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IP/04/647

Brüssel, den 17. Mai 2004

Europäische Kommission macht Küstenerosion zu einem zentralen Thema

Die europäischen Küsten werden zunehmend durch Erosion bedroht. Küstenerosion ist die allmähliche Zerstörung des Festlands durch das Meer. Ein Fünftel der Küsten der erweiterten EU sind bereits schwer getroffen - hier geht die Küstenlinie zwischen 0,5 und 2 Metern jährlich zurück, in einigen wenigen dramatischen Fällen sogar um 15 Meter. Dies sind einige der Ergebnisse der umfangreichsten Studie über das Problem der vom Menschen verursachten Erosion, die je erstellt wurde, „Living with Coastal Erosion in Europe: Sediment and Space for Sustainability", die von der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben wurde. Küstenerosion hat dramatische Auswirkungen auf die Umwelt und auf die menschliche Aktivität. Sie kann Häuser ins Meer rutschen lassen und Straßen und andere Infrastrukturen zerstören. Sie bedroht die Lebensräume von Wildtieren, die Sicherheit der Menschen, die in Küstennähe leben, und wirtschaftliche Tätigkeiten wie den Tourismus. Verursacht wird sie vor allem durch das Eingreifen des Menschen in Form von intensivem Ausbau der Küstenlinie und der Nutzung von Sand für Bauzwecke. Steigende Meeresspiegel und zunehmend häufige Stürme und Überschwemmungen haben das Problem weiter verschärft. Zu seiner Lösung sind neue und nachhaltige Formen des Küstenmanagements erforderlich. Die Ergebnisse und Empfehlungen der Studie werden in der „Thematischen Strategie für Böden" der EU berücksichtigt, die zur Zeit ausgearbeitet wird. Sie werden morgen auf einer internationalen Konferenz in Brüssel diskutiert.

„Wir müssen unsere Küsten viel besser schützen", sagte Umweltkommissarin Margot Wallström. „Sie bieten den Menschen Schutz vor der Gewalt des Meeres, sind ein wichtiger Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen, und sind ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor - viele Menschen lieben Urlaub am Meer! Die Kommission wird ihre Bemühungen verstärken, für ein nachhaltiges Küstenmanagement zu sorgen. Aber sie ruft auch die zuständigen nationalen, regionalen und lokalen Behörden auf, ihr Bestes zu tun, um den Erosionsprozess aufzuhalten. Künftig müssen Erschließungsprojekte an Flüssen und an der Küste sehr viel genauer auf ihre Auswirkungen auf die Küstenerosion hin überprüft werden. Dies erfordert eine intensivere grenzüberschreitende Zusammenarbeit."

Was steht auf dem Spiel?

Küstengebiete haben mehrere wichtige Funktionen. Küstenhabitate wie Schlickbänke, Marschland, Sandstrände und Sanddünen sind von großem Wert für die Wildtiere. Dünen sind ein ausgezeichneter natürlicher Überschwemmungsschutz und Trinkwasserfilter. Und Marschland absorbiert die Wellenenergie bei Sturmfluten und wirkt so der Erosion entgegen. Und schließlich sind Stände und schöne Küstenstriche ein wesentlicher Faktor für die Tourismusindustrie.

Dies alles wird durch die Küstenerosion gefährdet. Sie führt zu:

    Verlust von Land von ökologischem Wert. Von 132 300 km² (500 Meter landeinwärts ab der Küstenlinie gerechnet) die in der erweiterten EU unmittelbar von der Küstenerosion betroffen sind, sind 47 500 km2 Naturlandschaften von hohem ökologischem Wert. Dies bedeutet, dass sie über eine reiche Artenvielfalt verfügen und wichtige Ökosysteme darstellen. Die meisten dieser Gebiete sind Teil des NATURA-2000-Netzes geschützter Gebiete der EU.

    Verlust von Land von wirtschaftlichem Wert. Der derzeitige Gesamtwert der Wirtschaftsgüter, die innerhalb einer Zone von 500 Metern von der Küstenlinie der EU ab gerechnet liegen, einschließlich Stränden, Agrarland und Industrieanlagen, wird auf 500 bis 1 000 Mrd. € veranschlagt. Die öffentlichen Ausgaben zur Bekämpfung der Erosion steigen. Im Jahr 2001 beliefen sie sich auf schätzungsweise 3,2 Mrd. €.

    Verlust von Eigentum. Jedes Jahr müssen Hunderte von Häusern an der Küste der EU aufgegeben werden oder verlieren an Wert, weil die unmittelbare Gefahr besteht, dass sie ins Meer abrutschen oder überschwemmt werden.

    Gefährdung menschlichen Lebens. Im Laufe der letzten 50 Jahre hat sich die Bevölkerung, die in Küstengemeinden der EU lebt, auf 70 Millionen Menschen mehr als verdoppelt (16 % der Bevölkerung der 25 Mitgliedstaaten). Sie sind zunehmend der Gefahr der Erosion und der Überschwemmung ausgesetzt. Bei der schlimmsten Flutwelle in der jüngeren europäischen Geschichte, der Nordseeflut im Jahr 1953, starben in England und in den Niederlanden mehr als 2 000 Menschen.

