesentlicher Aspekt in diesem Zusammenhang ist die Förderung der Sektorintegration, d. h. die sektorübergreifende und nicht nur sektorinterne Optimierung von Lösungen.

Die kombinierte Analyse dieser Übergänge ermöglicht es der Kommission, eine kohärente Vision für ein wettbewerbsfähiges Europa im 21. Jahrhundert vorzuschlagen.

7. Welche Rolle ist in der Strategie für die biologische Vielfalt und für Ökosystemleistungen bei der Eindämmung des Klimawandels und der Anpassung daran vorgesehen?

Land- und Meeresökosysteme sind ein wesentliches Instrument zur Eindämmung des Klimawandels. Auf globaler Ebene absorbieren diese natürlichen „CO2-Senken“ 50 % der anthropogenen Treibhausgasemissionen, vor allem über die Ozeane. Der Rest wird in der Atmosphäre gelagert, was die Treibhausgaskonzentrationen erhöht und den Klimawandel verursacht.

Die Erhaltung und weitere Stärkung der natürlichen Senken in Wäldern, landwirtschaftlichen Flächen und Feuchtgebieten in der EU sind wichtig. Sie helfen außerdem dabei, verbleibende Treibhausgasemissionen auszugleichen, die nicht vermieden werden können. In diesem Zusammenhang nehmen der Erhalt und die Wiederherstellung von Ökosystemen und naturbasierte Lösungen eine Schlüsselrolle ein und bringen zahlreiche Vorteile für die Eindämmung des Klimawandels und die Anpassung an seine Folgen mit sich. Sie bieten eine Reihe von Diensten, die uns vor den Auswirkungen des Klimawandels schützen, wie Wasserrückhaltung, Hochwasserschutz, Verbesserungen der Luftqualität und Schutz gegen Wüstenbildung, und tragen zur Bekämpfung des Wärmeinseleffekts in Städten und zur Minderung des Klimawandels bei.

8. Wie können Forschung und Innovation in den verschiedenen Szenarien den Übergang zur Klimaneutralität beschleunigen?

Zum Erreichen der Klimaneutralität wird eine Vielfalt bestehender und neuartiger Technologien erforderlich sein. Diese Technologien befinden sich in verschiedenen Stadien der Entwicklung und Verbreitung. In der EU bedarf es innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte massiver Forschungs- und Innovationsanstrengungen auf Grundlage einer kohärenten strategischen Agenda für Forschung, Innovation und Investitionen, damit CO2-arme und CO2-freie Lösungen wirtschaftlich tragfähig werden.

Investitionen müssen in Grundlagenforschung (besseres Verständnis, neue Konzepte), angewandte Forschung (Umsetzung von Konzepten aus dem Labor zum Bau von Prototypen), industrielle Innovation und Verbreitung (kontinuierliche Verbesserung von Technologien und ihrer Nutzung) sowie in die sozioökonomische Forschung und soziale Innovation fließen, die erforderlich sind, um die Bürgerinnen und Bürger sowie die Verbraucherinnen und Verbraucher zu motivieren, am Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft mitzuwirken. Die Bereiche Forschung, Innovation und Bildung bilden ein Ökosystem und schaffen durch Kooperation nachhaltigen Wohlstand, Arbeitsplätze, Wachstum und sozialen Fortschritt.

Europa spielt bei weltweiten Forschungsarbeiten eine aktive Rolle, und europäische Unternehmen investieren in erheblichem Umfang in Forschung und Entwicklung und treiben so Produkt-, Prozess-, Organisations- und Marketinginnovationen voran. Die EU wird die Entwicklung einer starken industriellen Basis in Europa zur Unterstützung der Energiewende fördern und die europäische Industrie dabei unterstützen, bei nachhaltigen, ressourceneffizienten Geschäftsmodellen, Produkten und Dienstleistungen weltweit führend und möglicherweise zu einem Vorbild zu werden. Diese Führungsrolle würde einen Wettbewerbsvorteil bedeuten und es Europa ermöglichen, nicht nur nachhaltige Produkte, sondern auch nachhaltige Technologie und Geschäftsmodelle zu exportieren.

Die EU unterstützt Forschung und Innovation beispielsweise mit umfangreichen Forschungsmitteln aus dem Programm Horizont Europa (für 2021-2027 sind 100 Mrd. EUR vorgeschlagen), dem Innovationsfonds (im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems), dem geplanten Fonds InvestEU (2021-2027), dem Strategieplan für Energietechnologie (Forschungsplattform mit Vertretern von Staat und Industrie) und über eine vorgeschlagene, mit 41 Mrd. EUR ausgestattete Strategie für intelligente Spezialisierung im Rahmen des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (2021-2027).

