IP/08/157
Brüssel, den 31. Januar 2008
Verbraucher: Kommission gibt Startschuss
für ein neues System zur Beobachtung von Verbrauchermärkten
EU-Kommissarin Meglena Kuneva verkündete heute
den Start des neuen Systems zur Beobachtung von Verbrauchermärkten
(„Consumer Market Watch“), mit dem die Leistung verschiedener
Wirtschaftssektoren aus dem Blickwinkel der Verbraucher untersucht wird. Das
System umfasst zwei Phasen. In der ersten Phase erfolgt ein umfassendes
Screening der Einzelhandelsmärkte anhand von fünf
verbraucherrelevanten Schlüsselindikatoren – Preisniveau,
Beschwerden, Wechselmöglichkeiten, Verbraucherzufriedenheit und Sicherheit.
Ziel ist es, Anzeichen auszumachen, die auf eventuelle Marktstörungen
hinweisen. Solche Störungen, die auf Praktiken hindeuten könnten,
welche die Kaufentscheidung der Verbraucher manipulieren und den Wettbewerb im
Einzelhandel behindern, geben dann unter Umständen den Anstoß für
die zweite Phase – eine grundlegende, zielgerichtete Überprüfung
der Verbrauchermärkte und anschließende Korrekturmaßnahmen. Im
Rahmen dieses weitreichenden neuen Systems zur Beobachtung von
Verbrauchermärkten werden auch die Rahmenbedingungen für die
Verbraucher in den verschiedenen Mitgliedstaaten und der Integrationsgrad des
Einzelhandelsbinnenmarkts verglichen. Das System ergänzt die Monitoring-
und Analysemaßnahmen, die im Zuge der letzten Überprüfung des
Binnenmarkts vorgeschlagen wurden. Die ersten, heute veröffentlichten
Screening-Ergebnisse machen das Fehlen umfassender, EU-weit vergleichbarer
Verbraucherdaten in Schlüsselbereichen deutlich. Die Erhebung dieser Daten
wird in den nächsten Jahren eine Hauptaufgabe der Verbraucherpolitik sein.
Kommissarin Kuneva beabsichtigt, in Zusammenarbeit mit Kommissar McCreevy die
aktuellen Initiativen im Bereich des Privatkundenmarkts für
Finanzdienstleistungen, insbesondere hinsichtlich der Situation der Verbraucher
im Privatkundengeschäft, voranzutreiben und diesen Sektor zum
Hauptgegenstand einer tiefgehenden Verbrauchermarktanalyse im Jahr 2008 zu
machen. Grundlage werden die Daten sein, die nach Indikator aufgeschlüsselt
für über 20 Sektoren (Dienstleistungen und Waren)
vorliegen.
„Der Binnenmarkt hat sich in den vergangenen 15 Jahren stark
entwickelt. Wir sind jedoch der Meinung, dass die Verbraucher immer noch nicht
das bekommen, was ihnen zusteht. Mit diesem leistungsfähigen neuen Werkzeug
kann untersucht werden, wie die Verbraucher die Märkte in ihrem Alltag
wirklich erfahren. Was ist der Grund dafür, dass Verbraucher unzufrieden
sind und zu einem anderen Anbieter wechseln möchten? Wie steht es mit
komplexen Preissetzungsverfahren? Wie sieht es mit versteckten Gebühren und
verknüpften oder gebündelten Angeboten aus?
Mit diesen neuen Untersuchungen wird die aktuelle Situation systematisch
überprüft und kontrolliert, ob die Verbraucher zu ihrem Recht kommen.
Die Priorisierung der Verbraucherinteressen in der politischen
Entscheidungsfindung bedeutet für Europa eine grundlegende
Akzentverschiebung.“
Das Screening
Die Ergebnisse des ersten Screening werden im Verbraucherbarometer 2008
vorgestellt. Dieses Barometer befindet sich noch im Anfangsstadium und
stützt sich auf Daten von Dienststellen der Europäischen Kommission
(u. a. die für Wettbewerb, Informationsgesellschaft, Unternehmen und
Verbraucherschutz zuständigen Dienststellen) sowie auf Daten von Eurostat,
dem Statistischen Amt der Europäischen Gemeinschaften, das mit den
nationalen statistischen Ämtern zusammenarbeitet. Viele der vorgestellten
Daten liegen der Öffentlichkeit also bereits vor.