    Zerstörung des natürlichen Küstenschutzes. Die Erosion macht den natürlichen Küstenschutz wie beispielsweise Dünensysteme anfällig. Im November 2001 brach ein Teil der Dünen an der Jurmalaküste im Golf von Riga (Lettland) während eines Sturms ein. Dies führte zur Überschwemmung des Hinterlands.

    Unterspülung künstlicher Küstenschutzanlagen, die ebenfalls ein Überschwemmungsrisiko bergen kann. Dies ist zum Beispiel der Fall in Essex (VK), wo die Erosion des schützenden Marschlandes bei Stürmen immer wieder zu Schäden an den traditionellen Deichen führt.

Ursachen und Gegenmaßnahmen

Die Küstenerosion ist auf natürliche Ursachen und - in wesentlich größerem Umfang - auf Eingriffe des Menschen zurückzuführen. Sand und Kies, die von Wellen und Strömungen fortgetragen werden, werden natürlicherweise durch Material, das die Flüsse aus dem Einzugsgebiet eintragen, oder durch Sedimente von erodierenden Klippen oder marinen Sandbänken wieder aufgefüllt.

Durch die schnelle Erschließung der Küstenlinien und der Flussufer wurden diese natürlichen Vorgänge gestört. Jedes Jahr werden 100 Millionen Tonnen Sand, die vorher auf natürliche Weise die Küstenhabitate in Europa wieder auffüllten, für Bauzwecke verwendet, hinter Flusseindeichungen aufgefangen oder durch Bauwerke blockiert. Naturlandschaften, die die Kräfte des Meeres auffingen, sind im Verschwinden begriffen.

Die Auswirkungen der Küstenerosion machen sich in Europa in unterschiedlicher Weise bemerkbar. Beispielsweise bestehen zwei Drittel der belgischen Küste aus Sandstränden, das restliche Drittel ist vollständig bebaut. Daher ist ein Viertel der belgischen Küste der Erosion ausgesetzt, was im Vergleich zu anderen Ländern viel ist.

Auch Italien leidet unter einer hohen Erosionsrate, 23 %, die weitgehend auf die rasche Urbanisierung seiner Küsten und Strände zurückzuführen ist. Dagegen ist die finnische Küste kaum betroffen, da sie zur Hälfte aus hartem Gestein besteht, das nur sehr langsam erodiert.

Erosion in EU-Mitgliedstaaten, die über Küsten verfügen

Land

% erodierende KüstenLand% erodierende Küsten
Belgien25,5Italien22,8
Zypern37,8Lettland32,8
Dänemark13,2Litauen24,3
Estland2,0Niederlande10,5
Finnland0,04Polen55,0
Frankreich24,9Portugal28,5
Deutschland12,8Spanien11,5
Griechenland28,6Schweden2,4
Irland19,9Vereinigtes Königreich17,3

Die Küstengemeinden haben auf das Erosionsproblem oft mit so genannten „harten" bautechnischen Lösungen reagiert, beispielsweise durch den Bau verschiedener Arten von Schutzbauten und Wellenbrechern. Dadurch wird die Küstenerosion zwar an dieser Stelle abgeschwächt, doch stören diese Strukturen häufig den natürlichen Transport von Sand und verursachen Erosionsprobleme küstenabwärts. Von den 875 km europäischer Küsten, bei denen im Laufe der letzten 20 Jahre die Erosion einsetzte, liegen 63 % weniger als 30 km von Küstengebieten entfernt, die durch neue Bauwerke verändert wurden!

Allerdings kann es auch bei „sanften" Schutztechniken wie der Wiederauffüllung von Sand - wenn Sand an anderer Stelle entnommen wird, um erodierende Dünensysteme und Strände zu verstärken - zu unerwünschten Folgen kommen. So wurde in einigen Fällen Sand aus Seegrasgebieten entnommen, die ironischerweise die Küstenerosion wirksam einschränken.

Bei der im EU-Recht vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfung werden die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf diese natürlichen Prozesse an den Küsten und Küstenhabitate bisher nicht ausreichend berücksichtigt. Folglich steigen die Kosten für Maßnahmen zur Eindämmung der Küstenerosion (3,2 Mrd. € in ganz Europa 2001). Dafür bezahlt der Steuerzahler.

Empfehlungen

Die Studie „Living with Coastal Erosion in Europe: Sand and Space for Sustainability" enthält vier Empfehlungen, um der Küstenerosion in Europa zu begegnen:

    Stärkung der Belastbarkeit der Küsten durch Wiederherstellung des Sedimentgleichgewichts. Dazu müssen Gebiete, in denen wesentliche Sedimentprozesse stattfinden, ermittelt und „strategische Sedimentlager" eingegrenzt werden, aus denen Sediment ohne Gefährdung des natürlichen Gleichgewichts entnommen werden kann.

