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Europäische Kommission

Pressemitteilung

Brüssel, 10. Juli 2012

Kinder mit besonderen Bedürfnissen und behinderte Erwachsene kommen im Bildungssystem nach wie vor zu kurz

Die Europäische Kommission veröffentlicht heute einen Bericht, aus dem hervorgeht, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen und behinderte Erwachsene nach wie vor benachteiligt sind – und dies, obwohl sich die Mitgliedstaaten zur Förderung inklusiver Bildung verpflichtet haben. Diesem Bericht zufolge werden viele in separaten Sonderschulen unterrichtet; auch diejenigen, die Regelschulen besuchen, erhalten oftmals nur eine unzureichende Förderung. Die Mitgliedstaaten werden dementsprechend aufgefordert, sich stärker für inklusive Bildung einzusetzen und Barrieren abzubauen, die benachteiligte Gruppen daran hindern, in Schule, Ausbildung und Beruf erfolgreich zu sein.

„Wenn wir die Lebensqualität von Kindern mit besonderen Bedürfnissen und behinderten Erwachsenen verbessern wollen, müssen wir uns verstärkt für angemessen finanzierte inklusive Bildungsstrategien einsetzen. Es ist an der Zeit, die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. Inklusive Bildung ist kein Luxus, sondern eine grundlegende Notwendigkeit. Wir müssen die am stärksten Benachteiligten in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen, denn nur so ist ein besseres Leben für alle möglich“, sagte Androulla Vassiliou, EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend.

Rund 45 Mio. EU-Bürgerinnen und -Bürger im erwerbsfähigen Alter haben eine Behinderung und 15 Mio. Kinder sonderpädagogischen Förderungsbedarf. Aus dem Bericht geht hervor, dass sie mitunter überhaupt keine Bildungs- und Erwerbschancen haben. Kinder mit sonderpädagogischem Förderungsbedarf verlassen die Schule häufig mit nur geringen oder gar keinen Qualifikationen, um dann in spezielle Ausbildungsgänge zu wechseln, die ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt eher verringern als verbessern. Bei Menschen mit Behinderungen oder sonderpädagogischem Bedarf ist die Wahrscheinlichkeit, arbeits- oder erwerbslos zu bleiben, wesentlich höher, und selbst diejenigen, die auf dem Arbeitsmarkt relativ erfolgreich sind, verdienen oft weniger als Nichtbehinderte, so der Bericht.

In sämtlichen Mitgliedstaaten sind in Armut lebende Kinder (vor allem Jungen), die aus Roma-Familien stammen oder anderen ethnischen Minderheiten bzw. sozial und wirtschaftlich benachteiligten Gruppen angehören, in Schulen für Kinder mit sonderpädagogischem Bedarf überrepräsentiert. Im Bericht wird die Frage aufgeworfen, ob sonderpädagogische Systeme die Isolation von bereits sozial marginalisierten Schülerinnen und Schülern sogar verstärken und auf diese Weise ihre Zukunftschancen eher verringern als verbessern könnten. Aus Forschungsarbeiten haben sich Anhaltspunkte dafür ergeben, dass solche Kinder durchaus Regelschulen besuchen könnten, wenn mehr Geld in den Ausbau ihrer sprachlichen Fähigkeiten investiert würde und es mehr Verständnis für kulturelle Unterschiede gäbe.

Ferner werden im Bericht die großen Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten bei der Feststellung des besonderen Förderbedarfs von Kindern und bei der Einschulung in Regel- oder Sonderschulen herausgestellt. So werden beispielsweise in Flandern (Belgien) 5,2 % der Schüler/-innen mit sonderpädagogischem Bedarf in separaten Sonderschulen unterrichtet, in Italien liegt dieser Prozentsatz hingegen nur bei 0,01 %. Nach Auffassung der Verfasser des Berichts muss noch mehr für eine Harmonisierung der Definitionen und für eine Verbesserung der Datenerhebung getan werden, damit die einzelnen Länder ihre Ansätze besser vergleichen und von den Erfahrungen der anderen lernen können.