Die Ergebnisse
Das erste Verbraucherbarometer weist vor allem auf das Fehlen
vergleichbarer, umfassender Verbraucherdaten in Bereichen hin, die für
Verbraucher von zentraler Bedeutung sind. Im Jahr 2008 und darüber hinaus
muss noch viel getan werden, um diese Daten zu erheben; dies wird in enger
Zusammenarbeit mit den statistischen Ämtern, Verbraucherorganisationen und
Entscheidungsträgern erfolgen. Zu den vorrangigen Aufgaben im Jahr 2008
gehören u. a:
- Einleitung eines Konsultationsverfahrens über die Entwicklung eines
EU-weiten Klassifizierungssystems für Verbraucherbeschwerden;
- Zusammenarbeit mit Eurostat und den nationalen statistischen Ämtern zur
Aufstellung vergleichbarer Preisdaten;
- Ausweitung des Monitoring in Sachen Verbraucherzufriedenheit auf
andere Sektoren.
Im ersten Screening deuten die nach Ländern
und Sektoren aufgeschlüsselten verbraucherrelevanten Indikatoren –
Preisniveau, Wechselmöglichkeiten, Beschwerden usw. – auf
mögliche Störungen in mehreren Einzelhandelssparten hin. Eine weiter
gehende Untersuchung könnte also sinnvoll sein. Die folgenden fünf
Beispiele veranschaulichen einige der Probleme, mit denen Verbraucher auf der
Einzelhandelsebene konfrontiert sind:
- 1. Verbraucherorganisationen teilen mit, dass sich die Preise von
Digitalkameras um bis zu 30 % unterscheiden können – selbst
zwischen
Nachbarländern[1]. Wie
lässt sich das mit einem sogenannten „gemeinsamen“ Markt
vereinbaren?
- 2. Zahlen aus Portugal bestätigen, dass über 90 % der
dortigen Mobilfunkkunden keinen Gebrauch von den verfügbaren
günstigeren Tarifen machen. Die entsprechende Studie hat gezeigt, dass
portugiesische Verbraucher durchschnittlich über 100 EUR pro Jahr zu
viel bezahlen[2].
- 3. Warum ist das Telefonieren über Festnetz in Belgien 20 % teurer
als in den Niederlanden? Vielleicht liegt es an den Steuern, vielleicht aber
auch nicht. Wir möchten es gerne genau wissen. Strom ist in Italien doppelt
so teuer wie in Finnland oder Griechenland. Warum?
- 4. Die durchschnittlichen Kontoführungsgebühren bei Banken
variieren in den Mitgliedstaaten zwischen null und über 80 EUR.
Warum?
- 5. Auf den Energiemärkten herrscht Verwirrung – die Verbraucher
können die Angebote nur schwer überblicken bzw. vergleichen und
wechseln daher nicht zu einem anderen Anbieter. Eine Studie im Vereinigten
Königreich hat ergeben, dass 20-32 % der Verbraucher, die im Jahr 2000
nach der Liberalisierung der Energiemärkte den Anbieter wechselten,
letztendlich schlechtere Verträge
abschlossen[3].
