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Mitteilung über Stresstests in kerntechnischen Anlagen

European Commission - MEMO/12/731   04/10/2012

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Europäische Kommission

MEMO

Brüssel, den 4. Oktober 2012

Mitteilung über Stresstests in kerntechnischen Anlagen

1. Für wie viele Kernkraftwerke (KKW) wurden Stresstests durchgeführt und wo befinden sie sich?

  • Alle Reaktoren in der EU wurden geprüft – insgesamt gibt es 145 Reaktoren, verteilt auf 15 Mitgliedstaaten.

Diese Reaktoren befinden sich in folgenden Ländern der EU:

Belgien: 7 Reaktoren (2 KKW)

Bulgarien: 2 Reaktoren (1 KKW)

Tschechische Republik: 6 Reaktoren (2 KKW)

Finnland: 4 Reaktoren (2 KKW)

Frankreich: 58 Reaktoren (19 KKW)

Deutschland: 17 Reaktoren (12 KKW; davon wurden nach Fukushima 4 KKW mit 8 Reaktoren abgeschaltet)

Ungarn: 4 Reaktoren (1 KKW)

Litauen: 2 Reaktoren im Stilllegungsstadium (1 KKW)

Niederlande: 1 Reaktor (1 KKW)

Rumänien: 2 Reaktoren (1 KKW)

Slowakei: 4 Reaktoren (2 KKW)

Slowenien: 1 Reaktor (1 KKW)

Spanien: 8 Reaktoren (6 KKW)

Schweden: 10 Reaktoren (3 KKW)

Vereinigtes Königreich: 19 Reaktoren (10 KKW)

  • Von den EU-Nachbarländern nahmen die Schweiz (mit 4 in Betrieb befindlichen KKW und insgesamt 5 Reaktorblöcken) und die Ukraine (mit 4 in Betrieb befindlichen KKW und insgesamt 15 Reaktorblöcken) uneingeschränkt an den Stresstests teil.

2. Welche Gefahr besteht, wenn ein Kernkraftwerk von einem Tsunami oder einem Erdbeben betroffen ist?

Der Reaktor selbst ist normalerweise innerhalb eines so genannten primären Containments aus Stahlbeton gut geschützt. Diese Sicherheitsumschließung kann durch Einwirkungen von außen nicht ohne Weiteres beschädigt werden. In den meisten Fällen bietet ein sekundäres Containment zusätzlichen Schutz, um zu verhindern, dass Radioaktivität an die Umwelt abgegeben wird.

Allerdings besteht bei extremen externen Bedingungen, etwa bei einem Tsunami oder einem schweren Erdbeben, die Gefahr, dass wichtige sicherheitstechnische Funktionen der Anlage zerstört werden; davon kann auch das Kühlungs- oder das Stromversorgungssystem betroffen sein. Wie in Fukushima geschehen, könnte dies auch bei den entsprechenden Ersatzsystemen passieren. Dadurch kommt es zum Ausfall der normalen Kühlfunktionen, die verhindern, dass der Brennstoff innerhalb des Reaktorkerns zu heiß wird und eventuell schmilzt. In einer solchen Unfallsituation steigt der Druck innerhalb des Reaktorbehälters, so dass es – falls der Druck nicht ausreichend gesenkt wird – zu Explosionen und möglichen Beschädigungen der Sicherheitshülle kommen kann, was wiederum Radioaktivitätsfreisetzungen in die Atmosphäre verursacht.

Abbildung 1: Allgemeines Schema eines Siedewasserreaktors (Fukushima-Bauart)

Abbildung 2: Überflutung der Diesel-Notstromgeneratoren in Fukushima

3. Was wurde bei den Stresstests geprüft?

Das Hauptziel der Stresstests lag in der Bewertung folgender Aspekte: 1) Sicherheit und Robustheit der Kernkraftwerke (KKW) im Falle extremer natürlicher Ereignisse (wie in Fukushima), bei denen die normalen Sicherheitsfunktionen der Anlage versagen, und 2) Eignung des KKW zur Beherrschung schwerer Unfälle.

