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Europäische Kommission

Pressemitteilung

Göteborg/Brüssel, 26. September 2013

Literaturpreis der Europäischen Union 2013: Preisträger auf der Göteborger Buchmesse bekanntgegeben

Die EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend, Androulla Vassiliou, hat heute in Schweden bei der Eröffnung der Göteborger Buchmesse die besten literarischen Newcomer in Europa mit dem Literaturpreis der Europäischen Union 2013 ausgezeichnet. Die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger sind: Isabelle Wéry (Belgien), Faruk Šehić (Bosnien und Herzegowina), Kristian Bang Foss (Dänemark), Marica Bodrožić (Deutschland), Lidija Dimkovska (ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien), Meelis Friedenthal (Estland), Katri Lipson (Finnland), Tullio Forgiarini (Luxemburg), Ioana Pârvulescu (Rumänien), Gabriela Babnik (Slowenien) Cristian Crusat (Spanien) und Emilios Solomou (Zypern). Genaueres zu den Gewinnern und ihren Werken findet sich im Anhang.

„Ich gratuliere allen diesjährigen Preisträgern und Preisträgerinnen von ganzem Herzen. Der Literaturpreis der Europäischen Union rückt fantastische neue oder aufstrebende Autoren und Autorinnen ins internationale Rampenlicht, die sonst eventuell außerhalb ihres Heimatlandes nicht die Anerkennung erfahren würden, die ihnen zusteht. Wir wollen ihnen nicht nur dabei helfen, ein neues Publikum zu erschließen, sondern auch den Leserinnen und Lesern großartige neue europäische literarische Werke und somit eine größere Auswahl präsentieren. Dies kann langfristig auch dazu beitragen, dass sich eine echte europäische Leserschaft herauskristallisiert, mit knapp einer halben Milliarde potenzieller Bücherwürmer. Mit unserem neuen Förderprogramm „Kreatives Europa“ werden wir in der Lage sein, Literaturübersetzungen besser zu unterstützen und die kulturelle Vielfalt zu steigern.“, kommentierte EU-Kommissarin Vassiliou.

Jeder Gewinner erhält 5000 EUR. Darüber hinaus werden ihre Verleger ermutigt, eine EU-Förderung zu beantragen, um die preisgekrönten Werke in andere europäische Sprachen übersetzen zu lassen. Der Literaturpreis der Europäischen Union kann an die 37 Länder vergeben werden, die am derzeitigen EU-Programm „Kultur“ teilnehmen (neben den 28 EU‑Mitgliedstaaten auch Albanien, Bosnien und Herzegowina, die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Island, Liechtenstein, Montenegro, Norwegen, Serbien und die Türkei). Jedes Jahr wählen die nationalen Jurys in einem Drittel der Länder die Gewinnerinnen und Gewinner aus, so dass in einem Zeitraum von drei Jahren alle Länder repräsentiert werden.

Die diesjährigen Preisträger und Preisträgerinnen werden am 26. November in Brüssel auf einer Feier in Anwesenheit von EU-Kommissarin Vassiliou und führenden Vertretern aus Literatur, Kultur und Politik ausgezeichnet. Der Literaturpreis der Europäischen Union wird von der Europäischen Kommission zusammen mit der Europäischen und Internationalen Buchhändlervereinigung (EIBF), dem Europäischen Schriftstellerrat und der Vereinigung europäischer Verleger organisiert.

John McNamee, Präsident der EIBF, meinte dazu: „Ich bin wieder einmal ganz begeistert, neue Talente zu entdecken, und möchte allen diesjährigen Gewinnerinnen und Gewinnern von ganzem Herzen gratulieren. Der Buchhandel begrüßt ausdrücklich, dass mit dem Literaturpreis der Europäischen Union der Literatur der Weg in andere Länder geebnet wird, und freut sich schon darauf, den Leserinnen und Lesern mehr Auswahl, mehr Bücher, mehr europäische Literatur zu bieten.“