    Berücksichtigung der Kosten der Küstenerosion bei Planungs- und Investitionsentscheidungen. Die Verantwortlichkeit des Staates für mögliche Risiken und die Behebung von Schäden sollte eingeschränkt und teilweise auf die unmittelbar betroffenen Begünstigten und Investoren übertragen werden. Dies würde zu größerer Sorgfalt zwingen. Darüber hinaus sollten Risiken ermittelt und bei der Planungs- und Investitionsstrategie berücksichtigt werden. Sowohl bei der Umweltverträglichkeitsprüfung als auch beim Küstenmanagement sollte dem Problem der Küstenerosion Rechnung getragen werden.

    Proaktive und geplante Gegenmaßnahmen gegen die Küstenerosion. Anstelle der derzeitigen Stückwerk-Maßnahmen, die Küstenerosion dann zu „beheben", wenn sie auftritt, ist ein langfristigerer und durchdachterer Ansatz erforderlich. Er sollte sich auf regionale Küstensedimentmanagementpläne stützen, die darauf ausgerichtet sind, die Belastbarkeit der Küsten wiederherzustellen. Die Pläne sollten die Risikofaktoren sowie die Kosten und Folgen verschiedener Strategieoptionen (schützen - nichts tun - Aufgabe des Gebiets) umfassend bewerten.

    Ausbau der Wissensbasis für Küstenerosionsmanagement und -planung um sicherzustellen, dass Entscheidungen auf der Grundlage ausreichender Informationen getroffen und beste Praktiken angewandt werden.

Nächste Schritte

Die Europäische Kommission wird die durch die Küstenerosions-Studie gesammelten Erfahrungen in ihrer „Thematischen Strategie für Böden" berücksichtigen, die für das Frühjahr 2005 geplant ist. Sie wird darüber hinaus vorhandene Instrumente nachdrücklicher einsetzen, um ein nachhaltiges Küstenmanagement zu gewährleisten. Dazu gehören im Einzelnen:

    Die Wasser-Rahmenrichtlinie aus dem Jahr 2000, ein wichtiges Instrument, um zu verhindern, dass wesentliche Sedimente in neuen Flussdeichen versiegelt werden;

    Die Habitat-Richtlinie von 1992, die angewendet werden kann, um die ständige Schädigung von Küstengebieten aufzuhalten, die Teil des NATURA-2000-Netzes geschützter Lebensräume von Wildtieren der EU sind;

    Die Richtlinie über die strategische Umweltprüfung, die im Juli 2004 in Kraft treten und die frühzeitige Ermittlung und Vermeidung nachteiliger Auswirkungen von Plänen für den Ausbau der Küsten ermöglichen wird.

Darüber hinaus wird die Kommission das Thema der Küstenerosion bei ihren Kontakten mit den zuständigen nationalen, regionalen und lokalen Behörden aufgreifen.

Hintergrund

Der Bericht „Living with Coastal Erosion in Europe: Sand and Space for Sustainability" wurde 2001 von der Generaldirektion Entwicklung der Europäischen Kommission auf Initiative des Europäischen Parlaments in Auftrag gegeben.

Er sollte die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen der Küstenerosion auf die europäischen Küsten bewerten und den Handlungsbedarf abschätzen.

Das Zweijahresprojekt begann 2002 und kostete 5 Mio. €. Es wurde von einem europäischen Konsortium unter der Leitung des Nationalen Instituts für Küsten- und Meeresmanagement der Niederlande durchgeführt.

Die Studie erfasste alle EU-Mitgliedstaaten, die über Küsten verfügen, auch die neuen Mitgliedstaaten der EU. Auch Teile der Küsten Rumäniens, Bulgariens und der überseeischen Gebiete der Mitgliedstaaten wurden untersucht.

Für die Studie wurden ein spezielles geographisches Informationssystem für sämtliche europäischen Küsten sowie eine Datenbank mit Informationen zum Küstenmanagement aus 60 Fallstudien aus ganz Europa (siehe den „Leitfaden für Küstenmanagement" - „Shoreline Management Guide" auf der EUrosion Website) eingerichtet.

Die Konferenz „EUrosion - Sediment and Space for Sustainability" findet morgen von 10 h bis 18 h im Albert-Borschette-Konferenzzentrum, 36 rue Froissart, 1040 Brüssel, statt. Zu den Teilnehmern gehören Umwelt-Generaldirektorin Catherine Day und andere Beamte der Europäischen Kommission, EUrosion-Projektmitglieder sowie hochrangige Vertreter der Mitgliedstaaten und regionalen Behörden. Journalisten, die an der Konferenz teilnehmen möchten, sollten sich zwischen 9 h und 10 h beim Konferenzzentrum anmelden.

Weitere Informationen unter

http://ec.europa.eu/environment/iczm/home.htm

und

http://www.eurosion.org/


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