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MEMO/08/691

Brüssel, den 12. November 2008

Ratingagenturen: Häufig gestellte Fragen (FAQ)

(siehe IP/08/1684)

Dieses Dokument wurde von den Dienststellen der Kommission erstellt (der GD Binnenmarkt und Dienstleistungen).

Es ist aufgeteilt in zwei Teile: der erste Teil enthält allgemeine Fragen; der zweite Teil beantwortet spezifische Fragen dazu, wie die vorgeschlagene Verordnung in der Praxis arbeiten wird.

Da der Verordnungsentwurf dem Rat und dem Europäischen Parlament zur Fortsetzung des Gesetzgebungsverfahrens im Mitentscheidungsverfahren vorgelegt wurde, können die Antworten auf diese Fragen nicht als endgültig betrachtet werden.

Außerdem sind die hier zur Verfügung gestellten Informationen

  • lediglich von allgemeiner Aussagekraft und sollen nicht die spezifischen Umstände einer bestimmten natürlichen oder juristischen Person erfassen;
  • nicht zwangsläufig vollständig, und sie erfassen auch nicht in systematischer Weise alle Aspekte;
  • lediglich zur allgemeinen Information gedacht, und beinhalten keine Rechtsberatung;
  • keinesfalls als offizielle Kommentierung der Verordnung zu verstehen

Diese Darstellung präjudiziert die Rechtsposition nicht, die die Kommission annehmen könnte, falls neue Entwicklungen wie beispielsweise Gerichtsentscheidungen eine Neubeurteilung der hier zum Ausdruck gebrachten Sichtweisen veranlassen sollten.

Die hier vertretenen Standpunkte präjudizieren auch nicht die Auslegung, der der Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften in den hier angesprochenen Fragen folgen könnte.

TEIL I: Allgemeine Fragen

1. Was ist eine Ratingagentur?

Ratingagenturen geben unabhängige Urteile über die Ausfallwahrscheinlichkeit von Unternehmen, Regierungen und Finanzinstrumenten ab, d.h. sie bewerten die Wahrscheinlichkeit, dass die genannten Akteure ihre Schulden nicht zurückzahlen können. Normalerweise sind die Kredite in Schuldtiteln verbrieft (beispielsweise in Schuldverschreibungen), die die Kreditnehmer (Emittenten) den Investoren anbieten. Investoren, hauptsächlich Banken und Versicherungsgesellschaften, kaufen diese Finanztitel an, und sind zum Erhalt von Zinszahlungen und schließlich der Rückzahlung der Hauptforderung durch den Kreditnehmer/Emittenten berechtigt.

Die Aufgabe von Ratingagenturen besteht in der Bewertung eines bestimmten Emittenten oder der von ihm emittierten Finanzinstrumente sowie der Beurteilung der Wahrscheinlichkeit, dass der Emittent Zinsen oder Hauptforderung nicht (zurück)zahlen kann. Das Ergebnis dieser Bewertung wird in einer Note dem so genannten "Rating" ausgedrückt, das einem Emittenten oder den von ihm emittierten Finanzinstrumenten zugewiesen wird (z.B. bezeichnet AAA die geringste Ausfallwahrscheinlichkeit). Die Urteile der Ratingagenturen, die häufig mehr Erfahrung und Expertise in der Beurteilung der Ausfallwahrscheinlichkeit als die Investoren haben, haben eine große Auswirkung auf die Verfügbarkeit von Kredit und die Kreditkosten für Kreditnehmer / Emittenten.

2. Warum schlägt die Europäische Kommission eine Verordnung vor?

Die Europäische Kommission begann die Arbeit an diesem Vorschlag im Sommer 2007, als erste Anzeichen für die schwache Leistung einiger Ratingagenturen erkennbar wurden. Der Vorschlag liefert ebenfalls eine Antwort auf die Verpflichtung der Finanzminister der EU Mitgliedstaaten, die auf ihrer Sitzung am 7. Oktober 2007 beschlossen haben, die Finanzkrise zu bekämpfen, die in den USA im Jahre 2007 begann und sich später auf die EU ausbreitete. Der Vorschlag stimmt ebenfalls mit den Schlussfolgerungen des Europäischen Rates von März und Oktober 2008 überein, in denen die Staats- und Regierungschefs der EU einen Gesetzesvorschlag forderten, um die Regeln hinsichtlich Ratingagenturen zu verstärken und sie auf europäischer Ebene zu beaufsichtigen.