Pirjo Hiidenmaa, Präsidentin des Europäischen Schriftstellerrates, äußerte sich wie folgt: „Europa braucht Geschichten und Geschichtenerzähler, und die Nachfrage nach Büchern zu zeitlosen Themen reißt nicht ab. Schriftstellerinnen und Schriftsteller geben dem Denken und der Sprache wichtige Impulse, und nur der Wandel hält die Kulturen am Leben – daher ist es immer eine Freude, neue literarische Stimmen zu feiern, dank derer wir sicher sind, dass sich Kultur weiterentwickelt und verändert.“

Piotr Marciszuk, Präsident der Vereinigung europäischer Verleger, fügte hinzu: „Ich freue mich sehr, dass unsere Organisation beim Literaturpreis der Europäischen Union eine so aktive Rolle spielt. Dank dieses Preises entdecken wir neue Welten, neue Kulturen – durch die Arbeit der talentierten Preisträgerinnen und Preisträger. Ich hoffe, dass die 2013 ausgezeichneten Werke verdientermaßen in viele Sprachen übersetzt werden. Es ist fantastisch, so die Vielfalt Europas zu zelebrieren, einen Wert, den wir in Krisenzeiten schätzen sollten.“

Rumänien steht dieses Jahr im Mittelpunkt der Göteborger Buchmesse. EU-Kommissarin Vassiliou nahm heute Morgen mit dem bekannten rumänischen Dichter, Romanautor und Essayisten Mircea Cărtărescu an der Eröffnungsveranstaltung teil.

Europa hat Spaß am Lesen

Nach einer Pressekonferenz (12.15 Uhr) wird EU-Kommissarin Vassiliou auf ihrem Besuch der Göteborger Buchmesse auch an einer Veranstaltung teilnehmen, die mit ihrer Alphabetisierungskampagne „Europa hat Spaß am Lesen“ zu tun hat: Schülerinnen und Schüler der internationalen Schule in Göteborg (Internationella Engelska Skolan) werden ihr aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen. In der Europäischen Union kann jeder fünfte 15‑Jährige – und auch viele Erwachsene – nicht richtig lesen. Ziel der Kampagne ist es, auf die mangelnde Lesekompetenz aufmerksam zu machen und für das Lesen als Hobby zu werben. Androulla Vassiliou nimmt regelmäßig an Lesestunden mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen teil. Die Veranstaltungen mit Kindern haben oftmals die Mehrsprachigkeit als Aspekt, um sie zu ermutigen, in verschiedenen Sprachen laut zu lesen, und die Bedeutung der sprachlichen Vielfalt zu unterstreichen.

Hintergrund

Die Europäische Kommission investiert pro Jahr 3 Mio. EUR in Literaturübersetzungen und über 2,4 Mio. EUR in Kooperationsprojekte u. a. mit der Buchbranche. Die Branche zeichnet im BIP der EU für 23 Mrd. EUR verantwortlich und verfügt über 135 000 Vollzeitarbeitsplätze. Bücher sind nach Kunstwerken bzw. Antiquitäten das am zweithäufigsten exportierte Kulturgut in der EU.

Seit der Literaturpreis der Europäischen Union 2009 erstmals vergeben wurde, wurde aus dem EU-Programm „Kultur“ die Übersetzung von 43 preisgekrönten Werken in 20 Sprachen finanziert – insgesamt 149 Übersetzungen. Die Gewinnerinnen und Gewinner profitieren darüber hinaus von der zusätzlichen Aufmerksamkeit auf den größten Buchmessen Europas, darunter Frankfurt, London, Göteborg und das Passa-Porta-Festival in Brüssel.

Buchverlage machen mit bis zu 4,5 % des EU-BIP und mehr als 8 Mio. Arbeitsplätzen einen bedeutenden Teil der Kultur- und Kreativwirtschaft aus. Zwar haben sich diese Bereiche als relativ krisensicher erwiesen, doch gibt es auch dort große Herausforderungen, die der digitale Wandel, die Globalisierung und die Marktfragmentierung in puncto Kultur und Sprache mit sich bringen.

