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Europäische Kommission - Factsheet

Europäischer Beschäftigungs- und Sozialbericht 2018 – Fragen und Antworten

Brüssel, 13. Juli 2018

Die Europäische Kommission hat heute den jährlich erscheinenden Europäischen Beschäftigungs- und Sozialbericht für 2018 veröffentlicht.

Worauf liegt der Schwerpunkt des Europäischen Beschäftigungs- und Sozialberichts für 2018?

Der diesjährige Beschäftigungs- und Sozialbericht geht schwerpunktmäßig auf die sich wandelnde Arbeitswelt ein und will damit einen Beitrag zu den Forschungsarbeiten akademischer Forschungseinrichtungen, von Behörden und internationalen Organisationen (darunter die ILO, die OECD und die Weltbank) sowie zur öffentlichen Debatte leisten.

Die einzelnen Kapitel des Berichts befassen sich mit folgenden Aspekten:

  1. Wichtigste Entwicklungen bei Beschäftigung und sozialer Lage in der EU
  2. Ein neuer Arbeitsmarkt mit neuen Arbeitsbedingungen: Arbeitsplätze, Kompetenzen und Einkommen der Zukunft
  3. Chancengleichheit: Kompetenzen, Bildung und Überwindung der Benachteiligungen durch sozioökonomischen Hintergrund und Geschlecht
  4. Ungleichheit der Lebensumstände
  5. Zugang zu und Nachhaltigkeit von sozialem Schutz in einer sich wandelnden Arbeitswelt
  6. Sozialer Dialog im Hinblick auf eine sich wandelnde Arbeitswelt

Die Erkenntnisse belegen, wie wichtig das Engagement der Kommission zur Stärkung der sozialen Dimension Europas ist, und bekräftigen die Bedeutung der europäischen Säule sozialer Rechte. Sie stützen außerdem die Prioritäten, die im Vorschlag der Europäischen Kommission vom 2. Mai 2018 für den mehrjährigen Finanzrahmen der EU für die Zeit nach 2020 festgelegt wurden.

Warum liegt der Schwerpunkt des Europäischen Beschäftigungs- und Sozialberichts 2018 auf der sich wandelnden Arbeitswelt?

Die Globalisierung sowie technologische und demografische Entwicklungen prägen in zunehmendem Maße unsere Arbeitsbedingungen, die Lebensumstände und die sozialen Verhältnisse. Die Arbeitsmärkte entfalten eine größere Dynamik. Die Menschen arbeiten sehr viel anders als noch vor 15 Jahren. Roboter, künstliche Intelligenz und digitale Technologien revolutionieren die Art und Weise, wie Produkte hergestellt und Dienstleistungen erbracht werden. Diese Technologien können Routinearbeiten in traditionellen Berufen überflüssig machen und Ängste vor dem Verlust des Arbeitsplatzes schüren. Dies sind die Hauptsorgen der EU-Bürgerinnen und -Bürger, auf die die Kommission auf zweierlei Weise reagiert: mit Investitionen in den Erwerb von Kompetenzen durch lebenslanges Lernen und mit der Anpassung des Arbeitsmarktrechts und der Sozialschutzsysteme an die neue Arbeitswelt.

Wie haben sich Arbeitsmarkt und soziale Lage in der EU entwickelt?

Das sich verbessernde makroökonomische Umfeld hat sich positiv auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt. Mit rund 238 Mio. Erwerbstätigen hat die Beschäftigung einen neuen Rekordwert erreicht. Die Zahl der pro Beschäftigtem geleisteten Arbeitsstunden hat sich in den letzten Jahren erhöht, bleibt aber weiterhin hinter dem Wert von 2008 zurück. Die Arbeitslosenquote in der EU beträgt 7 % – der niedrigste Wert seit August 2008. Auch die Langzeitarbeitslosigkeit ist weiter gesunken, macht aber nach wie vor beinahe die Hälfte der Gesamtarbeitslosigkeit aus. Bei den jungen Menschen (15-24 Jahre) ist die Zahl der Arbeitslosen auf 3,37 Millionen und damit unter das Niveau vor der Krise gesunken (2008: 4,2 Millionen). Wenn sich diese positiven Trends fortsetzen, dürfte die EU die im Rahmen der Strategie „Europa 2020“ angestrebte Beschäftigungsquote von 75 % erreichen.