Dieser Vorschlag gehört zu einer Reihe von auf EU-Ebene unternommenen Maßnahmen, um die Probleme anzugehen, die sich durch die derzeitige Finanzkrise zeigen. Mit dieser Initiative möchte die EU sicherstellen, dass die in der Gemeinschaft verwendeten Ratings unabhängig, objektiv und von höchster Qualität sind. Gemeinsame Regeln auf diesem Gebiet sind notwendig, um das gute Funktionieren des Binnenmarktes für Finanzdienstleistungen zu stärken und ein gleich hohes Schutzniveau für Investoren und Verbraucher überall in der Gemeinschaft zu gewährleisten.

3. Wie trugen die Ratingagenturen zur Finanzkrise bei?

Den Ratingagenturen gelang es nicht, die in komplizierten Finanzinstrumenten enthaltenen Risiken richtig zu bewerten (dies betrifft insbesondere strukturierte Finanzinstrumente, die speziell im Auftrag des Emittenten konstruiert wurden und die einen höheren Zinssatz im Vergleich zu traditionellen Finanzinstrumenten bieten und teilweise riskante Finanzprodukte beinhalten, wie die sogenannten US Subprime Hypotheken). Demzufolge unterschätzten die Ratingagenturen offensichtlich das Risiko, dass derartige Finanzinstrumente die Zahlung der Zinsen oder der Hauptforderung nicht erbringen können. Da die höchsten Ratings an viele solcher innovativen Finanzinstrumente vergeben wurden, fühlten sich viele Investoren ermutigt, solche Instrumente zu kaufen, ohne selbst das damit verbundene Risiko angemessen zu bewerten. Als dann schließlich die Marktbedingungen sich verschlechterten, unterließen es die Ratingagenturen, dies unverzüglich in ihren Ratings deutlich zu machen. Zu diesem Unterlassen seitens der Ratingagenturen kam ein mitunter unvorsichtiges und unvernünftiges Verhalten seitens der Investoren, die sich blind auf die Ratings verließen. Teilweise wurden Kredite gewährt, bzw. Schuldtitel gezeichnet, selbst wenn dies durch die wirtschaftlichen Fundamentaldaten nicht gerechtfertigt war. Dieses Marktversagen trug wesentlich zur derzeitigen Finanzkrise bei.

4. Warum erbrachten die Ratingagenturen derartig schlechte Leistungen?

Es besteht weitgehend Einigung darüber, dass die nachfolgenden Punkte gemeinsam zur schlechten Leistung der Ratingagenturen beigetragen haben:

  1. Fragliche Praktiken bei Interessenkonflikten: Da Ratingagenturen zur Erhebung der erforderlichen Informationen eng mit den Emittenten der bewerteten Finanzinstrumente zusammenarbeiten und da sie normalerweise auch von den Emittenten bezahlt werden, besteht ein erhebliches Risiko für die Objektivität und Unabhängigkeit der Ratingagenturen. Außerdem kann das Personal der Ratingagenturen bei der Erstellung von Ratings falschen Anreizstrukturen ausgesetzt sein, die die Richtigkeit ihrer Beurteilung negativ beeinflussen können (z.B. wenn die Analysten in Preisverhandlungen mit Emittenten eingebunden sind, deren Produkte sie später raten sollen)
  2. Ratingqualität durch Gewinnstreben beinträchtigt: die Ratingagenturen widmeten der Sicherstellung einer ausreichenden und geeigneten Personalausstattung nicht genügend Aufmerksamkeit. Sie konzentrierten sich in erster Linie auf die Einwerbung neuer Aufträge von den Emittenten und weniger auf die Qualität und Genauigkeit ihrer Ratings. Die bei Erstellung der Ratings verwendeten Methoden und Daten wurden nicht ordnungsgemäß überprüft.
  3. Unzulängliche Transparenz: die Ratingagenturen waren nicht transparent genug im Hinblick darauf, wie sie ihre Ratings erstellten (Verfahren, Methoden ect.), ebenso wenig im Hinblick auf die Zuverlässigkeit ihrer Prognosen. Sie verwendeten die gleichen Symbole für alle Finanzinstrumente, obwohl sich diese bezüglich der involvierten Risiken erheblich voneinander unterscheiden.
  4. Mangel an Überwachung: Trotz ihres erheblichen Einflusses auf die Finanzmärkte standen die Ratingagenturen in Europa nicht unter Aufsicht von staatlichen Behörden. Einige von ihnen befolgten freiwillig einen nicht rechtsverbindlichen Verhaltenskodex, der von einer internationalen Organisation, der IOSCO (Internationale Organisation der Wertpapierkommissionen), erstellt wurde.