Im Januar 2014 startet die Europäische Kommission das neue Programm „Kreatives Europa“ zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft und zur Förderung der kulturellen Vielfalt. Dieses neue Programm wird für den Zeitraum 2014‑2020 mit insgesamt 1,3 Mrd. EUR ausgestattet; dies ist ein Anstieg von 9 % im Vergleich zum derzeitigen Förderniveau. Finanziert wird damit unter anderem die Übersetzung von mehr als 4500 Büchern. Außerdem können dadurch 300 000 Kunst- und Kulturschaffende über die Landesgrenzen hinweg tätig werden und so international Erfahrungen sammeln.

Weitere Informationen

Website mit Informationen zum Preis: http://www.euprizeliterature.eu/

Portal „Kultur“ der Europäischen Union http://ec.europa.eu/culture

Website von Androulla Vassiliou

Androulla Vassiliou auf Twitter @VassiliouEU

Anhang: Die Preisträger und ihre Bücher

Isabelle Wéry

Belgien

Marilyn Désossée, Éditions Maelström, 2013

Isabelle Wéry aus Lüttich ist nicht nur Autorin, sondern auch Schauspielerin und Theaterregisseurin. Sie wurde dreimal für den belgischen Prix de la Critique de Théâtre nominiert und gewann ihn 2008 für ihr Stück La tranche de Jean-Daniel Magnin.

Zu ihren früheren Veröffentlichungen zählen Monsieur René, eine fiktive Biografie des belgischen Schauspielers René Hainaux, und Saisons culottes amis. 2013 wurde ihre Kurzgeschichte Skaï bei Feuilleton, einer Anthologie belgischer Autorinnen und Autoren, veröffentlicht.

Marilyn Désossée ist ein Road-Movie-Roman. Die Hauptfigur Marilyn Turkey war schon immer von romantischen und intimen Begegnungen fasziniert. Was ist das Verrückte, das zwei Leben zueinander führt? Marilyns Erkundungen kennen keine Grenzen und möchten in jede Ecke des Seins führen.

Faruk Šehić

Bosnien-Herzegowina

Knjiga o Uni, Buybook d.o.o., 2011

Faruk Šehić wurde 1970 in Bihac geboren. Aufgewachsen ist er in Bosanksa Krupa im damaligen Jugoslawien. Er war 22 Jahre alt und studierte Veterinärmedizin in Zagreb, als 1992 der Krieg ausbrach. Freiwillig schloss er sich der Armee von Bosnien und Herzegowina an und führte eine Truppe von 130 Mann. Nach dem Krieg studierte er Literatur und schreibt seit 1998. Die Kritiker sehen in ihm einen der talentiertesten jungen Schriftsteller der Region, ein strahlendes Licht in der sogenannten „überrannten Generation“.

Knjiga o Uni handelt von einem Mann, der sein persönliches Trauma aus dem Krieg in Bosnien und Herzegowina (1992-1995) überwinden möchte. Abgedeckt werden drei Phasen: seine sorgenfreie Kindheit in einer kleinen bosnischen Stadt an einem wunderschönen Fluss, der Krieg und schließlich seine Versuche, in einer zerstörten Stadt und einem zerstörten Land ein normales Leben zu führen. Das Buch ist allen gewidmet, die an die Macht und Schönheit des Lebens im Angesicht von Tod und Massenvernichtung glauben. Parallel zur Hauptgeschichte nehmen die Passagen, in denen der Fluss Una beschrieben wird, eine mythische und traumartige Dimension an.

Zypern

Emilios Solomou

Hμερολóγιο μιας απιστίας , Psichogios Publications SA, 2012

Emilios Solomou wurde 1971 in Nikosia geboren und wuchs im Dorf Potami auf. Zusätzlich zu seinem Geschichts- und Archäologiestudium an der Universität von Athen studierte er Journalismus in Zypern und arbeitete mehrere Jahre für eine Tageszeitung. Jetzt ist er Lehrer für Griechisch und Geschichte an einer Oberschule.

Einer seiner früheren Romane, Ένα τσεκούρι στα χέρια σου, wurde mit dem zyprischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet. Darüber hinaus verfasste er zahlreiche Kurzgeschichten, die in Literaturzeitschriften veröffentlicht wurden.