 

Grafik 1. Arbeitslosenquote in der EU sinkt weiter

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Quelle: Prognosen von Eurostat & Kommission

 

Mit dem Wirtschaftswachstum hat sich auch die Einkommenssituation verbessert. So ist das verfügbare Einkommen der Haushalte EU-weit wie auch in den allermeisten Mitgliedstaaten gestiegen. Im Jahr 2016 (jüngste Daten) betrug die Zahl der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen 5,6 Millionen weniger als 2012 (Höchststand). Sie ist Jahr um Jahr gesunken, liegt aber mit 117 Millionen Betroffenen nach wie vor weit über dem Zielwert der Strategie „Europa 2020“. Die Zahl der an erheblicher materieller Entbehrung leidenden Menschen ist in fast allen Mitgliedstaaten gesunken und belief sich 2017 auf 33,4 Millionen (rund 16,1 Millionen weniger als 2012, als mit 49,4 Millionen ein Höchststand erreicht wurde).

 

Grafik 2: Weniger Menschen von erheblicher materieller Entbehrung bedroht

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Quelle: Eurostat, Berechnungen der Kommission

 

Wie wirkt sich die Automatisierung auf die Arbeitsplätze aus?

Zwar gibt es keine definitive Aussage über den möglichen Umfang, in dem sich die Technologie auf die Beschäftigung auswirkt, es geht aber aus Studien hervor, dass repetitive Routinearbeiten am ehesten teilweise oder vollständig automatisiert werden. Dieser laufende Prozess geht mit einer Polarisierung der Arbeitsplätze einher. So hat die Zahl der hoch- und geringbezahlten Arbeitsplätze zugenommen, während die Zahl im mittleren Einkommensbereich sinkt.

Außerdem haben bestimmte technologische Entwicklungen zur Zunahme atypischer Arbeitsverhältnisse[1] beigetragen, wie Beschäftigung über Online-Plattformen oder selbstständige Erwerbstätigkeit. Davon profitieren sowohl Unternehmen als auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dank höherer Flexibilität bzw. besserer Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Auch haben diese Entwicklungen den Menschen (auch Personen mit Behinderungen und Älteren) neue Chancen eröffnet, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen oder auf dem Arbeitsmarkt zu verbleiben. Atypische Arbeitsformen können jedoch die Arbeitsbedingungen und die Arbeitsplatzqualität beeinträchtigen. Mit dem Aufkommen atypischer Beschäftigungsverhältnisse könnten sich die Ungleichheiten und damit auch das Geschlechtergefälle verstärken.

Außerdem wird bei einigen Beschäftigungsformen die Grenze zwischen nichtselbstständiger und selbstständiger Erwerbstätigkeit verwischt, was die Fähigkeit der europäischen Sozialschutzsysteme auf die Probe stellt, alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausreichend abzusichern. Die in diesen Systemen vorgenommenen Abgrenzungen müssen überdacht werden, damit inklusiver Schutz gewährt und die Nachhaltigkeit der Sozialschutzsysteme langfristig gewährleistet werden kann. Vor diesem Hintergrund hat die Kommission im März 2018 einen Vorschlag vorgelegt, mit dem der Zugang zum Sozialschutz für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Selbstständigen sichergestellt werden soll, u. a. durch Förderung der Übertragung von Sozialversicherungsansprüchen von einem Arbeitsplatz bzw. Beschäftigungsstatus auf den nächsten.

Der technologische Wandel birgt aber auch Chancen: Dank innovativer Technologien erhöht sich die Produktivität, es entstehen neue Arbeitsplätze, die Inklusivität des Arbeitsmarktes wird gefördert und Berufs- und Privatleben lassen sich besser miteinander in Einklang bringen. In Anbetracht dieser Entwicklungen kommt den Bereichen Bildung und Verbesserung der Kompetenzen ein immer höherer Stellenwert zu, wenn es darum geht, den Arbeitnehmern und Unternehmen in Europa die Anpassung zu erleichtern. Mit der europäischen Agenda für Kompetenzen hat die Kommission den Grundstein dafür gelegt, dass den Menschen in Europa – in enger Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten, Ausbildungsanbietern und Unternehmen – während ihres gesamten Lebens auf allen Ebenen bessere Qualifikationen vermittelt werden. Auch die Sozialpartner sind dabei, sich auf die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt einzustellen, und sie könnten dabei helfen, den bestehenden Rechtsrahmen an die neuen Formen der Beschäftigung anzupassen.

 

Grafik 3: Verstärkte Automatisierung der Produktion dank modernster Wissenschaft und Technologie

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Quelle: Lordan and Josten (2017)

 

Wie wirkt sich die Automatisierung auf die Ungleichheiten bei der Einkommensverteilung aus?