5. Hielt sich die Kommission bei der Vorlage dieses Vorschlags an die Prinzipien der "Besseren Rechtsetzung" ('Better Regulation')

Dieser Vorschlag ist das Ergebnis einer ausführlichen Analyse und einer ausgedehnten öffentlichen Debatte über die Rolle von Ratingagenturen. Im Sommer des vergangenen Jahres ersuchte die Kommission öffentlich um Rat, sowohl beim Ausschuss der Europäischen Wertpapieraufsichtsbehörden (Committee of European Securities Regulators, CESR), der am 13. Mai seinen Bericht vorlegte, als auch bei der Europäischen Sachverständigengruppe für Wertpapiermärkte (ESME), die am 4. Juni Bericht erstattete. Die Dienststellen der Kommission folgten aufmerksam den Arbeiten von CESR und ESME und nutzen ebenfalls die Ergebnisse der im März dieses Jahres von CESR durchgeführten öffentlichen Konsultation. Die Kommission analysierte diese Berichte und verfolgte auch die Entwicklungen in den USA sowie bei anderen internationalen Gremien, insbesondere bei IOSCO und beim Forum für Finanzstabilität (FSF).

Die Dienststellen der Kommission führten darüber hinaus umfassende Gespräche mit allen Beteiligten, sowohl mit Ratingagenturen als auch mit sonstigen Vertretern der Finanzindustrie. Im August 2008 führte die Kommission des Weiteren eine öffentliche Konsultation über den Arbeitsentwurf dieses Vorschlags durch. Der Vorschlag der Kommission wird zusammen mit einer umfassenden Auswirkungsstudie vorgelegt.

6. Ist eine Verordnung das geeignete Rechtssetzungsinstrument ?

Ja. Ein einheitliches Konzept ist erforderlich, um die Aufsichtsbehörden der Mitgliedstaaten in die Lage zu versetzen, die Einhaltung der Regeln durch die Ratingagenturen in der gesamten EU zu überwachen. Derzeit hat keiner der Mitgliedstaaten ein umfassendes Registrierungs- und Aufsichtsregime für die Ausgabe von Ratings. Eine Verordnung, die unmittelbar in jedem Mitgliedstaat gilt, ist daher die geeignete Rechtsform, um ein einheitliche Konzept überall in der Gemeinschaft einzurichten. Eine Richtlinie, die es den Mitgliedstaaten überlassen würde, wie sie ihre nationalen Gesetze an den neuen Rechtsrahmen anpassen, wäre weniger effizient.

7. Wie wird dieser Vorschlag sicherstellen, dass die in Drittländern angesiedelten Ratingagenturen die neuen Anforderungen befolgen?

Die in Drittländern angesiedelten Ratingagenturen müssen einen juristischen Sitz in der EU in Form einer Tochtergesellschaft haben. Diese Tochtergesellschaft muss in ihrem Sitzstaat die Registrierung als Ratingagentur beantragen und alle Anforderungen gemäß der vorgeschlagenen Verordnung einhalten.

8. Wäre Selbstregulierung nicht eine bessere Methode, um die identifizierten Probleme zu bewältigen?

Nein. Erstens liegen bereits einige neuere Erfahrungen mit Selbstregulierung der Ratingagenturen vor. Insbesondere entwickelte die Internationale Organisation der Wertpapierkommissionen (IOSCO), eine internationale Organisation zur Erstellung von Normen und Standards, die sich überwiegend aus Wertpapieraufsichtsbehörden zusammensetzt, im Jahr 2004 einen Verhaltenskodex für Ratingagenturen. Dieser Kodex, der derzeitig von den führenden Ratingagenturen freiwillig befolgt wird, hat keine zufriedenstellenden Ergebnisse hervorgebracht. Dafür gibt es einige Gründe:

  • Er basiert auf dem sogenannten "Comply or Explain" Grundsatz – den Ratingagenturen steht es dabei frei, sich nicht an bestimmte Anforderungen des Kodex zu halten, solange sie ihre Abweichung offenlegen.
  • Es gibt keinen belastbaren Kontrollmechanismus für die Tätigkeit der Ratingagenturen. In der EU basierten die durch CESR jährlich erstellten Berichte zur Übereinstimmung der Ratingagenturen mit dem IOSCO Kodex lediglich auf Informationen, die die Ratingagenturen freiwillig zur Verfügung stellten.
  • Letztendlich sind viele inhaltlichen Bestimmungen des Kodex zu schwach ausgestaltet, um die mit ihnen bezweckten Ziele wirksam zu erreichen (dies wurde auch im CESR Bericht bestätigt).

Das bedeutet nicht, dass der IOSCO-Kodex und dessen neuere Reformen an sich nicht nützlich sind – in der Tat orientieren sich viele Bestimmungen der vorgeschlagenen Verordnung an inhaltlichen Bestimmungen des Kodex. Jedoch sind wir immer dann über die Normen des Kodex hinausgegangen, wenn wir der Ansicht waren, dass präzisere Vorschriften angebracht sind. Außerdem ist das vorgeschlagene Aufsichtsregime im Gegensatz zum IOSCO-Kodex verbindlich ausgestaltet.

