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IP/08/1305

Brüssel, den 10. September 2008

EU-Zwischenprognose: Unerwartet deutliche Konjunkturabschwächung

Das diesjährige Wirtschaftswachstum wird für die Europäische Union auf 1,4 % und für den Euroraum auf 1,3% veranschlagt – und dürfte damit um ½ Prozentpunkt niedriger ausfallen als im April erwartet. Mit der Verschärfung der Krise auf den Finanzmärkten, dem Anstieg der Rohstoffpreise und der stärkeren Ausweitung der Schocks auf mehreren Immobilienmärkten sind die größten, in der Frühjahrsprognose genannten Abwärtsrisiken eingetreten. Nach dem anhaltend kräftigen Preisanstieg auf den Rohstoffmärkten dürfte die Inflation in der EU dieses Jahr bei durchschnittlich 3,8 % und im Euroraum bei durchschnittlich 3,6% liegen. Dies stellt eine Aufwärtskorrektur dar, auch wenn der vergangene Anstieg bei den Lebensmittel- und Energiepreisen in den kommenden Monaten wahrscheinlich etwas weniger stark ins Gewicht fallen wird und die Inflation somit einen Wendepunkt erreicht haben könnte.

„Die Turbulenzen auf den Finanzmärkten, die nach einem Jahr immer noch fortdauern, Energiepreise, die sich im gleichen Zeitraum nahezu verdoppelt haben, und die Korrekturen auf einigen Immobilienmärkten haben bei der Wirtschaft Spuren hinterlassen, wobei jedoch der aktuelle Rückgang bei den Preisen für Öl und andere Rohstoffe sowie der etwas schwächere Euro für etwas Entspannung gesorgt haben. In diesem schwierigen und unsicheren Umfeld müssen wir aus Fehlern der Vergangenheit lernen und weiterhin konsequent handeln. Deshalb müssen wir die Reformen in Europa unbedingt fortsetzen, um Arbeitsplätze zu schaffen und externe Schocks besser zu bewältigen. Die Umsetzung unserer Pläne muss noch beschleunigt werden, um auf den Finanzmärkten wieder Vertrauen zu schaffen und die Verbesserungen bei den öffentlichen Finanzen nicht rückgängig zu machen. Tun wir dies nicht, so werden den künftigen Generationen, die sich aufgrund der Probleme im Zusammenhang mit der Bevölkerungsalterung ohnehin schon großen Herausforderungen stellen müssen, noch höhere Lasten aufgebürdet,“ so Joaquín Almunia, der in der Kommission für Wirtschaft und Währung zuständig ist.

Da sich die Bedingungen für Unternehmen weltweit immer mehr verschärfen, hat die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal diesen Jahres in mehreren fortgeschrittenen Volkswirtschaften nachgelassen, was in einigen Ländern auch durch das Ende des Booms im Immobiliensektor bedingt ist. Das BIP ging in der EU um 0,1 % und im Euroraum um 0,2 % zurück. Dies ist teilweise eine Folge des unerwartet starken Wachstums im ersten Quartal, das bis zu einem gewissen Grad auf einmalige Faktoren zurückzuführen war. Der anhaltende Aufwärtstrend bei den Rohstoffpreisen, die weiterhin schwächelnden Finanzmärkte und die in einigen Fällen katastrophalen Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt haben zu schwindendem Vertrauen, einem weiteren Anstieg der Kapitalkosten und Verbraucherpreisinflation geführt, so dass die Binnennachfrage stark nachgelassen hat.

Für das Jahr 2008 erwartet die Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen der Europäischen Kommission nun ein Wachstum von 1,4 % in der EU und 1,3 % im Euroraum, d.h. 0,6 bzw. 0,4 Prozentpunkte weniger als in ihrer Frühjahrsprognose. Berechnungsgrundlage sind die aktualisierten Prognosen für Frankreich, Deutschland, Italien, die Niederlande, Polen, Spanien und das Vereinigte Königreich, die zusammen 80 % des EU-BIP erwirtschaften.

Weitere Verschlechterung der externen Bedingungen

Die gegenwärtige und künftige Lage der Weltwirtschaft ist mit ungewöhnlich großer Unsicherheit behaftet. Ein Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise bleibt die Lage im internationalen Finanzsektor weiterhin angespannt und treten auf einigen wichtigen Kreditmärkten nach wie vor erhebliche Störungen auf. Die Rohstoffpreise haben insbesondere in den Bereichen Energie und Lebensmittel seit dem letzten Quartal 2007 deutlich angezogen und dadurch die Inflation angefacht – auch wenn die Preise für Öl und andere Rohstoffe sich mittlerweile von ihrem Hoch vom Sommer diesen Jahres entfernt haben. Die Zuversicht bei Unternehmern und Verbrauchern ist deutlich unter die langfristigen Durchschnittswerte gefallen. Während das Wachstum in den neuen aufstrebenden Volkswirtschaften bisher robust geblieben ist, zeichnet sich weltweit doch eine Abschwächung der Wirtschaftstätigkeit ab.