Die Höhe des Einkommens und Ungleichheiten bei der Einkommensverteilung hängen von der Zahl der geleisteten Arbeitsstunden und den Stundenlöhnen ab. Daher kann die sich wandelnde Arbeitswelt Auswirkungen auf das Einkommen haben, wenn die neuen Beschäftigungsformen einen dieser beiden Faktoren tangieren. Die Automatisierung wirkt sich auf Routinearbeiten aus, die nur eine geringe Qualifikation erfordern, und betrifft damit auch Geringverdiener. Neue Formen der Beschäftigung begünstigen oft atypische Arbeitsverhältnisse gegenüber typischen unbefristeten Vollzeitarbeitsverträgen. Durch atypische Arbeitsverhältnisse kann sich die Anwendung bestimmter Arten flexibler Arbeitsregelungen (wie Soloselbstständigkeit und Zeitarbeit) erhöhen. Dadurch verstärkt sich meist die Einkommensvolatilität, was wiederum dazu führen könnte, dass die Arbeitnehmer in atypischen Beschäftigungsverhältnissen noch stärker gefährdet sind. Als Reaktion hierauf hat die Kommission eine Richtlinie zum Zweck transparenter und verlässlicher Arbeitsbedingungen vorgeschlagen, die neue Mindeststandards für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vorsieht, auch für solche mit atypischen Arbeitsverträgen.

 

Grafik 4: Armutsrisiko nach Beschäftigungsverhältnis

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Quelle: EU-SILC, Berechnungen der Kommission

 

In welchem Umfang wird Arbeitskraft durch Technologie ersetzt? Und lässt sich das verhindern?

Automatisierung heißt nicht automatisch Vernichtung von Arbeitsplätzen. Die Mitgliedstaaten mit dem höchsten Automatisierungsanteil in der Produktion (beispielsweise Deutschland und die Tschechische Republik) verzeichnen derzeit auch die niedrigsten Arbeitslosenquoten. So setzt Deutschland in der EU die meisten Roboter ein, doch es gibt nur wenig Anzeichen dafür, dass Roboter sich negativ auf die Arbeitsplätze auswirken.

Allgemein hängt das Ausmaß, in dem sich Arbeitskraft durch Technologie ersetzen lässt, vom Niveau der Qualifikationen ab, die benötigt werden, um die mit dem jeweiligen Arbeitsplatz verbundenen Tätigkeiten ausführen zu können. So erklärt sich, dass sich repetitive Arbeiten mit geringen Qualifikationsanforderungen zu einem relativ hohen Anteil ersetzen lassen. Auf der anderen Seite werden qualifizierte Arbeitskräfte benötigt, die die modernen Technologien anwenden, unterhalten, reparieren und verbessern, damit ihr Potenzial voll ausgeschöpft werden kann. Ob Arbeitskraft durch Technologie ersetzt wird, hängt schlussendlich davon ab, wie gut sich die Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung an die sich rasch ändernden technologischen Möglichkeiten anpassen können. Daher kommt Investitionen in den Erwerb von Kompetenzen eine so hohe Bedeutung zu, damit die Menschen unabhängig von der technologischen Entwicklung beschäftigungsfähig bleiben.

Wie wirken sich Entwicklungen wie die Automatisierung und atypische Beschäftigungsformen auf die bestehenden Sozialschutzsysteme aus?

Die derzeitigen Sozialschutzsysteme sind in erster Linie auf Personen ausgerichtet, die im Rahmen eines langfristigen Vertrags mit üblicherweise einem einzigen Arbeitgeber in Vollzeit beschäftigt sind. Andere Gruppen wie selbstständig Erwerbstätige oder Gelegenheits- und Saisonarbeiter sind möglicherweise formal vom Schutz ausgeschlossen. Je mehr atypische Arbeitsverträge die sich wandelnde Arbeitswelt hervorbringt, desto mehr Menschen werden nicht von den Sozialschutzsystemen abgesichert sein. Dadurch erhöht sich der Druck auf die Ausgabenseite der Sozialsysteme, da die Beitragsseite schrumpft, was durch die Bevölkerungsalterung noch verstärkt wird. Zukunftssichere, zweckdienliche Sozialsysteme müssen über die gesamte Lebensdauer hinweg wichtige soziale Leistungen gewähren, einen individuellen Ansatz bei der beruflichen Entwicklung bieten und zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit beitragen.

Beteiligen sich die Sozialpartner an der Verwaltung dieser Veränderungen in der Arbeitsorganisation?