9. Wie wird die Aufsicht über Ratingagenturen organisiert sein?

Die vorgeschlagene Aufsichtsstruktur berücksichtig die Besonderheiten der Rating-Tätigkeit und auch die Tatsache, dass Ratings grenzüberschreitend erbracht und verwendet werden. Erstens werden die Ratingagenturen der Aufsicht durch Wertpapieraufsichtsbehörden unterliegen, die bereits für die Beaufsichtigung der Finanzmärkte in den Mitgliedstaaten verantwortlich sind. Zweitens beinhaltet der Vorschlag das Prinzip der Aufsicht durch den Herkunftsstaat, das sich bereits in anderen Bereichen der EU Finanzgesetzgebung bewährt hat. In der Praxis bedeutet dies, dass die Wertpapieraufsichtsbehörde des Mitgliedstaates, in dem die Ratingagentur ihren Sitz hat, in erster Linie für die laufende Aufsicht über die Ratingagentur zuständig ist. Drittens sind Mechanismen vorgesehen, die eine engere Zusammenarbeit zwischen den Aufsichtsbehörden verschiedener Mitgliedstaaten fördern sollen. Die Aufsichtsbehörde des Herkunftsstaats sollte die Behörden in anderen betroffenen Mitgliedstaaten informieren und konsultieren sowie sie falls erforderlich in die Durchführung von Aufsichtsmaßnahmen einbeziehen. Aufsichtsbehörden in anderen Mitgliedstaaten werden in den Aufsichtsprozess involviert werden und können ausnahmsweise auch befugt sein, eigene Maßnahmen gegen die Tätigkeit einer Ratingagentur in ihrem Staatsgebiet zu treffen. Letztendlich soll CESR eine bedeutendere Rolle bei der Koordinierung der Aufsichtsaktivitäten auf EU-Ebene übernehmen, beispielsweise mittels eines Mediations Verfahrens und durch die Beratung der nationalen Aufsichtsbehörden.

10. Was wird die Aufgabe des Ausschusses der Europäischen Wertpapieraufsichtsbehörden (CESR) sein?

Die Rolle von CESR wird erheblich gestärkt werden. Zunächst wird CESR als die Eingangsstelle für alle Anträge auf Registrierung seitens der Ratingagenturen dienen. CESR wird ebenfalls das Gremium sein, in dem die wesentlichen Entscheidungsentwürfe der zuständigen Aufsichtsbehörden auf EU-Ebene diskutiert und ggf. bestätigt werden. CESR wird des Weiteren Leitlinien zu mehreren Themen herausgeben, die für das ordnungsgemäße Funktionieren des Aufsichtsregimes wichtig sind. CESR wird ferner eine Datenbank unterhalten die über die Zuverlässigkeit der Ratings einzelner Ratingagenturen in der Vergangenheit informiert. Schließlich wird CESR eng mit den beiden anderen "Level 3" Ausschüssen zusammenarbeiten– dem Ausschuss der Europäischen Bankenaufseher (CEBS) und dem Ausschuss der Europäischen Versicherungs- und Pensionsfonds Aufseher (CEIOPS).

TEIL II: SPEZIELLE FRAGEN

1. Müssen sich alle Ratingagenturen registrieren lassen?

Ratingagenturen, die sicherstellen möchten, dass ihre Ratings von Kreditinstituten, Wertpapierhäusern, Lebens- und Nichtlebensversicherern, Organismen für gemeinsame Anlagen in Wertpapieren (OGAW) und Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung in der Europäische Union verwendet werden können, müssen sich registrieren lassen.

2. Werden die Aufsichtsbehörden die Ratings prüfen?

Nein. Die Aufsichtsbehörden werden kontrollieren, ob die Ratingagenturen ihren Pflichten im Hinblick auf interne Organisation, betriebliche Abläufe, Humanressourcen, Präsentation der Ratings und Transparenz nachkommen. Sie mischen sich nicht in den Inhalt der Ratings ein. Die Ratingagenturen werden lediglich für die Methoden, Modelle und die von ihnen verwendeten grundlegenden Rating-Annahmen sowie die auf dieser Grundlage abgegebenen Stellungnahmen verantwortlich sein.

3. Wird der Prozess der Ausarbeitung von Ratings transparenter werden?

Ja. Nach der vorgeschlagenen Verordnung sollen die Ratingagenturen offenlegen, welche Methoden, Modelle und grundlegenden Annahmen sie bei ihren Ratings verwenden. Sie müssen Angaben zur Version/ zu den Versionen der von ihnen bei der Erstellung eines speziellen Ratings verwendeten Methoden/ Modelle und etwaigen später erforderlich gewordenen Anpassungen machen.