Ferner enthält das vorgeschlagene Programm Horizont Europa ein 15 Mrd. EUR schweres Cluster für Energie, Klima und Verkehr zur Förderung von Schlüsseltechnologien und Lösungen, die die EU-Politik in diesem Bereich untermauern. Es umfasst außerdem 10 Mrd. EUR für Lebensmittel und natürliche Ressourcen einschließlich Bioökonomie. Effizientere Lebensmittelsysteme – vor allem solche zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen – und neue biowirtschaftliche Ansätze, bei denen Abfall verwertet wird und fossile Brennstoffe durch erneuerbare biologische Ressourcen ersetzt werden, können erheblich zur Eindämmung des Klimawandels beitragen, wie in der aktualisierten Bioökonomie-Strategie und dem dazugehörigen Aktionsplan hervorgehoben wird.

C. Sozioökonomische Auswirkungen: Bürgerinnen und Bürger, Beschäftigte, Unternehmen

9. Wie viel wird Europa investieren müssen, um den notwendigen Übergang zu vollziehen? Was tut die EU, um so einen Übergang zu finanzieren?

Derzeit werden jährlich rund 2 % des BIP der EU in unser Energiesystem und die dazugehörige Infrastruktur investiert. Dies müsste auf 2,8 % (oder rund 520-575 Mrd. EUR jährlich, ohne Investitionen im Zusammenhang mit dem Fahrzeugbestand) erhöht werden, um zu einer Wirtschaft ohne Netto-Treibhausgasemissionen beizutragen. Das ist eine beträchtliche Summe, selbst für eine entwickelte Wirtschaft wie die der EU, aber solche zusätzlichen Investitionen können sich beispielsweise über geringere Energiekosten oder höhere Wettbewerbsfähigkeit bezahlt machen. Generell dürfte der Übergang das Wachstum und die Beschäftigung stimulieren, mit vorteilhaften Auswirkungen auf das BIP von bis zu 2 % bis 2050.

Der Großteil der Investitionen, die erforderlich sind, um die EU auf einen klimaneutralen Weg zu bringen, wird von Einzelpersonen oder privaten Unternehmen getätigt. Öffentliche Interventionen können finanziellen Zwängen entgegenwirken, die einen ausreichenden Investitionsfluss verhindern. Die EU bereitet sich bereits auf dieses weitreichende Investitionsproblem vor:

  • Der 2015 ins Leben gerufene Europäische Fonds für strategische Investitionen (EFSI) mobilisiert zusätzliche Investitionen von mindestens 315 Mrd. EUR über einen Zeitraum von drei Jahren und umfasst eine Bürgschaftsfazilität von 21 Mrd. EUR für Unternehmens- und Infrastrukturprojekte. Der EFSI wurde erweitert und zielt nun darauf ab, Investitionsmittel in Höhe von 500 Mrd. EUR für strategische Infrastruktur und Unternehmen zu mobilisieren. Ein Großteil solcher Investitionen trägt zu einer CO2-armen, ressourceneffizienten Wirtschaft bei.
  • Im InvestEU-Programm werden eine Vielzahl von EU-Finanzierungsinstrumente zur Förderung von Investitionen, Innovation und der Schaffung neuer Arbeitsplätze zusammengeführt. Das Programm basiert auf dem Erfolg (und den Erfahrungen) mit dem EFSI. Die Höhe der vorgeschlagenen InvestEU-Bürgschaftsfazilität beträgt 38 Mrd. EUR, welche Investitionen in Höhe von 650 Mrd. EUR generieren sollen. Mindestens 30 % dieser Mittel sollten zum Klimaschutz beitragen.
  • Der Aktionsplan der Kommission für die Finanzierung nachhaltigen Wachstums zielt darauf ab, Finanzfragen mit den Belangen der europäischen und der Weltwirtschaft zu verknüpfen – zum Vorteil des Planeten und unserer Gesellschaft. Mit dem Plan werden drei Ziele verfolgt: i) die Neuausrichtung der Kapitalflüsse hin zu grünen Investitionen; ii) die Bewältigung finanzieller Risiken, die sich aus dem Klimawandel, Naturkatastrophen, der Umweltzerstörung und sozialen Problemen ergeben; und iii) die Förderung von Transparenz und Langfristigkeit in der Finanz- und Wirtschaftstätigkeit.

Die EU gibt rund 20 % ihres Gesamthaushalts im Zeitraum 2014-2020 (über 206 Mrd. EUR) für Klimaschutzmaßnahmen aus. Die Kommission hat vorgeschlagen, diesen Anteil für den Zeitraum 2021-2027 auf 25 % anzuheben.

10. Wie wird sich die Strategie auf Arbeitnehmer in CO2-intensiven Sektoren/Regionen auswirken? Welche Arbeitsplätze wird eine CO2-arme Wirtschaft schaffen?

