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Eurobarometer 2011 zu Fertilität und gesellschaftlichem Klima – Daten zu Familiengrößen in Europa

07/05/2012

Aus einem vor kurzem veröffentlichten Bericht von Maria Rita Testa vom Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital (Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) mit dem Titel„Family Sizes in Europe: Evidence from the 2011 Eurobarometer Survey“pdf(Familiengrößen in Europa: Daten aus der Umfrage des Eurobarometers 2011) geht hervor, dass eine Diskrepanz zwischen der idealen und der tatsächlichen Familiengröße für Europäer in den EU-27-Staaten besteht. Etwa 30% der europäischen Männer und Frauen im Alter von 40 Jahren oder mehr in den EU-27-Staaten beenden ihre reproduktive Laufbahn vor Erreichen der Familiengröße, die sie in der Umfrage auf die entsprechende Frage hin als ideal betrachten. Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat die Präferenz für Familien mit 2 Kindern geringfügig zugenommen, und die ideale Kinderzahl für die meisten Europäer ist nach wie vor hoch und liegt bei etwa 2. Der Bericht deutet darauf hin, dass vor dem Hintergrund einer abnehmenden europäischen Fertilität solche hohen Idealwerte den Politikern Raum für Versuche lassen, die Kluft zwischen gewünschter und tatsächlicher Familiengröße zu verringern.

Diskrepanz zwischen idealer und tatsächlicher Familiengröße

Europäer ziehen durchschnittlich gesehen kleinere Familien vor. Mehr als 50% der Befragten in der Eurobarometer-Umfage (EU27) vertraten die Auffassung, dass die ideale Familiengröße im Allgemeinen bei zwei Kindern lag, und bestätigten, dass ihre persönliche ideale Familiengröße bei zwei Kindern lag. Dieser Trend entwickelte sich in den letzten Jahren weiter; der Anteil der europäischen Männer und Frauen, die ihre bevorzugte Familiengröße als zwei Kinder angaben, stieg in den EU-15-Staaten im Allgemeinen von 52% für das Jahr 2001 auf 57% für 2011. Dennoch gaben 41% der Befragten ihre letztlich angestrebte Familiengröße als zwei Kinder an.

Der Bericht stellt fest, dass fast die Hälfte der Europäer in den EU-27-Staaten behaupten, eine tatsächliche Familiengröße zu besitzen, die der idealen Familiengröße entspricht; 49% der Frauen und 45% der Männer hätte somit ihre Kunderwünsche tatsächlich erfüllt. Die Daten weisen aber darauf hin, dass 49% der Männer und 44% der Frauen eine ideale Familiengröße angeben, die höher liegt als ihre tatsächliche Familiengröße; allerdings gibt es hier Unterschiede zwischen den einzelnen Altersgruppen.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass ungefähr im Alter von 40 Jahren (dem Punkt, an dem die Familiengröße nahezu erreicht sein sollte) noch immer eine Kluft zwischen der gewünschten Familiengröße von europäischen Männern und Frauen und ihrer tatsächlichen Familiengröße besteht. Etwa 30% der Männer und Frauen hätten gerne noch mehr Kinder gehabt, und die Kluft zwischen idealer und tatsächlicher Familiengröße beträgt im Durchschnitt 0,4 bei den Frauen und 0,5 bei den Männern.

Abweichungen zwischen den europäischen Ländern

Die Eurobarometer-Umfrage 2011 stellte Abweichungen zwischen der idealen und tatsächlichen Familiengröße im Hinblick auf Geschlecht, Alter und Land fest. Die Ergebnisse zeigen eine Geschlechterdiskrepanz, die durch die Tatsache bedingt ist, das die ideale Familiengröße der Frauen um bis zu 0,4 Kinder größer ist als die der Männer. Darüber hinaus ist das Missverhältnis zwischen idealer und tatsächlicher Familiengröße ist bei Männern größer als bei Frauen.

Eine weitere wichtige Abweichung ist die Begleiterscheinung des Bildungsniveaus. Der Bericht zeigt an, dass Europäer mit einem höheren Bildungsniveau sich zwar mehr Kinder wünschen als Europäer mit einem mittleren oder geringen Bildungsstand, aber letztlich weniger Kinder zur Welt bringen.

