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Neurowissenschaft erklärt die Auswirkung von Armut auf die frühkindliche Entwicklung des Gehirns

02/11/2012

Fortschritte in der neurologischen Forschung vermitteln neue Erkenntnisse über die Auswirkungen von Armut auf die frühkindliche Entwicklung und werfen äußerst wichtige Fragen in verschiedenen Bereichen wie Bildung und Gesundheit bis hin zu Sozialfürsorge und Jugendstrafrecht auf.

Seit Jahrzehnten untersuchen Sozialwissenschaftler die Verbindungen zwischen Armut in der Familie und den späteren Folgen für die Kinder. Aufgrund des technologischen Fortschritts in den vergangenen Jahrzehnten konnten Sozial- und Neurowissenschaftler ein besseres Verständnis der Auswirkungen, die der sozioökonomische Statuspdf eines Kindes auf die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten hat, ebenso wie die Auswirkungen von Mangelernährung, erlangen. Die Wichtigkeit dieser Verbindung bringt Implikationen für Politiken mit sich, die zur Verringerung der Armut und der sozialen Ausgrenzung in den USA und Europa, jedoch auch von internationalen Organisationen wie der OECD pdfdurchgeführt werden.

 

mother and child

Die ersten drei Lebensjahre sind wesentlich für die Entwicklung zukünftiger Fähigkeiten

Die ersten Lebensjahre eines Kindes haben rapides Wachstum und Entwicklung des Gehirns zum Inhalt. Bei der Geburt wiegt das menschliche Gehirn ungefähr 400 Gramm und besitzt 100 Milliarden Neuronen, doch im Alter von 2 Jahren hat es ein Gewicht von 1100 Gramm und umfasst bereits 80 % der Größe eines erwachsenen Gehirns. Irgendwann in den Frühphasen der Entwicklung fügt das Gehirn bis zu einer halben Million Neuronen pro Minute hinzu, und im Alter von 3 Jahren beläuft sich die Gesamtzahl der Neuronenverbindungen auf 1000 Billionen. Diese Zeit rapider Veränderungen des Gehirns findet statt, wenn die neurologischen Fundamente für spätere soziale, linguistische und emotionale Fähigkeiten gelegt werden.

Untersuchungen ergeben ebenfalls neue Erkenntnisse über möglichen Schäden, die durch Armut verursacht werden. Neurowissenschaftler beschreiben, wie Bedingungen, die mit Armut in Zusammenhang stehen – wie mangelnde Fürsorge und hohe Stressbelastung, die sich ebenfalls auf die Beziehung der in Armut lebenden Eltern auswirkt – eine Kaskade neuraler und hormonaler Reaktionen auslösen können, welche die Entwicklung des Gehirns unterbrechen und negative Auswirkungen auf Sprache, Lernfähigkeit und Aufmerksamkeit haben können.

Armut in den ersten Lebensjahren eines Kindes kann besonders schädigend sein, da Kleinkinder durch die erstaunlich rapide Entwicklung des kindlichen Gehirns besonders empfindlich auf Umweltbedingungen reagieren. Neurowissenschaftliche Studien konnten belegen, dass kognitive Fähigkeiten und andere Fertigkeiten – wie die Fähigkeit, Stress zu bewältigen – von einander abhängig sind. Da diese Fähigkeiten alle in früher Kindheit entstehen, können nachteilige Umweltbedingungen negative Auswirkungen auf all diese fundamentalen Fertigkeiten haben. Aus diesem Grund können eine stimulierende Umgebung und ein Gefühl von Sicherheit in der frühen Kindheit äußerst wichtig für eine gesunde Entwicklung des Gehirns, die Qualität der Fähigkeiten und die Lebensperspektiven eines Menschen sein, wie eine Studie der University of California Berkeley herausfand.

Armut in früher Kindheit stellt komplexe politische Herausforderungen dar

„Ein Kind, das in ärmlichen Verhältnissen aufwächst... mit beschränkter kognitiver Stimulation, einem hohen Grad an Stress und so weiter, wird eher zu einem Menschen mit beeinträchtigter körperlicher und geistiger Gesundheit und geringer akademischer Leistung heranwachsen“, sagt Martha Farah, Leiterin des Zentrums für Neurowissenschaft und Gesellschaft der Universität Pennsylvania.

Daten von Eurostat und Unicef belegen, dass 13 Millionen Kindern in der Europäischen Union (plus Norwegen und Island) grundlegende Dinge, die für ihre Entwicklung notwendig sind, fehlen. Dies könnte schwerwiegende Auswirkungen auf die Fähigkeiten der europäischen Arbeiterschaft haben. Daher besteht eine der Hauptprioritäten der Europa 2020 Strategie in der Ausmerzung der Kinderarmut. Gleichzeitig werden neurowissenschaftliche Erwägungen weiterhin nur unwesentlich in die Strategieplanung einbezogen, die sich vor allem auf die Jahre nach dem Eintritt in die Vorschule im Alter von circa 4 Jahren konzentriert – laut einem Ratsbericht pdfüber Kinderarmut zu spät, um eine Beeinträchtigung der frühkindlichen Entwicklung des Gehirns zu verhüten.

Den Angaben der Forscher zufolge könnte die Einbeziehung der Ergebnisse der jüngsten wissenschaftlichen Durchbrüche in diesem Bereich sowohl dabei behilflich sein, effektivere Strategien zur Reduzierung von Armut und sozialer Ausgrenzung zu entwickeln als auch bei der Formulierung von Ansätzen der öffentlichen Gesundheit, Bildung und des Jugendstrafrechts zum Tragen kommen.

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