4. Welche Schutzmaßnahmen werden vorgeschlagen, um sicherzustellen, dass die Ratings solider und zuverlässiger werden?

Zunächst einmal müssen die Ratingagenturen gewährleisten, dass sie systematisch alle ihnen zur Verfügung stehenden Daten nutzen, von denen sie erklärt haben, dass sie für die Erstellung ihres Ratings wichtig sind. Auch sollten sie über Parameter verfügen, um festzustellen, ob die verwendeten Informationen von ausreichend guter Qualität sind und aus verlässlichen Quellen stammen. Vor allem im Hinblick auf strukturierte Finanzinstrumente sollen die Ratingagenturen angeben, in welchem Maße sie bei den Basiswerten selbst eine sorgfältige Prüfung der Unterlagen vorgenommen oder sich auf die Bewertung Dritter verlassen haben. Den Ratingagenturen ist es untersagt, Instrumente in Fällen zu bewerten, in denen sie nicht über qualitativ ausreichende Informationen verfügen.

Zweitens enthält die vorgeschlagene Verordnung zwar keine Vorgaben, wie die Ratingmethoden zu strukturieren und zu überwachen sind, sieht aber für die Ratings eine unabhängige interne Kontrolle vor. Diese ist von einer speziellen Kontrollstelle innerhalb der Ratingagentur durchzuführen, die klar von den sonstigen Geschäftsbereichen zu trennen ist, die für die Ratingtätigkeit zuständig sind. Diese Kontrollstelle hat den unabhängigen Mitgliedern des Verwaltungs- oder Aufsichtsorgans direkt Bericht zu erstatten.

5. Was bedeutet Notching? Warum sollte dies in der Verordnung behandelt werden?

Unter Notching versteht man die Praxis einiger Ratingagenturen, diejenigen Ratings abzuwerten, die von einer anderen Ratingagentur für Finanzinstrumente erstellt wurden, die z.B. als Sicherheit für strukturierte Finanzinstrumente dienen, die nun geratet werden sollen. Notching kann schlecht sein, wenn die Ratingagenturen es überwiegend dazu einsetzen, Kunden von der Inanspruchnahme von Dienstleistungen der Konkurrenz abzuhalten. Es kann allerdings auch legitime Gründe für derartige Abwertungen geben (z.B. die eingeschränkte Möglichkeit, Ratings der Konkurrenten zu analysieren).

Die vorgeschlagene Verordnung verbietet den Ratingagenturen ein Rating nur deshalb abzulehnen, weil dieses Rating, das sie bei ihrer Bewertung zu verwenden hätten, von einer anderen Ratingagentur erstellt wurde. Zusätzlich müssen die Ratingagenturen alle Fälle aufzeichnen, in denen sie die Ratings der Konkurrenten abwerten, und sie müssen derartige Abwertungen rechtfertigen.

6. Wie werden sich methodische Änderungen auf die vorhandenen Ratings auswirken?

Ändert eine Ratingagentur ihre Methoden, Modelle und grundlegenden Annahmen, muss sie unverzüglich bekannt geben, welche Ratings voraussichtlich von diesen Änderungen betroffen sind. Auch hat sie die betroffenen Ratings so schnell wie möglich, auf jeden Fall aber innerhalb von sechs Monaten nach dieser Änderung zu überprüfen und sie in der Zwischenzeit unter Beobachtung zu stellen. Erforderlichenfalls muss sie das früher abgegebene Rating ändern.

7. Werden Ratings für strukturierte Finanzinstrumente gesondert behandelt?

Ja. Die Ratingagenturen müssen für strukturierte Finanzinstrumente entweder gesonderte Ratingkategorien verwenden, so dass sie nicht mit den Ratingkategorien für andere Arten von bewerteten Unternehmen oder Finanzinstrumenten verwechselt werden können, oder jedem Rating für ein strukturiertes Finanzinstrument einen ausführlichen Bericht beifügen. In einem solchen Bericht ist die Methode, anhand deren das Rating bestimmt wurde, ausführlich zu beschreiben und darüber hinaus darzulegen, wie sich diese von Methoden unterscheidet, die bei anderen Arten von bewerteten Unternehmen oder Finanzinstrumenten zum Einsatz kommen, und inwiefern sich das Kreditrisikoprofil eines strukturierten Finanzinstruments von den Risiken anderer Arten von bewerteten Unternehmen oder Finanzinstrumenten unterscheidet.