Hintergrund

Der Bericht „Education and Disability/Special Needs - policies and practices in education, training and employment for students with disabilities and special educational needs in the EU“ („Bildung und Behinderung/besondere Bedürfnisse – Politik und Praxis für Lernende mit Behinderung und sonderpädagogischem Bedarf in Bildung, Berufsbildung und Beschäftigung in der EU“) wurde von dem Netzwerk unabhängiger Experten im Bereich Bildungssoziologie (NESSE) für die Europäische Kommission erstellt.

Sonstige wichtige Ergebnisse des Berichts

  • Zwar kann die Aufnahme Lernender mit sehr schweren Beeinträchtigungen in Regelschulen schwierig sein, so dass ein gesonderter Unterricht unter Umständen die bessere Lösung für die Betroffenen ist, doch gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass viele Lernende mit Behinderungen und/oder sonderpädagogischem Bedarf durchaus in Regelschulen integriert werden können und dass gute inklusive Bildung eine gute Bildung für alle Lernenden ist.

  • Obgleich es sehr wichtig ist, auf inklusivere Bildungssysteme hinzuarbeiten, wurde die Aus- und Fortbildung von Lehrern bisher nicht immer inklusionsgerecht organisiert.

  • Neben den Lehrkräften spielen auch Förderlehrer/-innen und pädagogische Fachkräfte eine wichtige Rolle, wenn Inklusion in der Praxis gelingen soll.

  • In manchen europäischen Ländern sind die Lehrpläne standardisiert und unflexibel, was die Inklusion behinderter Kinder erschwert. Die Praxis der Wiederholung von Klassen unterminiert ebenfalls die Grundsätze der Inklusion.

  • Bei behinderten Menschen ist die Wahrscheinlichkeit, es bis an eine Hochschule zu schaffen, wesentlich geringer als bei Nichtbehinderten.

  • Selbst Behinderte, die einen Hochschulabschluss vorweisen können, werden auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor benachteiligt, haben aber bessere Beschäftigungschancen als weniger qualifizierte Behinderte.

  • Es gibt keine EU-weit vergleichbaren Daten zur Anzahl behinderter Studierender an Hochschulen oder zu ihren Schwierigkeiten und Erfolgsquoten.

  • Es gibt nicht genügend aktuelle und zuverlässige Daten zur Anzahl der beschäftigten Behinderten in den verschiedenen EU-Ländern.

  • Beihilfen für Behinderte verringern das Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung; es ist aber damit zu rechnen, dass sie im Zuge der in ganz Europa praktizierten Kürzungen der öffentlichen Haushalte zurückgefahren werden.

  • Flexicurity“-Regelungen ermöglichen es behinderten Menschen, in Teilzeit zu arbeiten, ohne ihren gesamten Anspruch auf Beihilfen zu verlieren.

  • Im Bereich der Behinderten- und Beschäftigungspolitik ist in ganz Europa eine erhebliche Angleichung zu verzeichnen – die meisten Länder greifen auf ähnliche Maßnahmen zur Beschäftigungsförderung zurück. Allerdings sind die Programme im Bereich der Beschäftigungsförderung und der Wiedereingliederung ins Berufsleben unterschiedlich effektiv, d. h., es gelingt mehr oder weniger gut, behinderte Menschen in den Arbeitsmarkt einzugliedern oder ihnen den Arbeitsplatz zu erhalten, wenn es erst im Laufe ihres Erwerbslebens zu einer Behinderung kommt.

Es existieren bereits mehrere EU-Initiativen zur Verbesserung des Lernumfelds von Menschen mit sonderpädagogischem Bedarf:

Weitere Informationen

Vollständiger Bericht

Europäische Kommission: Allgemeine und berufliche Bildung

Website von Androulla Vassiliou

Androulla Vassiliou auf Twitter @VassiliouEU

Anzahl der Lernenden in Pflichtschulen und Prozentsatz der Lernenden, die separate Sonderschulen und Sonderklassen besuchen

Land

Anzahl der Lernenden in Pflichtschulen

Anzahl der Lernende mit sonderpädagogischem Bedarf und in % aller Lernenden

Anzahl der Lernenden in separaten Sonderschulen und in % aller Lernenden

Anzahl der Lernenden in separaten Sonderklassen und in % aller Lernenden

Österreich

802 519

28 525 (3,5 %)

11 787 (1,5 %)

965 (0,1 %)

Belgien (Fl.)

871 920

54 336 (6,2 %)

46 091 (5,2 %)

0

Belgien (Fr.)