Im Roman Hμερολóγιο μιας απιστίας geht es um Zeit, Zerstörung, Erinnerung und Liebe. Der Archäologe Professor Yiorgos Doukarelis kehrt 20 Jahre nach der Ausgrabung, durch die er Berühmtheit erlangte – die Entdeckung der Überreste einer jungen Schwangeren, die vor 5000 Jahren ermordet wurde –, auf die Insel zurück. Damals hatte er eine Affäre mit einer seiner Studentinnen, Antigoni, die er nach seiner Scheidung auch heiratet. Sechs Monate nach dem mysteriösen Verschwinden Antigonis kommt er auf die Insel zurück. Yiorgos erkundet die geheimen Bande, die ihn mit den drei Frauen in seine Leben verbinden, und driftet von der Gegenwart in die Vergangenheit.

Dänemark

Kristian Bang Foss

Døden kører Audi, Gyldendal, 2012

Kristian Bang Foss, geboren 1977, studierte zunächst Mathematik und Physik. 2003 machte er seinen Abschluss an der dänischen Schriftstellerakademie.

Sein erster Roman Fiskens vindue wurde 2004 veröffentlicht und beeindruckte die Kritiker mit seinem Stil und der Beschreibung von scheinbar alltäglichen Handlungen und Bestrebungen. Auf sein Erstlingswerk folgte Stormen i 99 – Ort der Handlung ist ein ganz gewöhnliches Arbeitsumfeld, das, mit wundervollem schwarzen Humor, zum Epizentrum für Verleumdung, Machtspiele und diverse absurde Vorkommnisse wird.

Døden kører Audi spielt im Jahr 2008.

Asger lebt zusammen mit seiner Freundin und ihrer Tochter in Kopenhagen und arbeitet für eine Werbeagentur. Die Kreditklemme macht sich allmählich bemerkbar, und nach einer katastrophalen Kampagne wird er gefeuert. Den ganzen Tag liegt er nun auf dem Sofa und hat zunehmend Gewichts- und Alkoholprobleme. Als seine Freundin ihn verlässt, zieht er in eine Wohnung in Sydhavn und hat zu niemandem mehr Kontakt. Ein halbes Jahr später nimmt er eine Stelle als Behindertenbetreuer bei Waldemar an, der einen Heiler in Marokko aufsuchen möchte. Asger ist skeptisch, doch hilft ihm dabei, Geld für die Reise aufzubringen. Sie machen sich auf eine Reise quer durch Europa – und werden von einem schwarzen Audi verfolgt. Als sie Marokko immer näher kommen, entpuppt sich die Fahrt als Rennen gegen den Tod.

Marica Bodrožić

Deutschland

Kirschholz und alte Gefühle, Luchterhand Literaturverlag, 2012

Marica Bodrožić kam 1973 im kroatischen Svib – damals Jugoslawien – zur Welt. Im Alter von 10 Jahren zog sie nach Deutschland. Marica Bodrožić schreibt nicht nur Essays, Romane und Gedichte, sondern ist auch Literaturübersetzerin, Lehrerin für kreatives Schreiben und Dokumentarfilmerin.

In Kirschholz und alte Gefühle geht es um die junge Arjeta Filipo, die nach dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien ihre Heimat verloren hat. Als sie umzieht, findet sie alte Fotos, die ihr helfen, manches in ihrem Leben zu verstehen, das lange im Dunkeln gelegen hatte. Arjeta kann sich von vielen Dingen trennen, aber nicht vom Tisch ihrer Großmutter. Als sie in ihrer neuen Berliner Wohnung an diesem Erbstück sitzt und die Fotos anschaut, kommen die Erinnerungen langsam wieder: es ist, als ob der Kirschholztisch all die Geschichten preisgibt, die er im Laufe der Jahre erlebt hat.

Meelis Friedenthal

Estland

Mesilased, AS Varrak, 2012

Meelis Friedenthal, geboren 1973, verfasste eine Doktorarbeit zu einer philosophisch-theologischen Abhandlung aus dem 13. Jahrhundert über das Sehen. Derzeit forscht er an der Bibliothek der Universität Tartu, wo er auch Theologie und Geschichte unterrichtet. Friedenthals erster Roman, Kuldne aeg, belegte 2004 in einem nationalen Wettbewerb Rang 3. Im Jahr darauf gewann er mit Nerissa einen estnischen Science-Fiction-Preis. Darüber hinaus ist er Mitglied der Redaktion des Internetmagazins Algernon, das Science Ficition, Nachrichten und Artikel veröffentlicht.

