Navigationsleiste

Weitere Extras

  • Druckversion
  • Text verkleinern
  • Text vergrößern

Das Wohlergehen der Familie: Europäische Perspektiven

25/09/2012

Die Auswirkungen des demographischen Wandels und des wachsenden Anteils von Frauen an der werktätigen Bevölkerung auf die Familienstruktur sind bereits seit einiger Zeit Schwerpunkt von Forschung und Politikgestaltung. Weniger ist darüber bekannt, wie diese Trends sich auf das Wohlergehen der Familie auswirken. Eine neue Ausgabe der Sammlung von Forschungsberichten mit dem Titel Family Well-Being: European Perspectives (Das Wohlergehen der Familie: Europäische Perspektiven)(Springer-Forschungsserie Sozialindikatoren, Band 49, geplante geplante Herausgabe: 2013) ‚stopft ein gähnendes Loch in den von Sozialwissenschaftlern entwickelten Methoden zur Messung des „Wohlergehens“, welche bis heute keine gezielte Messung dieser Variable für Familiengruppen aufweisen’ (S. 1). Dieses Buch ist insbesondere in diesen Zeiten der Sparmaßnahmen gefragt, wo die Politikbemühungen zur Bekämpfung einer schwachen Wirtschaft in ganz Europa tiefgreifende Auswirkungen auf Kinder, ältere Menschen, Immigranten und andere schwache und benachteiligte Bevölkerungsgruppen haben kann.

family cycling outside

Die Konzeptualisierung des Wohlergehens der Familie

Das Buch beruht auf komparativen Fallstudien des Wohlergehens der Familien in ganz Europa. Es beginnt mit einer Analyse des Konzepts des Wohlergehens der Familie und bietet unterschiedliche Blickwinkel, um die einzelnen Ansätze zu diesem Thema vorzustellen. In weiteren Kapiteln werden empirische Ergebnisse über unterschiedliche Dimensionen des Wohlergehens der Familie, insbesondere die Stadien des Familienzyklusses, einschließlich der Kindheit, Jugend, Familienbildung und des Alters, behandelt. Es wird ein breites Spektrum an Faktoren beleuchtet, die sich auf die Dynamik der Familie auswirken, wie beispielsweise die Einwanderungspolitik, die Verteilung der Aufgaben im Haushalt, die Beteiligung der Frauen an der werktätigen Bevölkerung und die aktuelle Forschung über die Lebensqualität.

Familien mit Kleinkindern

Pamela Abbott und Claire Wallace verwenden die Europäische Erhebung zur Lebensqualität (2007) zur Analyse der ‚sozialen Qualität der Familien in Europa’, mit einem Schwerpunkt auf Eltern mit Kleinkindern. In dem Kapitel wird die Rolle der Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in der Lebensqualität von Eltern in 27 europäischen Ländern untersucht. Die Forschung über die Lebensqualität geht über die wirtschaftlichen und sozialen Indikatoren hinaus und umfasst weitere Aspekte wie Glück und Zufriedenheit. Die Autoren dieses Kapitels konzentrieren sich insbesondere auf ‚die Rolle der sozialen Qualität für Eltern’ und die ‚Zufriedenheit mit dem Leben und dann die gesellschaftliche Qualität im Allgemeinen in den europäischen Gesellschaften’; all dies bildet einen Beitrag zu einem „Modell der  Gesellschaftlichen Qualität“ (S. 27).

Daniela Del Boca und Anna Laura Mancini befassen sich schwerpunktmäßig mit mehreren Themen im Zusammenhang mit der Kinderarmut, indem sie den Fall Italiens näher beleuchten. Der Schwerpunkt ihrer Recherche liegt auf der Erforschung der Zusammenhänge über diverse Faktoren, die zur Kinderarmut beitragen. Einer der Punkte ihres Fazits ist, dass die Kinderarmut ein hochkomplexes Feld der Politikgestaltung ist, denn zu den verschlimmernden Faktoren zählen Probleme wie die Arbeitslosigkeit und der Mangel an Einstellungsmöglichkeiten, die Armut in der Beschäftigung und Strukturen der sozialen Absicherung. Strategien zur Bekämpfung der Kinderarmut müssen auf diese Faktoren abzielen.

Simon Chapple behandelt die folgende Frage: ‚Welches sind die kausalen Auswirkungen von Haushalten mit alleinerziehenden Eltern auf das Wohlergehen von Kindern?’ Diese Analyse beruht auf einer komparativen Analyse der Daten aus den OECD-Ländern. Während es verschiedene Arten von Familienstrukturen gibt, liegt der Schwerpunkt dieses Kapitels auf dem Wohlergehen der Kinder in Haushalten mit alleinerziehenden Eltern (wo die Eltern geschieden sind, in Trennung leben oder ein Elternteil verstorben ist). Allerdings zieht der Autor die Schlussfolgerung, dass ‚die empirische Literatur über die Auswirkungen der Familienstruktur auf das Wohlergehen der Kinder im Vergleich zu einiger politikbezogenen Literatur, wie über die Auswirkungen der Bildung auf das Einkommen oder gar die  Auswirkungen von Mindestlöhnen auf die Beschäftigung noch nicht ausgereift ist’ (S. 3).