687 137

30 993 (4,5 %)

30 773 (4,4 %)

0

Bulgarien

693 270

14 083 (2,0 %)

8 119 (1,1 %)

391 (0,05 %)

Zypern

97 938

5 445 (5,5 %)

293 (0,3 %)

583 (0,6 %)

Tschechische Republik

836 372

71 879 (8,6 %)

30 092 (3,6 %)

7 026 (0,8 %)

Dänemark

719 144

33 733 (4,6 %)

12 757 (1,8 %)

18 986 (2,6 %)

Estland

112 738

10 435 (9,2 %)

3 782 (3,0 %)

459 (1,3 %)

Finnland

559 379

45 493 (8,1 %)

782 (1,2 %)

14 574 (2,6 %)

Frankreich

12 542 100

356 803 (2,8 %)

75 504 (0,6 %)

161 351 (1,3 %)

Deutschland

8 236 221

479 741 (5,8 %)

399 229 (4,8 %)

0

Griechenland

1 146 298

29 954 (2,6 %)

7 483 (0,6 %)

22 471 (2,0 %)

Ungarn

1 275 365

70 747 (5,5 %)

33 014 (2,6 %)

0

Island

43 511

10 650 (24,0 %)

143 (0,3 %)

348 (0,8 %)

Irland

649 166

33 908 (5,2 %)

976 (0,8 %)

2 380 (0,4 %)

Italien

7 326 567

170 696 (2,3 %)

693 (0,01 %)

0

Lettland

185 032

9 057 (4,8 %)

363 (3,4 %)

1 175 (0,6 %)

Litauen

440 504

51 881 (11,7 %)

4 253 (1,0 %)

855 (0,2 %)

Luxemburg

64 337

1 374 (2,2 %)

663 (1,0 %)

0

Malta

48 594

2 645 (5,4 %)

137 (0,3 %)

13 (0,03 %)

Niederlande

2 411 194

103 821 (4,3 %)

64 425 (2,7 %)

0

Norwegen

615 883

48 802 (8,0 %)

929 (0,3 %)

5 321 (0,9 %)

Polen

4 511 123

127 954 (2,8 %)

59 880 (1,3 %)

0

Portugal

1 331 050

35 894 (2,7 %)

2 660 (0,2 %)

2 115 (0,2 %)

Slowenien

162 902

10 504 (2,7 %)

829 (1,7 %)

400 (0,24 %)

Spanien

4 437 258

104 343 (2,35 %)

17 400 (0,4 %)

0

Schweden

906 189

13 777 (1,5 %)

516 (0,06 %)

13 261 (1,5 %)

Schweiz

777 394

41 645 (5,4 %)

16 223 (2,1 %)

25 422 (3,3 %)

VK (England)

8 033 690

225 920* (2,8 %)

96 130 (1,2 %)

16 190 (0,2 %)

VK (Schottland)

647 923

45 357 (7,0 %)

6 659 (1,0 %)

481 (0,2 %)

VK (Wales)

377 503

12 895 (3,4 %)

070 (0,8 %)

2 843 (0,7 %)

* Die Daten für England beziehen sich nur auf Lernende mit bereits festgestelltem Bedarf.

Quelle: Europäische Agentur für Entwicklungen im Bereich der sonderpädagogischen Förderung, Länderdaten 2010

Lernende mit festgestelltem sonderpädagogischem Bedarf in % aller Lernenden

Quelle: Europäische Agentur für Entwicklungen im Bereich der sonderpädagogischen Förderung, Länderdaten 2010

Hinweis: Die Statistiken für Bulgarien und Italien stammen von der Europäischen Agentur für Entwicklungen im Bereich der sonderpädagogischen Förderung, Länderdaten 2008, da sie in der Veröffentlichung von 2010 fehlen.

Lernende in Sonderschulen und Sonderklassen in % aller Lernenden

Quelle: Europäische Agentur für Entwicklungen im Bereich der sonderpädagogischen Förderung, Länderdaten 2010

Hinweis: Die Statistiken für Bulgarien und Italien stammen von der Europäischen Agentur für Entwicklungen im Bereich der sonderpädagogischen Förderung, Länderdaten 2008, da sie in der Veröffentlichung von 2010 fehlen.


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