4. Wurden Flugzeugabstürze einbezogen?

Ja. Auch wenn der Schwerpunkt der Stresstests auf extremen natürlichen Ereignissen wie Erdbeben und Überflutungen lag1, wurden bis zu einem gewissen Ausmaß auch sonstige Unfallszenarien – extreme Wetterbedingungen oder Flugzeugabstürze – berücksichtigt. Daher wurden die Folgen von Flugzeugabstürzen für die technische Sicherheit von Kernkraftwerken bei dieser Überprüfung indirekt beurteilt.

Um die sicherheitstechnischen Aspekte von Flugzeugabstürzen näher zu behandeln, veranstaltete die Kommission am 25. September 2012 ein Seminar mit 45 Teilnehmern, die die für die nukleare Sicherheit zuständigen Aufsichts- und Genehmigungsbehörden aus 18 EU-Mitgliedstaaten2, der Schweiz, den USA und Japan vertraten.

Bei neuen Reaktorauslegungen wird die Möglichkeit des Absturzes eines großen Flugzeugs berücksichtigt: Die Sicherheitshülle dieser neuen Reaktorblöcke sollte sogar solchen Vorkommnissen standhalten. Bei älteren Reaktortypen kommen alternative Schutzvorkehrungen zum Einsatz, die darauf abzielen, die Überflugmöglichkeiten von KKW einzuschränken und die Folgen, wie Großbrände und Explosionen, abzuschwächen.

Die Verhütung und Bekämpfung von Vorfällen, die durch böswillige oder terroristische Handlungen verursacht werden können, liegt in der nationalen Zuständigkeit der Mitgliedstaaten. Diese Aspekte wurden im Rahmen der Ad-hoc-Gruppe für die Gefahrenabwehr im Nuklearbereich (AHGNS/Ad Hoc Group on Nuclear Security) bewertet, die im Juli 2011 vom Rat der EU eigens zu diesem Thema eingerichtet wurde. Die AHGNS hat Gespräche zu konkreten Themen abgehalten, u. a. auch über vorsätzliche Flugzeugabstürze über kerntechnische Anlagen. In dem Bericht der Gruppe wird eine Reihe von empfehlenswerten Methoden ausgewiesen, die die Mitgliedstaaten anwenden sollten.

Der Bericht ist unter folgender Internetadresse erhältlich: http://register.consilium.europa.eu/pdf/en/12/st10/st10616.en12.pdf.

5. Wie wurden die Prüfungen organisiert?

Die Stresstests wurden in einem mehrstufigen Verfahren durchgeführt:

Erster Schritt: Die Betreiber führten eine eigene Bewertung durch und machten Vorschläge für sicherheitstechnische Verbesserungen; dabei folgten sie den Spezifikationen der ENSREG.

Zweiter Schritt: Die Bewertungen der Betreiber wurden von den nationalen Aufsichtsbehörden überprüft, die ebenfalls Anforderungen aufstellten und Empfehlungen formulierten.

Dritter Schritt: Es fand eine gegenseitige Überprüfung (Peer Review) der nationalen Berichte statt, die von Experten aus Mitgliedstaaten mit und ohne KKW durchgeführt wurde. Dabei wurde geprüft, ob bei den Stresstests die ENSREG-Spezifikationen eingehalten worden waren und ob kein wichtiger Problempunkt übersehen worden war. Darüber hinaus wurden empfehlenswerte Vorgehensweisen, Schwachstellen und Empfehlungen herausgearbeitet, mit denen die Robustheit der jeweiligen Anlage erhöht werden könnte3.

