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Brüssel, 27. Mai 2011

Welchen Fisch habe ich eigentlich auf dem Teller? Wissenschaftler der Kommission veröffentlichen Bericht über neue Technologien zur Bekämpfung von Betrug in der Fischerei

Preiswerte Welsfilets, die als teure Seezungenfilets verkauft werden, oder in der Nordsee gefangener Kabeljau, der als aus der Ostsee stammend deklariert wird – beides Beispiele für Betrug im Fischereisektor. In einem heute veröffentlichten Bericht der Europäischen Kommission wird dargestellt, wie molekulare Technologien, die sich auf Genetik, Genomik, Chemie und Forensik stützen, klare Antworten auf Fragen geben können wie „Aus was für einem Fisch ist dieses Produkt hergestellt? Wo wurde der Fisch gefangen? Handelt es sich um Wildfisch oder Zuchtfisch?“ Der Bericht der Gemeinsamen Forschungsstelle der Kommission (JRC) mit dem Titel „Deterring illegal activities in the fisheries sector” beschreibt, wie entsprechende Technologien zur Bekämpfung illegaler Praktiken beitragen und die Rückverfolgbarkeit „vom Meer bis auf den Teller” erleichtern können, selbst bei verarbeiteten Erzeugnissen wie Fischkonserven.

Vorgestellt wurde der Bericht von Maria Damanaki, EU-Kommissarin für maritime Angelegenheiten und Fischerei, auf der „Slow-Fish“-Messe in Genua: „Der Umfang illegaler Fischerei wird weltweit auf 10 Mrd. EUR pro Jahr geschätzt. Dabei handelt es sich um kriminelle Machenschaften, die sich nachteilig auf die globale Wirtschaft auswirken, Meeresökosysteme gefährden und Fischereigemeinden wie Verbraucher schädigen. Ohne Einhaltung der Vorschriften in Gewässern der EU und anderenorts kann es keine nachhaltige Fischerei geben. Heute machen wir den ersten Schritt in eine neue Ära. Die Herausforderung besteht nun darin, die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse europaweit in die tägliche Praxis umzusetzen.“

Máire Geoghegan-Quinn, EU-Kommissarin für Forschung, Innovation und Wissenschaft und zuständig für die Gemeinsame Forschungsstelle („Joint Research Centre“, JRC), äußerte sich wie folgt: „Dieser wichtige, von den Wissenschaftlern der kommissionseigenen JRC ausgearbeitete Bericht beschreibt, wie ein breiterer und besser koordinierter Einsatz innovativer molekularer Technologien helfen kann, Betrug in der Fischerei zu vereiteln und sicherzustellen, dass die Verbraucher das bekommen, wofür sie bezahlen, und dass sie wissen, was sie essen.“

Die Auszeichnung von Fisch und Fischerzeugnissen mit falschen Artennamen oder die falsche Deklarierung der geografischen Herkunft sind zwei gängige Betrugspraktiken in der Fischerei. Der Bericht zeigt auf, wie molekulare Methoden, beispielsweise DNA-basierte Technologien, es ermöglichen, selbst bei verarbeiteten Erzeugnissen eine Bestimmung der Art vorzunehmen, ohne dass hierfür Expertenwissen erforderlich wäre. Molekulare Technologien sind somit ein effektives Instrument für die Durchführung unabhängiger Kontrollen und können Überprüfungsverfahren, insbesondere die so genannte „physische Kontrolle“ von Sendungen, Erzeugnissen, Behältern, Lagern usw., sinnvoll ergänzen.

Im JRC-Bericht wird ein kohärentes, praxisbezogenes EU-weites Vorgehen empfohlen, um neue molekulare Technologien für die europäischen Überwachungs- und Durchsetzungsbehörden zugänglich zu machen.

Angestrebt wird die Förderung eines informierten Dialogs zwischen den verschiedenen Akteuren. Im Einzelnen werden folgende Maßnahmen vorgeschlagen:

  • bessere Verbreitung einschlägiger Informationen und Empfehlungen bei allen Akteuren;

  • Gewährleistung des Zugangs von Analyselabors in den Mitgliedstaaten zu gemeinsamen Archiven mit Referenzdaten und anderen einschlägigen Informationen für die Analyse von Fisch und Fischerzeugnissen; diese Archive könnten ähnlich gestaltet sein wie die von der JRC betriebene „Fishtrace“-Datenbank (www.fishtrace.org);

  • Schaffung eines Netzes zertifizierter Testlabors, die Analysen für Kontroll- und Vollzugszwecke durchführen und harmonisierte, validierte Analyseprotokolle untereinander austauschen;

  • umfassende Schulung von Inspektoren und Laborpersonal in der ordnungsgemäßen Handhabung von Proben und der Durchführung von Analysen.

Anhand von Daten zu über 100 berichteten Fällen nimmt die JRC derzeit eine Kosten/Nutzen-Bewertung vor, um die praktische Einführung der betreffenden Technologien zu erleichtern. Die Kosten vieler dieser Technologien, insbesondere von DNA-Analysen, sind inzwischen deutlich gesunken.

Hintergrund

Zur Verbesserung der Rückverfolgbarkeit von Fischerzeugnissen und zur Bekämpfung illegaler Fischereipraktiken forciert die Kommission derzeit die Umsetzung der IUU-Verordnung (MEMO/09/2002), nach der für alle Seefischereierzeugnisse eine validierte Fangbescheinigung vorzulegen ist. Für die Validierung der Bescheinigungen sind die Behörden der Mitgliedstaaten zuständig. Kontrolltechnologien nach dem Stand der Technik, wie sie im neuen JRC-Bericht beschrieben werden, können zu diesem Prozess beitragen.

Die „Slow Fish 2011“ findet vom 27. bis zum 30. Mai in Genua (Italien) statt. Es ist die fünfte internationale Messe dieser Art, die alle zwei Jahre ausgerichtet wird und der Welt der Fische und den Meeresökosystemen gewidmet ist. Im Fokus der Diskussionen, Zusammenkünfte, Workshops und Verkostungen stehen die Themen nachhaltige Fischerei und verantwortungsvoller Fischkonsum.

Glossar

Genetik: Erforschung der Vererbung und erblicher Variationen von Organismen. Im vorliegenden Fall die Erforschung genetischer Marker zur Bestimmung der Unterschiede zwischen Arten oder der Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen (Populationen) derselben Art.

Genomik: Erforschung einer Vielzahl von Genen oder genetischen Markern im Genom. Heutzutage ermöglicht die „Hochdurchsatz-Sequenzierung“ die Sequenzierung großer DNA-Abschnitte (ganzer Genome) innerhalb kurzer Zeit.

Forensik: Wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der methodischen Sicherung und Analyse gerichtsverwertbarer Beweise befasst (kurz gesagt: Anwendung wissenschaftlicher Analysen zur Unterstützung strafrechtlicher Ermittlungen).


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