Der Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft ist eine Triebfeder für die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft in Europa. Während insgesamt erwartet wird, dass sich dies positiv auf die Beschäftigung auswirkt, werden in einigen Sektoren wie dem Kohlebergbau und der Förderung fossiler Brennstoffe Arbeitsplätze verloren gehen. In anderen Sektoren wird sich die Art der Güterproduktion ändern, was eine Umschulung und Weiterbildung der Arbeitskräfte erfordert. Manche Regionen werden davon stärker betroffen sein als andere, vor allem solche, in denen die mineralgewinnende Industrie und energieintensive Produktion einen großen Anteil an der Gesamtbeschäftigung ausmachen. So ein Übergang muss sorgfältig gesteuert werden und von Anfang an Gerechtigkeit und soziale Fairness sicherstellen. Arbeitslosigkeit muss in jedem Sektor und jeder Region vermieden werden. Niemand darf auf der Strecke bleiben – es muss ein sozial gerechter Übergang sein, der auf Solidarität innerhalb der EU beruht.

Zu diesem Zweck müssen sowohl die EU als auch ihre Mitgliedstaaten von Anfang an die sozialen Auswirkungen dieses Umbruchs berücksichtigen und alle einschlägigen politischen Möglichkeiten vollständig ausschöpfen, um diese Herausforderung zu bewältigen. Schon jetzt stehen die Beschäftigungs- und die Kohäsionspolitik im Fokus des EU-Haushalts, mit dem Ziel, soziale und territoriale Ungleichheiten zu verringern. Für den nächsten langfristigen EU-Haushalt hat die Kommission vorgeschlagen, die soziale Dimension der Union durch einen Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+) mit einer Mittelausstattung von 101,2 Mrd. EUR zu stärken. Ein wirksamerer Europäischer Fonds für die Anpassung an die Globalisierung (EGF) mit einem Gesamtbudget von 1,6 Mrd. EUR wird außerdem Arbeitskräfte unterstützen, die aufgrund des Übergangs zu einer CO2-armen Wirtschaft unerwartet entlassen wurden. Die Initiative für kohle- und CO2-intensive Regionen im Wandel konzentriert sich speziell auf die Unterstützung von Kohlerevieren.

Qualifikationen sind wichtig, damit unsere Wirtschaft wettbewerbsfähig bleibt und jeder umfassend an Wirtschaft und Gesellschaft teilnehmen kann. Nicht nur die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt aufgrund des Übergangs zur CO2-armen Wirtschaft, sondern auch andere laufende Veränderungen wie die zunehmende Digitalisierung müssen bewältigt werden. Beispielsweise sind in der Branche der erneuerbaren Energien in Europa Techniker, Ingenieure und Forscher die meist gefragten Berufsprofile. Neue Berufe werden in allen Teilen der Wertschöpfungskette entstehen, von der Fertigung von Ausrüstung für erneuerbare Energien über Projektentwicklung bis zur tatsächlichen Erzeugung erneuerbarer Energie und dem Betrieb der Ausrüstung. Der Übergang wird auch die Aufgabenprofile von Architekten, Bauarbeitern, Elektrotechnikern, Fahrern und Fahrzeugbetreibern, Landarbeitern und Gärtnern, Maschinen- und Anlagenbetreibern, anderen Arbeitnehmern in der Fertigungsindustrie, Präzisionshandwerkern und Druckern sowie Führungskräften in der Produktion und bei speziellen Dienstleistungen ändern.

11. Wie könnte sich der Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft auf städtische und ländliche Räume und die bauliche Umwelt auswirken?

Da rund 75 % der EU-Bevölkerung in städtischen Gebieten leben, kommt den Städten und ihrer Bevölkerung eine wichtige Rolle bei der Reduzierung der Treibhausgasemissionen und der Anpassung an die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels zu.

Der CO2-arme städtische Verkehr wird die Lebensqualität in städtischen Gebieten insbesondere durch die Verringerung der Luftverschmutzung und der Lärmbelastung verbessern. Stadtplanung, öffentlicher Nahverkehr, sichere Fahrrad- und Fußwege, neue Zustellungstechnologien, „Mobilität als Dienstleistung“ wie Sharing-Dienste für Personenkraftwagen und Fahrräder sowie alternative Arbeitsregelungen wie Telearbeit werden die Art und Weise ändern, wie sich Menschen und Güter von einem Ort zum anderen bewegen.

Ländliche Gebiete, die sich einer wachsenden und sich wandelnden Nachfrage nach land- und forstwirtschaftlichen Erzeugnissen stellen müssen, brauchen ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte zur Bewältigung dieser Herausforderungen und werden gleichzeitig mit Landflucht konfrontiert. Die Landwirtschaft muss Fasern an die Biowirtschaft und Biomasse zur Erzeugung von Bioenergie liefern, was sich auf die Landnutzung und die Diversifizierung der landwirtschaftlichen Erzeugung auswirken könnte.