6. Wurden alle Kernkraftwerke geprüft?

Ja. In der ersten Phase wurden alle Kraftwerke von ihren jeweiligen Betreibern bewertet. Diese Bewertungen wurden anschließend von der jeweiligen nationalen Aufsichtsbehörde geprüft; dabei wurden auch Kontrollen vor Ort durchgeführt. Die gegenseitigen Überprüfungen (Peer Reviews) betrafen sämtliche Kraftwerke. Ausgangspunkt dieser letzten Phase der Stresstests waren die bei der Kommission eingereichten nationalen Berichte, die Länderpräsentationen bei den Peer-Review-Sitzungen und zusätzliche Fragen an die Aufsichtsbehörden und die Betreiber während der Besuche in den einzelnen Ländern. Die Peer-Review-Teams besuchten 54 der 145 Reaktoren (~37 % der Reaktoren in der EU), wobei alle in der EU vorhandenen Reaktortypen berücksichtigt wurden.

7. Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse aus den Stresstests?

Bei den Stresstests wurden die sicherheitstechnischen Merkmale vor dem Hintergrund der Lehren aus dem Fukushima-Unfall in Augenschein genommen. Dabei wurde deutlich, dass nicht in allen Bereichen die höchsten internationalen Standards und die als beste Praxis anerkannten Methoden angewandt werden. Folgende Problempunkte wurden ermittelt:

Erdbebengefahr: Bei der Auslegung von 54 Reaktorblöcken in der EU von den insgesamt 145 (37 %) wurden moderne Standards für die Erdbebenrisikoberechnung nicht berücksichtigt. Bei der Risikoberechnung sollte ein Zeitraum von 10 000 Jahren anstatt der zuweilen verwendeten deutlich kürzeren Zeiträume zugrunde gelegt werden.

Überflutungsgefahr: Bei der Auslegung von 62 Reaktoren (43 %) wurden moderne Standards für die Überflutungsrisikoberechnung nicht berücksichtigt. Bei der Risikoberechnung sollte ein Zeitraum von 10 000 Jahren anstatt der zuweilen verwendeten deutlich kürzeren Zeiträume zugrunde gelegt werden.

Mindestschutzgrad vor seismischen Gefahren: Bei den Erdbebengefährdungsstudien von 65 Reaktoren (45 %) wurde nicht der international empfohlene Mindestschutzgrad vor seismischen Gefahren zugrunde gelegt, der auch gilt, wenn dass KKW der Wahrscheinlichkeit nach weniger durch Erdbeben gefährdet ist.

Die Ausrüstung zur Bekämpfung schwerer Unfälle sollte an Orten gelagert werden, die selbst bei einer weitreichenden Verwüstung unversehrt bleiben und von denen rasch auf sie zugegriffen werden kann. Dies ist bei 81 Reaktoren nicht der Fall (56 %).

In jedem Kernkraftwerk sollten seismische Messinstrumente vorhanden sein, um eventuelle Erdbeben zu messen und anzukündigen. Diese Instrumente sollten in 121 Reaktoren (83 %) installiert bzw. nachgerüstet werden.

Bei einem Ausfall der Notstromversorgung (Station Blackout) sollte das KKW in der Lage sein, mehr als 1 Stunde ohne Eingreifen standzuhalten, bevor die Sicherheitsfunktionen wiederhergestellt sein müssen, um ein Aufheizen des Reaktorkerns zu verhindern. Dies ist bei 5 Reaktoren (3 %) nicht der Fall.

Die Notfallverfahren sollten sich auf alle Anlagenzustände (d. h. Vollleistungsbetrieb bis hin zur Abschaltung) erstrecken. Dies ist bei 57 Reaktoren (39 %) nicht der Fall.

Es sollten Leitlinien für das Vorgehen bei schweren Unfällen eingeführt werden, die alle Anlagenzustände (d.h. Vollleistungsbetrieb bis hin zur Abschaltung) abdecken. Dies ist bei 79 Reaktoren (54 %) nicht der Fall.