Die Sozialpartner der europäischen und der nationalen Ebene sowie der industrieweiten und der Branchenebene können dazu beitragen, die Zukunft der Arbeit auf nachhaltige Weise mitzugestalten. Bei vielen neuen atypischen Formen der Beschäftigung ist die Organisation jedoch schwieriger. Die Vertretung der Arbeitnehmerinteressen ist auf dem bestehenden, stärker individualisierten Arbeitsmarkt immer öfter ein Problem und die Gewerkschaften verzeichnen sinkende Mitgliederzahlen. Auch die Vertretung der Arbeitgeberinteressen tut sich schwer mit einigen neuen Beschäftigungsformen. In manchen Fällen steht nicht zweifelsfrei fest, wer die Arbeitgeber sind. Mit folgenden Maßnahmen reagieren die Sozialpartner bereits jetzt auf diese Herausforderungen:

  • Qualifizierungs- und Umschulungsstrategien und -maßnahmen wie die Einrichtung von Fonds, mit denen die Unternehmen dazu motiviert werden sollen, ihren Beschäftigten den Ausbau ihrer Kompetenzen zu erleichtern
  • Gestaltung der infolge der neuen Technologien zunehmenden Flexibilität bei Arbeitszeit und Arbeitsmethoden, z. B. durch Förderung des Rechts auf Nichterreichbarkeit
  • Aufrechterhaltung der Tarifbindung durch bessere Integration atypischer Beschäftigungsverträge in Tarifverträge and
  • inklusivere Organisation der Vertretung der Arbeitnehmerinteressen auf den neuen Arbeitsmärkten durch gezielte Kampagnen, die sich an junge Arbeitnehmer und in der Plattformwirtschaft beschäftigte Arbeitnehmer richten

Wie geht die Kommission die Herausforderungen an, die sich durch die sich wandelnde Arbeitswelt ergeben?

Die Kommission hat im Rahmen der europäischen Säule sozialer Rechte u. a. folgende wichtige Initiativen auf den Weg gebracht:

Die europäische Agenda für Kompetenzen macht deutlich, wie wichtig es der Kommission ist, sicherzustellen, dass den Menschen im Zuge der allgemeinen und beruflichen Bildung das Wissen und die Kompetenzen vermittelt werden, die sie benötigen, um auf persönlicher, sozialer und beruflicher Ebene Erfolg zu haben. Alle 10 Maßnahmen der Agenda für Kompetenzen sind nun angestoßen worden. Maßnahmen wie die Weiterbildungspfade, die Koalition für digitale Kompetenzen und Arbeitsplätze und die Blaupause zur Branchenzusammenarbeit betreffend Kompetenzen zielen auf den Qualifikationsaufbau, die branchenübergreifende Zusammenarbeit und die Ermittlung des künftigen Qualifikationsbedarfs sowie auf eine bessere Erfassung der Daten zu den Kompetenzen ab.

Die Kommission unterstützt die Kompetenzentwicklung in Europa auch über EU-Fonds (z. B. die europäischen Struktur- und Investitionsfonds, das Programm „Horizont 2020“ und demnächst „Horizont Europa“, das Programm für Beschäftigung und soziale Innovation sowie das Programm „Erasmus+“).

Die finanzielle Unterstützung wird unter dem mehrjährigen Finanzrahmen für die Zeit nach 2020 fortgesetzt. Der Europäische Sozialfonds Plus (ESF+) wird das wichtigste EU-Finanzierungsinstrument für Investitionen in Menschen und wird wesentlich dazu beitragen, die soziale Kohäsion zu stärken, die soziale Gerechtigkeit zu verbessern und die Wettbewerbsfähigkeit in ganz Europa zu steigern. Der Europäische Fonds für die Anpassung an die Globalisierung (EGF) wird überarbeitet, damit entlassene Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wirksamer unterstützt werden können; der Schwerpunkt wird auf der Verbesserung von Kompetenzen und Beschäftigungsfähigkeit dieser Arbeitnehmer sowie auf der allgemeinen Anhebung des Qualifikationsniveaus der Arbeitskräfte in Europa liegen.

Weitere Informationen

Pressemitteilung: Beschäftigung und soziale Lage in Europa: Bericht 2018 bestätigt positive Trends, zeigt aber auch Herausforderungen im Zusammenhang mit Automatisierung und Digitalisierung auf

 

 

[1]Ein typisches Beschäftigungsverhältnis liegt bei Personen vor, die im Rahmen eines langfristigen Vertrags mit üblicherweise einem einzigen Arbeitgeber in Vollzeit beschäftigt sind.

MEMO/18/4394

Kontakt für die Medien:

Kontakt für die Öffentlichkeit: Europe Direct – telefonisch unter 00 800 67 89 10 11 oder per E-Mail


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