Die
nächsten Schritte
In vielen Schlüsselsektoren, wie Telekommunikation und Energie, wird an
diesen Problemen gearbeitet. Angesichts der eingeschränkten Mittel und vor
dem Hintergrund der verfügbaren Daten aus der Screening-Phase des
Barometers hat Kommissarin Kuneva für 2008 drei Bereiche ermittelt, in
denen vorrangiger Handlungsbedarf besteht:
- 1. Privatkundenmarkt für Finanzdienstleistungen: Aufbauend auf
der Arbeit, die die Kommission im Bereich der Finanzdienstleistungen für
Privatkunden bereits geleistet hat, sollen die Analysen, insbesondere aus dem
Blickwinkel der Verbraucher, weiter vertieft werden. Es wird eine
zielgerichtete Untersuchung geben, um ein besseres Verständnis der Faktoren
zu erlangen, die für die Preistransparenz, Vergleichbarkeit und
Verbrauchermobilität im Bereich Finanzdienstleistungen ausschlaggebend
sind. Die Ergebnisse werden binnen einem Jahr veröffentlicht.
- 2. Grenzüberschreitender Verkauf von Konsumartikeln (Kameras,
CDs, Bücher): Das Vertrauen der Verbraucher in den
grenzüberschreitenden Handel ist nach wie vor gering, und die
Preisunterschiede bei Verbrauchsgütern im grenzüberschreitenden Handel
müssen untersucht werden. Hier besteht vorrangiger Handlungsbedarf. Der
Bericht folgt 2008.
- 3. Rechtsbehelfe für Verbraucher: Die Zuversicht der
Verbraucher, dass im Heimatland oder Ausland Beschwerden erfolgreich bearbeitet
oder Rechtsbehelfe bereitgestellt werden, ist gering. An diesen Problemen wird
gezielt gearbeitet werden.
Hintergrund
In einer zunehmenden Anzahl von Sektoren verbreitet sich auf der
Einzelhandelsebene eine Reihe von Praktiken, die die Entscheidung und das
Verhalten der Verbraucher beeinträchtigen und unter Umständen sogar
ein effektives Funktionieren des Wettbewerbs behindern. Es handelt sich dabei
unter anderem um irreführende Praktiken und komplexe
Preissetzungsverfahren, wodurch den Verbrauchern die Möglichkeit, Angebote
zu vergleichen und so eine optimale Kaufentscheidung zu treffen, genommen wird.
Dies schließt Handelspraktiken ein, die bestimmte Verhaltensmuster
ausnutzen, um die Kaufentscheidung mit Lockangeboten zu beeinflussen, oder die
durch Verknüpfung von Angeboten oder Bündelung geringfügiger
Dienstleistungen, auf die Verbraucher bei größeren Einkäufen nur
wenig achten, die Kaufentscheidung manipulieren. Offensichtlichere Praktiken,
die Kaufentscheidung der Verbraucher zu manipulieren (z. B. unlautere
Vertragsbedingungen, die einen Verbraucher fest binden und einen Wechsel zu
einem anderen Anbieter erschweren), stellen auch weiterhin ein Problem dar.
Die Europäische Kommission und die Mitgliedstaaten verfügen bereits
über Instrumente für Marktuntersuchungen. Es gibt Untersuchungen im
Bereich Wettbewerb und Datenerhebungen über die Hindernisse, die der
Verwirklichung des Binnenmarkts entgegenstehen.
Diese basieren auf
Informationen von Unternehmen und heben gewöhnlich die guten
wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hervor. Die „Consumer Market
Watch“ wird Instrumente liefern, mit denen bewertet werden kann, ob wir
die richtigen Bedingungen für die letzte Stufe des Einzelhandels geschaffen
haben: nämlich den Kauf durch die Endverbraucher. Wir möchten, dass
dieser aufgrund einer ungestörten und bewussten Entscheidung erfolgt, damit
ein gesunder Wettbewerb, basierend auf der Qualität der Dienstleistungen
und Waren, gefördert werden kann.
http://ec.europa.eu/consumers/overview/cons_policy/index_en.htm
[1] Test-Achat
Nr. 515, Dezember 2007.
[2] Daten von DECO/PRO
TESTE vom Februar 2005.
[3] „Do consumers
switch to the best suppliers?“ (Wechseln die Verbraucher zu den besten
Anbietern?), Chris Wilson und Catherine Price, CCP-Arbeitspapier, Mai 2006.