8. Wie werden unaufgeforderte Ratings behandelt?

Nach dem Modell des „zahlenden Emittenten", das derzeit von den meisten marktführenden Ratingagenturen verfolgt wird, fordert der Emittent (oder ein in seinem Namen handelnder Dritter) das Rating von der Ratingagentur an. Der Emittent arbeitet zu diesem Zweck eng mit den Analysten der Ratingagentur zusammen und übermittelt ihnen die für die Abgabe eines soliden Ratings erforderlichen Informationen. Letztendlich zahlt der Emittent für die Erstellung des Ratings.

Einige Ratingagenturen geben auch unaufgeforderte Ratings ab: Sie warten nicht darauf, dass der Emittent ein Rating in Auftrag gibt, sondern erstellen ein Rating auf der Grundlage öffentlich verfügbarer Informationen. Durch derartige Praktiken können kleinere Ratingagenturen zwar ihren Marktanteil erhöhen, doch hat dies auch seinen Preis: Die so abgegebenen Ratings stützen sich unter Umständen auf weniger umfassende Informationen als Ratings, an denen der Emittent voll beteiligt war.

Die vorgeschlagene Verordnung sieht vor, dass eine Ratingagentur ihre allgemeine Politik bei unaufgeforderten Ratings offenlegt. Zudem muss die Ratingagentur klar angeben, dass der Emittent nicht am Ratingverfahren beteiligt war und die Ratingagentur keinen Zugang zu seinen internen Unterlagen hat. Schließlich fallen unaufgeforderte Ratings in eine andere Ratingkategorie.

9. Standardisiert der Vorschlag die Präsentation der Ratings?

Mit der vorgeschlagenen Verordnung werden Vorschriften für die Präsentation von Ratings eingeführt. Sie betreffen lediglich bestimmte Faktoren der Ratings und zielen nicht auf die Schaffung eines einheitlichen Formats für ihre Präsentation ab. Dem Vorschlag zufolge sollen die Ratings zumindest folgende Angaben enthalten:

  • Name und die Funktion des führenden Analysten;
  • Angabe wichtiger Quellen für das Rating;
  • Angabe, ob der Ratingentwurf dem Emittenten übermittelt und infolge des Dialogs mit diesem geändert wurde;
  • Angabe der verwendeten Methoden;
  • Erläuterung der inhärenten Risiken, Sensitivitätsanalyse für die betreffenden Annahmen, Ratings für den schlechtesten und den besten angenommenen Fall;
  • Datum der Abgabe und der letzten Aktualisierung des Ratings;
  • etwaige Beschränkungen des Ratings;
  • Umfang, in dem die vom Emittenten vorgelegten und beim Ratingverfahren verwendeten Informationen geprüft wurden.

10. Wie kann ich als ein Anwender von Ratings von der verstärkten Transparenz der Ratingagenturen profitieren?

Zunächst einmal müssen die Ratingagenturen mehr Informationen über das Ratingverfahren allgemein und im Hinblick auf einen speziellen Emittenten oder ein bestimmtes Finanzinstrument beibringen. Die Anwender von Ratings können die Methoden, Modelle und grundlegenden Ratingannahmen einsehen. Sie werden besser darüber unterrichtet sein, welche Informationen im Ratingprozess verwendet und welche Analysen durchgeführt wurden sowie welche allgemeinen und speziellen Beschränkungen des Ratings sie berücksichtigen sollten, wenn sie sich ein Bild von der Bonität des bewerteten Unternehmens machen wollen. Auch werden die Anwender von Ratings über bessere und vergleichbarere Informationen über die bisherigen Unternehmensergebnisse der Ratingagentur verfügen.

Zweitens müssen die Ratingagenturen offenlegen, wie sie intern funktionieren und wie sie zentrale Herausforderungen bei ihrem Geschäft angehen: Kundenbeziehungen, Interessenkonflikte, Nebendienstleistungen, Kommunikationspolitik (einschließlich der Veröffentlichung von Ratings), analytische Personalfragen (Vergütung, ausreichende Personalausstattung). Diese kontinuierlichen Offenlegungen werden durch einen jährlichen Transparenzbericht ergänzt, der Erkenntnisse und Entwicklungen in den genannten Bereichen erläutert. Die öffentliche Verfügbarkeit dieser Informationen wird die Ratingagenturen dazu zwingen, ihre qualitativen Leistungen zu verbessern.

11. Was ist ein zentraler Datenspeicher?

Der zentrale Datenspeicher wird vom CESR eingerichtet und Daten enthalten, die die Ratingagenturen selbst liefern. Er wird der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung stehen.