Im Ländervergleich gibt es große Unterschiede in Bezug auf ideale Familiengrößen und auf die Muster der reproduktiven Laufbahn. Der Bericht betont die Abweichungen zwischen der mittleren idealen und der mittleren tatsächlichen Familiengröße in den 27 europäischen Staaten und geht dabei besonders auf zwei Länder ein, nämlich Österreich und Griechenland.

Österreich ist deshalb bemerkenswert, weil die Befragten eine Familiengröße als ideal angeben, die unter der Schwelle der Generationenerneuerung liegt. In Österreich gibt ca. eine von vier Frauen im Alter zwischen 25 und 39 Jahren eine ideale Familiengröße von unter zwei Kindern an. Die niedrige ideale Durchschnittsfamiliengröße in Österreich lässt sich zum Teil auf den im Vergleich mit anderen europäischen Ländern hohen Anteil junger Leute zurückführen, die Familien mit weniger als zwei Kindern bevorzugen.

Die Autorin weist darauf hin, dass in Griechenland zwischen den Umfrageergebnissen des Eurobarometers 2006 und des Eurobarometers 2011 in allen Altersgruppen ein steiler Abfall bei der idealen Familiengröße zu beobachten ist. Im Gegensatz dazu betrafen derartige Trends, falls sie von 2006 bis 2011 in anderen europäischen Staaten zu beobachten waren, jeweils nur bestimmte Altersgruppen.

Zufriedenheit und Familiengröße: ein Widerspruch

Aufs Ganze gesehen ist das europäische gesellschaftliche Klima negativ; dies wird deutlich erkennbar an der negativen Sicht der sozioökonomischen Zukunft ihres Landes, die viele der Befragten in der Eurobarometer-Umfrage zum Ausdruck bringen. Die Autorin berichtet, dass zwischen 64% und 80% der Befragten behaupten, dass sich die sozioökonomischen Entwicklungen im Verlauf der letzten fünf Jahre ungünstig auf Bereiche wie Lebenshaltungskosten, Arbeitsmarkt und die wirtschaftliche Lage ausgewirkt haben.

Dennoch scheinen Europäer ihr eigenes Leben oder die finanzielle Lage ihres Haushalts positiver zu sehen als die Zukunft ihres Landes. Die beiden Gruppen mit der positivsten Sicht ihrer eigenen Situation und der sozioökonomischen Zukunft ihres Landes sind einerseits Befragte, die keine Kinder haben, und andererseits die Befragten, die eine Familie mit drei oder mehr Kindern haben oder sich eine solche Familie wünschen. Dieses Ergebnis scheint widersprüchlich zu sein, und der Bericht legt nahe, dass es genauer untersucht werden sollte.

Der Bericht kommt zur Schlussfolgerung, dass es noch immer Raum für Politiker gibt, die Kluft zwischen idealer und tatsächlicher Familiengröße zu verringern, und abschließend hebt er spezielle Bereiche für politische Maßnahmen hervor, auf die Politiker sich konzentrieren sollten. Er empfiehlt, dass die Maßnahmen auf die Untergruppen abzielen sollten, bei denen die Kluft zwischen gewünschter und tatsächlicher Familiengröße am größten ist (dies sind in der Regel Bürger mit höherem Bildungsniveau). Da die Kluft zwischen idealer und tatsächlicher Größe insbesondere in einem wichtigen Anteil der Befragten zu beobachten ist, die noch keine Familie gegründet haben, vertritt der Bericht die Meinung, dass „alle Maßnahmen, die den Übergang zum Erwachsenenalter ermöglichen oder erleichtern (Beenden der Schul-/Ausbildung, Verlassen des Elternhauses, Eintritt in den Arbeitsmarkt, usw.) ebenfalls helfen könnten, die Kluft zwischen idealer und tatsächlicher Größe zu verringern“. Die weitere sozioökonomische Lage könnte in einigen Ländern wie Griechenland einen unvermittelten Abfall der idealen Familiengrößen nach sich gezogen haben, und dies würde bedeuten, dass familienfreundliche politische Maßnahmen zu diesem Zeitpunkt besonders wünschenswert wären.

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