Passive Maßnahmen (d.h. Maßnahmen, die nicht durch ein anderes System oder menschliches Eingreifen in Gang gesetzt werden müssen) zur Verhinderung von Wasserstoffexplosionen (oder Explosionen sonstiger brennbarer Gase) im Fall schwerer Unfälle sollten vorhanden sein. Dies ist bei 40 Reaktoren (28 %) nicht der Fall.

Es sollten mit Filtern ausgestattete Abluftsysteme in der Sicherheitsumschließung vorhanden sein, um bei einem Unfall den Druck im Reaktorbehälter gefahrlos ablassen zu können. 32 Reaktoren (22 %) haben diese Systeme noch nicht.

Für den Fall, dass der Hauptkontrollraum infolge radiologischer Freisetzungen bei einem schweren Unfall, bei einem Brand im Hauptkontrollraum oder aufgrund einer Beschädigung durch extreme Einwirkungen von außen nicht mehr betreten werden kann, sollte ein Ersatzkontrollraum vorhanden sein. Solche Räume gibt es für 24 Reaktoren (~17 %) nicht.

8. Wie geht es weiter?

Die Kommission appelliert an alle mitwirkenden Länder, die Empfehlungen der Stresstests zügig umzusetzen.

Es werden nationale Aktionspläne mit Zeitplänen für die Umsetzung aufgestellt und zum Jahresende 2012 veröffentlicht. Anfang 2013 wird auf diese Aktionspläne die Methode der gegenseitigen Überprüfung angewandt, um zu kontrollieren, ob die sich aus den Stresstests ergebenden Empfehlungen in ganz Europa auf einheitliche und transparente Weise umgesetzt werden. Die Kommission beabsichtigt, im Juni 2014 über die Umsetzung der Stresstestempfehlungen Bericht zu erstatten.

Parallel dazu hat die Kommission den bestehenden europäischen Rechtsrahmen für nukleare Sicherheit überprüft. Anfang 2013 wird sie Änderungen vorschlagen, um den bei den Stresstests und dem Unfall von Fukushima gewonnenen Erkenntnissen Rechnung zu tragen. Zurzeit wird erwogen, 2013 außerdem einen Vorschlag über Versicherung und Haftung im Nuklearbereich sowie einen Vorschlag über Höchstwerte an Radioaktivität in Nahrungs- und Futtermitteln vorzulegen.

Wichtig ist außerdem eine intensive Zusammenarbeit auf internationaler Ebene, vor allem mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO). Bei den anstehenden Erörterungen über die Verbesserung der Effektivität des Übereinkommens über nukleare Sicherheit im Rahmen der IAEO sollte die EU eine aktive Rolle übernehmen.

9. Wurde die Abwehr terroristischer Anschläge in die Prüfungen einbezogen?

Nein. Die Verhütung und Bekämpfung von Vorfällen, die durch böswillige oder terroristische Handlungen verursacht werden können, fallen nicht unter das Mandat der ENSREG, der Gruppe der nationalen Sicherheitsbehörden.

Risiken infolge solcher Anschläge wurden von der Ad-hoc-Gruppe für die Gefahrenabwehr im Nuklearbereich (AHGNS) des Rates erörtert. Im Unterschied zur Vorgehensweise bei den sicherheitstechnischen Bewertungen der ENSREG untersuchte die AHGNS nicht einzelne Anlagen, sondern den Stand der Gefahrenabwehr in der EU insgesamt, indem sie die Methodik für den Schutz von Kernkraftwerken (einschließlich Vorsorgemaßnahmen) prüfte.

2 :

Darunter 11 der 14 EU-Mitgliedstaaten, die zurzeit KKW betreiben, plus Litauen.

3 :

Ausführliche Hintergrundinformationen sind den Stresstestberichten zu entnehmen, die auf der Website der Gruppe der europäischen Regulierungsbehörden für nukleare Sicherheit (ENSREG) veröffentlicht sind: http://www.ensreg.eu/EU-Stress-Tests.


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