In ihm werden Daten über die bisherigen Unternehmensergebnisse aller registrierten Ratingagenturen sowie Informationen über ihre Ratingtätigkeiten in der Vergangenheit gespeichert werden. Insbesondere sollen die Daten darüber Aufschluss geben, wie oft es zu Zahlungsausfällen in jeder Ratingkategorie für die verschiedenen von den Ratingagenturen bewerteten Vermögensklassen gekommen ist (historische Ausfallquoten). Auch sollten die Statistiken umfassende Informationen über die sogenannte ‚Ratingmigration’ geben, d.h. Bewegungen zwischen den Ratingkategorien.

Da die Anwender von Ratings besser über die Leistungen von Ratingagenturen im Vergleich unterrichtet sein werden, können sie auch besser für sich selbst entscheiden, inwiefern sie den Ratings einer bestimmten Ratingagentur vertrauen können. Die Überwachung durch den Markt wird für die Ratingagenturen zunehmen und sie müssen sich verstärkt der Qualität ihrer Ratings widmen, um nicht hinter den Wettbewerbern zurückzubleiben.

12. Müssen Ratingagenturen die erhaltenen Informationen überprüfen?

Die Ratingagenturen sind nicht ausdrücklich verpflichtet, die für die Erstellung der Ratings erhaltenen Informationen zu überprüfen. Sie sollten jedoch alle notwendigen Maßnahmen treffen, um zu gewährleisten, dass die ihrem Rating zugrunde liegenden Informationen von ausreichend guter Qualität sind und aus zuverlässigen Quellen stammen. In ihrer Ratingstellungnahme müssen die Ratingagenturen ebenfalls darüber informieren, ob sie die Qualität der über das bewertete Unternehmen vorliegenden Informationen für zufriedenstellend halten und inwiefern sie selbst oder ein Dritter die erhaltenen Informationen überprüft haben. Verfügen die Ratingagenturen nicht über ausreichende Informationen von guter Qualität, dürfen sie kein Rating abgeben.

13. Wie geht der Vorschlag auf mögliche Interessenkonflikte der Ratingagenturen ein?

Zur Wiederherstellung des Marktvertrauens müssen die Ratingagenturen ihren Umgang mit Interessenkonflikten verbessern. Um die Unabhängigkeit von Ratings zu gewährleisten, sind die Ratingagenturen aufgefordert, Interessenkonflikte zu vermeiden und /oder diese Konflikte, dort, wo sie unvermeidbar sind, angemessen zu handhaben.

So müssen sie die Interessenkonflikte vollständig, rechtzeitig, klar, präzise, spezifisch und sichtbar offenlegen und alle Umstände, die die Unabhängigkeit der Ratingagentur oder ihrer am Ratingprozess beteiligten Mitarbeiter gefährden könnten, zusammen mit den in diesem Zusammenhang getroffenen Schutzmaßnahmen dokumentieren. Die Ratingagenturen müssen über angemessene interne Strategien und Verfahren verfügen, um am Rating beteiligte Mitarbeiter vor Interessenkonflikten zu schützen und jederzeit für das Rating- und Prüfverfahren Qualität, Integrität und Sorgfalt zu gewährleisten.

14. Wird die Verpflichtung zur Vermeidung von Interessenkonflikten eine Auswirkung auf die Organisation der Ratingagenturen haben?

Dazu bedarf es Reformen der internen Führungsstrukturen, mit denen solide interne Kontrollen und fundierte Berichtsleitlinien eingeführt werden, die die Rating-Funktion klar von anderen Geschäftsanreizen trennt. Eine Ratingagentur führt deshalb zunächst einmal Organisations- und Verwaltungsvereinbarungen ein, um Interessenkonflikte zu erkennen, zu verhindern und zu bewältigen.

Zweitens wird das Verwaltungs- oder Aufsichtsorgan der Ratingagenturen dafür sorgen müssen, dass alle Interessenkonflikte angemessen ermittelt, gehandhabt und offengelegt werden. Eine Ratingagentur muss mindestens drei unabhängige Mitglieder in ihr Verwaltungs- oder Aufsichtsorgan bestellen, deren Hauptaufgabe darin besteht, die interne Disziplin zu verstärken. Diese Mitglieder werden speziell die Aufgabe der Überwachung der Entwicklung der Ratingpolitik, der Wirksamkeit des internen Qualitätskontrollsystems der Ratingagentur auf den Ratingprozess zwecks Vermeidung von Interessenkonflikten und der Compliance- sowie Unternehmensführungsprozesse wahrnehmen. Die Stellungnahmen der unabhängigen Mitglieder zu diesen Fragen sind dem Verwaltungs- oder Aufsichtsorgan in regelmäßigen Abständen vorzulegen und der zuständigen Behörde auf Anfrage zu übermitteln. Die Honorare der unabhängigen Mitglieder des Verwaltungs- oder Aufsichtsorgans haben vom Unternehmensergebnis der Ratingagentur unabhängig zu sein. Diese Mitglieder werden für die Dauer eines einzigen Mandats ernannt, das fünf Jahre nicht überschreiten darf. Sie können lediglich im Falle beruflichen Fehlverhaltens entlassen werden. Bei zumindest einem Mitglied muss es sich um einen Experten für Verbriefung und strukturierte Finanzinstrumente handeln.