Die europäischen Volkswirtschaften befanden sich bis zum Ausbruch der Finanzmarktkrise im vergangenen Sommer allgemein in einer stabilen Lage. Insgesamt gesehen gab es in der EU und im Euroraum keine größeren Ungleichgewichte, auch wenn dies vielleicht nicht unbedingt für alle Sektoren und Mitgliedstaaten gilt. Die Wirtschaft hielt zunächst relativ gut Stand, aber die sich verschlechternden Finanzierungsmöglichkeiten zeigten unmittelbare Wirkung auf verschiedene Vertrauensindikatoren. Als sich die Rahmenbedingungen im Laufe der vergangenen Quartale verschlechterten, breitete sich das schwindende Vertrauen stärker auf die verschiedenen Sektoren und Mitgliedstaaten aus (besonders stark fielen die einschlägigen Indikatoren in Spanien und dem VK). Dies führte schließlich dazu, dass auch die Wirtschaftstätigkeit nachließ. In den vergangenen Monaten deuten bereits mehrere Indikatoren (z. B. Industrieproduktion, Auftragseingänge und Einzelhandel) sowohl für die EU als auch den Euroraum auf eine Verlangsamung der Wachstumsimpulse hin. Jüngste Erhebungen lassen für die EU ebenfalls auf eher schlechte wirtschaftliche Aussichten schließen.

Der erwartete Rückgang der Inflation dürfte sich im vierten Quartal positiv auf das verfügbare Einkommen der Haushalte auswirken und den Verbrauch stärker stimulieren und zählt somit zu den Faktoren, die einen Umschwung bewirken könnten.

Inflation am Wendepunkt

Angetrieben von den hohen Rohstoffpreisen hat die Inflation der Verbraucherpreise in den vergangenen Monaten weiter angezogen. Der Anteil der Energie- und Lebensmittelpreise an der Gesamtinflation hat sich deutlich erhöht und betrug im Juli 1,7 bzw. 1,2 Prozentpunkte. Insgesamt hat sich die Inflationsrate im August etwas verlangsamt und lag im Euroraum nach dem Rekordwert vom Juli (4,0 %) bei nunmehr 3,8 %.

Die Aufwärtskorrektur der Inflation ist Folge der seit der Frühjahrsprognose unerwartet schlechten Entwicklungen. Da sich die Auswirkungen des Anstiegs bei den Energie- und Lebensmittelpreisen in den kommenden Monaten jedoch allmählich abschwächen dürften, könnte dies bedeuten, dass die Inflation an einem Wendepunkt angelangt ist. Dennoch bleiben die Inflationsaussichten in beiden Gebieten von den künftigen Entwicklungen auf den Rohstoffmärkten und der Möglichkeit von Zweitrundeneffekten abhängig.

Risikobewertung

Die Risiken für die Wachstumsaussichten bleiben abwärtsgerichtet. Die Entwicklungen auf den Rohstoff- und den Finanzmärkten werden weiterhin eine Schlüsselrolle für die Wachstumsaussichten spielen, und auch bei den technischen Annahmen können negative Überraschungen wie bei den früheren Prognosen nicht ganz ausgeschlossen werden. Weitere Risiken betreffen die Widerstandsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft, den verbreiteten Ruf nach mehr Protektionismus und anderen handelsbehindernden Maßnahmen, aber auch die Fähigkeit einiger EU-Länder, ihre internen und externen Ungleichgewichte auszubalancieren. Die Risiken hinsichtlich der Inflationsaussichten erscheinen etwas ausgewogener, bleiben aber aufwärtsgerichtet. Hier droht selbst angesichts der voraussichtlich deutlichen Verlangsamung der Wirtschaftstätigkeit die Gefahr von Zweitrundeneffekten, obwohl es bisher noch keine eindeutigen Nachweise für eine weite Verbreitung solcher Effekte gibt.

Ein ausführliche Bericht ist abrufbar unter:

http://ec.europa.eu/economy_finance/thematic_articles/article12054_en.htm


Tab. 1: Reales BIP-Wachstum
[ Die Graphik finden sie im PDF und WORD PROCESSED Dokument ]
Anmerkung: Die Quartalszahlen sind arbeitstäglich und saisonbereinigt; die Jahreszahlen sind dagegen nicht angepasst.


Tab. 2: Die Inflation bei den Verbraucherpreisen
[ Die Graphik finden sie im PDF und WORD PROCESSED Dokument ]


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