Mesilased erzählt von den Abenteuern des Laurentius Hylas, einem Studenten, der von der Universität Leiden an die Gustavo-Carolina-Akademia in Tartu, Livland, reist.

Tartu gilt als Stadt der Musen, doch Laurentius sieht nur hungerleidende Menschen und feuchte Behausungen. Er wird immer melancholischer und fürchtet die Geister wiederzusehen, die ihn seit seiner Kindheit verfolgen. Laurentius hört von einem Professor von den medizinischen Theorien von Boyle und folgt seinem Rat, seinen Zustand mit mäßigem Aderlass zu kurieren. Leider funktioniert dies nicht, und Laurentius wird vom Blutverlust ohnmächtig. Benebelt sieht er ein Mädchen mit Augen wie Gold, wie dunkler Honig, ihr Atem geht wie ein Summen. Sie erscheint nun des Nachts, bietet ihm Essen an, und dann entdeckt Laurentius allmählich, dass um ihn herum sonderbare Dinge geschehen.

Lidija Dimkovska

Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien

Резервен живот, Ili-Ili, 2012

Lidija Dimkovska wurde 1971 in Skopje geboren. Sie ist Dichterin, Übersetzerin und schreibt Romane und Essays. An der Universität von Skopje studierte sie vergleichende Literaturwissenschaften, ihren Doktor machte sie an der Universität Bukarest in rumänischer Literatur. In Bukarest lehrte sie auch ihre Muttersprache und Literatur, an der Universität von Nova Gorica in Slowenien Weltliteratur. Seit 2001 lebt sie nun im slowenischen Ljubljana und arbeitet als freiberufliche Autorin und Literaturübersetzerin vom Rumänischen und Slowenischen ins Mazedonische. Für das englisch- und mazedonischsprachige Onlineliteraturkritikportal Blesok ist sie die Herausgeberin für Gedichte.

Резервен живот handelt von den siamesischen Zwillingen Srebra und Zlata und ihrem Kampf um Individualität, Privatsphäre und ein eigenes Leben. Die Geschichte wird von Zlata erzählt und beginnt 1984 an einem Juninachmittag in der Vorstadt von Skopje. An genau dieser Stelle endet sie auch am 18. August 2012. Die Hauptfiguren spielen ein Wahrsagespiel, um herauszufinden, wer wen wann heiratet usw. Später erfüllen sich die Weissagungen auf tragische Weise. Zunächst spielen Srebra und Zlata das Spiel, am Ende gehört es Zlatas Zwillingstöchtern Marta und Marija. Der Kreis hat sich geschlossen – 28 Jahre Leben, Wachsen, Leiden, Liebe und Hass. Das Dunkel, das die Trennung der siamesischen Zwillinge umgibt, umgibt auch die Aufspaltung Jugoslawien.

Katri Lipson

Finnland

Jäätelökauppias, Tammi Publishers, 2012

Katri Lipson kam 1965 in Helsinki zur Welt. Sie studierte Medizin in Schweden und machte 1993 an der Medizinischen Fakultät der Universität Uppsala ihren Abschluss. Seitdem arbeitet sie in Schweden, Afrika und Finnland als Ärztin. Geschrieben hat sie von klein auf, z. B. Märchen, Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke und Romane. Ihr Erstlingsroman, Kosmonautti, wurde 2008 für den Finlandia-Preis nominiert und mit dem Preis für das Erstlingswerk des Jahres der Zeitung „Helsingin Sanomat“ ausgezeichnet. Ihr zweites Buch, Jäätelökauppias, wurde 2012 veröffentlicht. Sie lebt mit ihrer Familie im finnischen Vantaa.