Der Übergang zu intelligenten, energieeffizienten Gebäuden (in Form von Geräten oder des Bedarfs an Heiz- und Kühlsystemen) wird auch dazu beitragen, die Eigenverantwortung der Menschen zu stärken, ihre Lebensqualität zu verbessern und ihre Energiekosten zu senken. Höhere Renovierungsquoten lassen sich nur dann erreichen und aufrechterhalten, wenn angemessene Finanzierungsinstrumente das derzeitige Marktversagen überwinden, genügend hinreichend qualifizierte Fachleute verfügbar sind und Erschwinglichkeit für alle gewährleistet ist. Das Engagement der Verbraucher, einschließlich über Verbraucherverbände, wird ein wesentliches Element in diesem Prozess darstellen. 

12. Wie kann die EU unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft dabei unterstützen, diesen Wandel zu vollziehen?

Die EU wird weiterhin dafür sorgen, dass ihre Energie- und Klimapolitik sowie ihre Politik in den Bereichen Forschung und Innovation, Investition, Industrie und sozialer Zusammenhalt kontinuierlich auf eine dekarbonisierte Zukunft zusteuert. Die Kommission hat außerdem den Klimaschutz, einschließlich der Energiewende, in ihren Finanzierungsprogrammen berücksichtigt und alle anderen Politikbereiche angepasst, um den Wandel zu fördern. Trotzdem kann mehr in den Bereichen Beschäftigung, Bildung und Gesundheit getan werden, um die Bevölkerung bei diesem Prozess zu unterstützen.

Im Bereich Forschung und Entwicklung müssen die (in Frage 8 erwähnten) EU-Programme Innovation im Hinblick auf CO2-freie Technologien fördern. Durch Anreize für Veränderungen in der Finanzbranche wird der Aktionsplan der Kommission zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums den notwendigen Rahmen zur Förderung der Hinwendung zu grünen Investitionen schaffen – zuerst innerhalb der EU, aber auch weltweit. Um einen sozial gerechten, inklusiven Übergang zu gewährleisten, wird die EU auch künftig die Erschließung neuer Möglichkeiten in den Regionen und Gemeinschaften fördern, die von diesen übergangsbedingten Problemen betroffen sind.

Das Risiko der Energiearmut ist und bleibt eine erhebliche Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Die sozialen Folgen des Übergangs können nicht im Nachhinein korrigiert werden. Soziale Probleme lassen sich im Allgemeinen besser durch die Sozialpolitik und Wohlfahrtssysteme bewältigen, deren Finanzierung von Steuerverlagerungen und der Wiederverwendung von Einkünften profitieren könnte.

Damit der Übergang gelingt, müssen Bürger und Verbraucher stärker sensibilisiert werden, mehr Eigenverantwortung übernehmen und stärker motiviert werden. Die Menschen sind zunehmend besorgt über den Klimawandel und seine Folgen. Sie müssen jedoch darüber informiert werden, wie sich ihr Mobilitäts- und Verbraucherverhalten – wie sie reisen, wie sie Energie erzeugen und verbrauchen und wie sie ihre Häuser bauen und renovieren – auswirkt und dann ihre Entscheidung treffen. Bessere Kennzeichnungen und Informationen über ihren ökologischen Fußabdruck können hilfreich sein. Eine sozial gerechte Umweltbesteuerung und die CO2-Bepreisung sollten bei der Steuerung dieser Wende eine wichtige Rolle spielen. Der Übergang zu einer Wirtschaft ohne Netto-Treibhausgasemissionen kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Bürgerinnen und Bürger den Wandel mittragen und ihn für ihr Leben und das ihrer Kinder als sinnvoll empfinden. 

13. Welche positiven Auswirkungen hat der Übergang zu geringen Treibhausgasen für Mensch und Wirtschaft in Form von klimaunabhängigen Nebeneffekten (Luftverschmutzung, Ressourcennutzung, Energiesicherheit usw.)?

Beim Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft geht es nicht nur um den zukünftigen Klimawandel. Es geht dabei um uns und unser tägliches Leben, darum wie wir arbeiten, welche Verkehrsmittel wir benutzen und wie wir zusammenleben.

Ehrgeizige Klimaschutzmaßnahmen verbessern die Luftqualität und tragen zum Schutz der biologischen Vielfalt bei. Außerdem können die Menschen in Europa von einer innovativeren, dynamischeren, wettbewerbsfähigeren und integrativeren Wirtschaft profitieren. Ferner wird die EU deutlich weniger von fossilen Brennstoffen abhängen, sodass unsere Wirtschaft weniger anfällig für Energiekrisen wird.

Klimabewusste Entscheidungen und eine gesündere Lebensweise gehen oft Hand in Hand.

 

[1] ESTAT-Daten, 2015.

MEMO/18/6545

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