Gleichstellung der Geschlechter

Auch die Richtlinien über den Elternschaftsurlaub spielen eine wichtige Rolle im Wohlergehen der Familien. Karin Wall und Anna Escobedo analysieren Daten aus 22 Ländern, um die interdependente Art der Urlaubssysteme und der Systeme der Geschlechtergleichstellung und sozialen Absicherung zu untersuchen. Anders Ejrnæs und Thomas P. Boje analysieren auch die Systeme der sozialen Absicherung, mit enem Schwerpunkt auf der Frage ‚wie institutionelle wie persönliche Dimensionen das Risiko bestimmen, aufgrund von Pflege- und Erziehungsaufgaben mehr Zeit als gewollt außerhalb der bezahlten Arbeit zu verbringen’ (S. 131). Ihre Recherche beruht auf Daten aus der vierten Runde der Europäischen Sozialerhebung.

Joris Ghysel betrachtet auf der Grundlage der Daten aus der Flämischen Haushalts- und Pflege-Erhebung das Wohlergehen der Familie aus einer Perspektive von ehepartnerlichen Präferenzen bezüglich der Verteilung der Aufgaben im Haushalt. Der Autor zeigt auf, dass nur selten beide Partner einen Konsens über ihre Präferenzen der Aufgabenverteilung erreichen. Dieses trifft insbesondere auf Frauen zu, die mit der Verteilung der Pflegeaufgaben unzufrieden sind. In einer Arbeit zum gleichen Thema wird von Almudena Moreno Minguez untersucht, ‚wie Strategien des Gleichgewichts zwischen Berufstätigkeit und Familie in kulturellen und institutionellen Rahmenstrukturen verwurzelt sind, welche die persönlichen Wahlentscheidungen bestimmen.’ (S. 177). Die Studie bewertet die Auswirkungen von Bildung, Beschäftigungslage und Berufstätigkeit auf die Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Gleichgewicht zwischen Arbeit und Familie; Grundlage der Forschung sind die Europäische Erhebung über Arbeitskräfte und Eurobarometer. Eine breitere historische Perspektive über die wirtschaftliche und soziale Benachteiligung, Gleichstellung der Geschlechter und Gesundheit liefert Bernard Harris in ‚Measuring the Past: Gender, Health and Welfare in Europe since c. 1800’ (‚Ermittlung der Vergangenheit: Geschlechtergleichstellung, Gesundheit und Wohlergehen in Europa seit der Zeit um 1800’).

Jugend, ältere Menschen, Migration und Sozialarbeit

Die Autoren des letzten Kapitels untersuchen die Bereiche Jugend, ältere Menschen, Migration und Sozialarbeit. Andreas Walther, Barbara Stauber und Axel Pohl betrachten die Bedeutung des Erfolgs so wie er auf die Übergangsphasen der Jugend aus einer Perspektive des Lebensverlaufs zutrifft.  Frederique Hoffmann, Manfred Huber und Ricardo Rodrigues analysieren die Herausforderungen der informellen Pflege, wobei sie argumentieren, dass die informelle Bereitstellung von Pflegedienstleistungen in Europa in einem Stadium des Wandels ist, ‚der gerade durch die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur, die Formen des Zusammenlebens und den Anteil der Frauen im erwerbsfähigen Alter am Arbeitsmarkt, der heute einen beträchtlichen Teil des informellen Pflegepersonals ausmacht, bestimmt wird.’ (S. 243). Ulla Bj┼Ćrnberg behandelt die Erfahrungen asylsuchender Kinder und deren Familien in Schweden, beruhend auf qualitativen Befragungen mit Kindern im Alter zwischen 9 und 18 Jahren sowie deren Eltern. Und schließlich befassen die Autoren Antonio Lopez und Sagrario Segado sich mit ‚mehreren wesentlichen Dimensionen des Wohlergehens der Familie: erstens, den besonderen Merkmalen spanischer Haushalte; zweitens den Schranken für die Integration dieser Haushalte; und drittens, die Konzeption von Interventionsprogrammen zur Verbesserung von deren Integration’ (S. 277).

Alles in allem bietet dieses Buch eine reichhaltige und vielfältige Reihe von Einblicken in die multidisziplinäre und multinationale Forschung über das wohlergehen der Familien in Europa heute, wobei die komplexen Faktoren behandelt werden, die das Familienleben geprägt haben und die sich mit Wahrscheinlichkeit auch künftig auf die Bedingungen für das Wohlergehen der Familie auswirken werden.

Subscribe
Unsubscribe