Jäätelökauppias ist eine verspielte und charmante Geschichte, die vorwiegend in der Tschechoslowakei der 1940er und 1950er Jahre spielt, aber bis in die Gegenwart weitergesponnen wird. Eine Filmcrew dreht einen neuen Film. Der Regisseur möchte ohne Drehbuch arbeiten. Der Film wird chronologisch abgedreht, so dass die Schauspieler nicht erraten können, wie es ihrer Figur weiter ergeht. Sie stellen das Leben ihrer Figuren dar und leben es gleichzeitig auch – aber kann das Leben dieser fiktiven Figuren realer werden als die Realität selbst? Und was ist eigentlich der Unterschied, zwischen den realen oder erfundenen/fiktiven Erfahrungen? In diesem Roman erscheint das Leben als Ansammlung von Details und Geschichten, und die Vergangenheit führt einen faszinierenden Dialog mit der Gegenwart.

Tullio Forgiarini

Luxemburg

Amok – Eng Lëtzebuerger Liebeschronik, Éditions Guy Binsfeld, 2011

Tullio Forgiarini kam 1966 in Neudorf, Luxemburg, als Sohn eines Italieners und einer Luxemburgerin zur Welt. Er studierte Geschichte in Luxemburg und Straßburg. Seit 1989 unterrichtet er am Lycée du Nord im luxemburgischen Wiltz Geschichte, Latein und Erdkunde. Auch engagiert er sich sehr für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Forgiarini schreibt dunkle Geschichten, meist auf Französisch und inspiriert von den Kriminalromanen aus der „Série noire“ und entsprechenden Filmen. Seine Arbeiten wurden in Zeitungen, Magazinen und Anthologien veröffentlicht, und er hat auch mehrere Romane verfasst. Er ist verheiratet und lebt in Luxemburg.

In 17 kurzen Kapiteln erzählt Amok die Geschichte eines Jugendlichen auf der Suche nach Liebe, Anerkennung, Glück und einem Platz in der heutigen Gesellschaft. Mit oftmals rohen Worten werden die gesellschaftliche Isolation, die Vernachlässigung, der Mangel an Perspektiven, Verhaltensstörungen und sinnlose Gewalt der heutigen Zeit überzeugend dargestellt. Im Buch werden die alltäglichen Situationen geschildert, die oftmals in den Medien und in der öffentlichen Debatte nicht zur Sprache kommen. Der Leser taucht in die imaginären, wunderbar gestalteten Traumwelten des Protagonisten ein, die für seine zum Scheitern verurteilten Versuche stehen, einer nicht kontrollierbaren Realität zu entkommen.

Ioana Pârvulescu

Rumänien

Viaţa începe vineri, Humanitas, 2009

Ioana Pârvulescu wurde 1960 in Braşov (Kronstadt) geboren und machte 1983 an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bukarest ihren Abschluss. Seit 1996 unterrichtet sie dort zeitgenössische Literatur; ihre Doktorarbeit (1999) schrieb sie über Vorurteile in der Literatur und bequeme Interpretationsmöglichkeiten für rumänische literarische Werke (Prejudecăți literare. Opțiuni comode în receptarea literaturii române). Sie koordinierte die Bettlektüreserie Cartea de pe noptieră beim Verlag Humanitas und arbeitet für das Literaturmagazin România literară als Redakteurin. Sie ist Mitglied der rumänischen Schriftstellervereinigung und Mitbegründerin der Gesellschaft für vergleichende Literaturwissenschaften in Rumänien.

Viaţa începe vineri ist eine einzigartige und charmante Reise in vergangene Zeiten. In einem Bukarester Vorort wird ein bewusstloser junger Mann gefunden. Niemand weiß, wer er ist, und jeder hat seine eigene Theorie dazu, wie er dorthin gekommen ist. Die Geschichten der verschiedenen Figuren entwickeln sich, jede ist eng mit der nächsten verwoben und zeichnet die Züge derjenigen, die sich letztlich als wichtigste Figur herauskristallisiert: die Stadt Bukarest selbst. Wir – die Leser – könnten tatsächlich behaupten, dass wir nun ihre Zukunft sind. Ganz genau wie Dan Creţu, alias Dan Kretzu, der Journalist aus unseren Tagen, den ein mysteriöser Vorgang gerade lange genug in die Vergangenheit zurückbefördert hat, um uns einen wundervollen Blick in eine ferne, beinahe vergessene Welt zu gewähren, die dennoch in unseren Herzen sehr lebendig ist.