15. Welche Verbote und Beschränkungen haben Ratingagenturen einzuhalten, wenn sie Interessenkonflikte vermeiden wollen?

Über den allgemeinen Grundsatz der Vermeidung und/oder Handhabung und Offenlegung von Interessenkonflikten hinaus haben Ratingagenturen die folgenden Regeln zu beachten:

  • Eine Ratingagentur veröffentlicht die Namen der bewerteten Unternehmen, von denen sie mehr als 5 % ihrer Jahreseinnahmen erhält.
  • Eine Ratingagentur kann kein Rating abgeben oder muss ein vorhandenes Rating zurücknehmen, wenn sie selbst oder der am Rating beteiligte Analyst Finanzinstrumente des bewerteten Unternehmens besitzt oder in einer Kontrollbeziehung zu diesem Unternehmen steht.
  • Eine Ratingagentur erbringt keine Beratungsleistungen für das bewertete Unternehmen oder einen verbundenen Dritten. Dies gilt für die Beratung in Bezug auf die Unternehmens- oder Rechtsstruktur, Vermögenswerte, Verbindlichkeiten oder Tätigkeiten des bewerteten Unternehmens oder eines verbundenen Dritten.
  • Eine Ratingagentur kann nur Nebendienstleistungen erbringen, soweit sie keine Interessenkonflikte mit der Abgabe von Ratings nach sich ziehen.
  • Eine Ratingagentur darf weder formell noch informell Vorschläge unterbreiten oder Empfehlungen abgeben, die die Konzeption strukturierter Finanzinstrumente betreffen, zu denen von der Ratingagentur ein Rating erwartet wird.

16. Könnte die Unabhängigkeit des Ratingverfahrens durch ein kommerzielles Interesse der Ratingagentur beeinträchtigt werden?

Es gibt im Wesentlichen zwei Modelle, nach denen Ratingagenturen derzeit arbeiten. Im ersten Modell ("issuer-pays-model")" ist es der Emittent, der die Ratingagentur mit der Erstellung eines Ratings beauftragt und die Ratingagentur auch bezahlt. Im zweiten Modell ("investor-pays-model)" werden die Ratingagenturen von bestehenden oder potentiellen Investoren bezahlt. Beide Modelle verursachen spezifische Interessenskonflikte, weil letztendlich die Ratingagentur von jemandem bezahlt wird, der ein Eigeninteresse an dem gerateten Unternehmen/Finanzinstrument hat.

Die vorgeschlagene Verordnung will sicherstellen, dass die legitimen Unternehmensinteressen der Ratingagentur nicht die Unabhängigkeit des Ratingverfahrens beeinträchtigen. Der Verordnungsentwurf enthält verschiedene Regelungen, um dies zu erreichen. Erstens werden die unabhängigen Mitglieder des Aufsichtsrats die Wirksamkeit des internen Systems der Qualitätskontrolle des Ratingsverfahrens überwachen, um sicherzustellen dass keine Interessenskonflikte vorliegen. Zweitens darf die Vergütung des im Ratingverfahren eingesetzten Personals der Ratingsagenturen nicht von den Einnahmen abhängig sein, die die Ratingagentur von dem gerateten Unternehmen erhält; die Vergütung der Rating Analysten sollte in erster Linie von der Qualität, der Genauigkeit, der Gründlichkeit und der Integrität ihrer Arbeitsleistung abhängen. In ähnlicher Weise darf die Vergütung der unabhängigen Mitglieder des Aufsichtsrates nicht von den Erträgen der Ratingagentur abhängen, und sollte in einer Weise bestimmt werden, die die Unabhängigkeit ihrer Beurteilung nicht beeinträchtigt. Drittens muss die Agentur ihre Berichts- und Kommunikationslinien derart bestimmen, dass die Unabhängigkeit der Analysten und der Personen, die die Ratings billigen von anderen Bereichen der Ratingagentur, die deren kommerzielle Interessen vertreten, gewährleistet bleibt . Und viertens wird es den Angestellten der Ratingagentur, die direkt in das Ratingverfahren involviert sind, nicht gestattet sein, Vergütungsverhandlungen mit einem zu ratenden Unternehmen aufzunehmen oder an solchen Verhandlungen teilzunehmen.


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