Slowenien

Gabriela Babnik

Sušna doba, Študenstska Založba, 2012

Gabriela Babnik erblickte 1979 in Göppingen, Deutschland, das Licht der Welt. Nach ihrem Studium an der Universität von Ljubljana verbrachte sie einige Zeit in Nigeria und schrieb ihre Masterarbeit über den modernen nigerianischen Roman. Seit 2002 verfasst sie regelmäßig Artikel für die größten Tages- und Wochenzeitungen in Slowenien. 2005 schloss Gabriela Babnik ihr Studium der vergleichenden Literaturwissenschaften und Literaturtheorie an der Universität von Ljubljana ab.

Ihre erster Roman Koža iz bombaža aus dem Jahr 2007 gewann den Preis für das beste Erstlingswerk der Vereinigung der slowenischen Verlage. Ihr zweiter Roman, V visoki travi, kam 2010 in die engere Auswahl für den Kresnik-Preis.

Sušna doba erzählt von einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte. Anna ist eine 62 Jahre alte Designerin aus Mitteleuropa, Ismael ein 27-jähriger Afrikaner, der auf der Straße aufgewachsen ist und oft schikaniert wurde. Sie verbindet ihre Einsamkeit, eine tragische Kindheit und die Trockenzeit, Harmattan, während der weder die Natur noch die Liebe erblühen können. Anna erkennt schnell, dass die Leere zwischen ihnen nicht wirklich das Ergebnis der unterschiedlichen Hautfarbe oder des Altersunterschieds ist, sondern hauptsächlich darin begründet liegt, dass sie einer westlichen Kultur angehört, in der sie die vorgegebenen Rollen von Tochter, Ehefrau und Mutter nicht erfüllt oder aufgegeben hat. Sex hilft nicht gegen die Einsamkeit, und Geheimnisse aus der Vergangenheit drängen in eine Welt, die Anna als viel grausamer und gleichzeitig unschuldiger ansieht als ihre eigene.

Cristian Crusat

Spanien

Breve teoría del viaje y el desierto, Editoriales Pre-Textos, 2011

Cristian Crusat (geb. 1983) schrieb bereits Estatuas (2006), Tranquilos en tiempo de guerra (2010) und Breve teoría del viaje y el desierto (2011). Im Jahr 2010 wurde ihm der Internationale Preis Manuel Llano verliehen. Seine Essays, Übersetzungen und Artikel zu vergleichender Literaturwissenschaft wurden in vielen spanischen und lateinamerikanischen Zeitschriften veröffentlicht. 2012 übersetzte Crusat El deseo de lo único. Teoría de la ficción, die kritischen Essays des französischen Schriftstellers Marcel Schwob, und gab sie heraus. Er unterrichtet im Ausland Spanisch und Literatur.

Die sechs Geschichten in Breve teoría del viaje y el desierto decken die volle Bandbreite menschlicher Erfahrungen ab. Sie nehmen uns mit auf eine Reise um die Welt, von den trockenen Landschaften der Mittelmeerküste bis zu den Werken des brillanten serbischen Autors Milorad Pavić. Die Möglichkeit einer Offenbarung, die es in ihrem abgestumpften Hier-und-Jetzt nie gibt, ist das, worauf alle Figuren warten, was sie suchen oder bereits erkunden. Und dennoch sind sie paradoxerweise offenbar nicht in der Lage, etwas Wirkungsvolles zu tun – bis auf Lena vielleicht, die von der fließenden Welt der Träume schreibt. Allerdings kann das Schicksal oder das reine Glück (ein unbedeutender Zwischenfall, eine Ohnmacht an einem FKK-Strand, ein Flugzeugabsturz, der eigentlich nie passiert ist) blitzartig das wahre Gesicht der Isolation einer Figur aufleuchten lassen.

Kontakt:

Dennis Abbott (+32 229-59258); Twitter: @DennisAbbott

Dina Avraam (+32 229-59667)


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