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Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben und die Reform des Wohlfahrstaates: Innovative Ansätze und Methoden auf regionaler Ebene

13/02/2012

Das Regionalseminar, das am 25. Januar von der Europäischen Kommission in gemeinsamer Zusammenarbeit mit der Region Lombardei im Rahmen der Europäischen Allianz für Familien organisiert wurde, stand unter dem Thema „Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben und die Reform des Wohlfahrtsstaates“. Auf der vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss in Brüssel ausgerichteten Veranstaltung trafen Vertreter der EU-Regionen, Ministerien der EU-Mitgliedstaaten, Nichtregierungsorganisationen (NGO) und Sozialpartner zusammen. Das Seminar ermöglichte einen Vergleich verschiedener innovativer Ansätze und Methoden aus Italien (Lombardei), Schweden (Lindköping im Westen des Landes) und Spanien (Katalonien). Ein ausführlicher Bericht zum Tagesgeschehen wird bald auf dieser Webseite erhältlich sein.

seminar on work-life balance and best practice

Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben in Europa: Notwendigkeit für eine kohärente, langfristige Mischung politischer Grundsätze

Linda Hantraispdf(46 kB), emeritierte Professorin an der Universität Loughborough, gab einen Abriss der Familienpolitik der letzten 40 Jahre. Die Vereinbarkeit von bezahlter Arbeit und Familie, die sog. Work-Life-Balance, ist schon lange in den Agenden auf Landes- und EU-Ebene verankert. Generell sind die Erwerbstätigkeit der Frauen und die Geburtenraten heute in den Ländern höher, in denen Kinderbetreuung und -erziehung von Regierungsseite seit langem gefördert werden, als in Ländern, in denen die Elternschaft von staatlicher Seite nur unzureichend unterstützt wird. Stéphane Buffetaut vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) pflichtete dem bei mit der Stellungnahme, dass die politischen Leitlinien den unterschiedlichen Phasen des Familienzyklus angepasst werden müssten. Die Konferenzteilnehmer waren sich einig, dass politische Leitlinien, die die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben ganzheitlich betrachten, demografisch gesehen erfolgreicher sind.

Wechselseitiges Lernen und der Austausch guter Praxis: Erfahrungen auf regionaler Ebene

Giulio Boscaglipdf(2 MB), Minister für Familie, Vereinbarkeit und soziale Solidarität für die Region Lombardei, fasste die wesentlichen Elemente des neuen Weißbuchs der Lombardeipdf(528 kB) zusammen. Dessen Ziel ist die Umsetzung einer Strategie für die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben bei gleichzeitiger Lenkung auf mehreren Ebenen unter Einbindung mehrerer Akteure mit der aktiven Beteiligung der Bürger. Systemische Maßnahmen wie das Family Mainstreaming, Lenkungs- und Vereinbarungsnetze auf mehreren Ebenen sowie Sensibilisierungsmaßnahmen werden in dem 3-Jahres-Zyklus der Regionalplanung (2011-2013) durch konkrete Maßnahmen wie familiäre Betreuung, familienfreundliche Zeitpolitik, unternehmerische Verantwortung für die Familie und Abstimmung auf regionaler Ebene gestützt. Er betonte, dass die Roadmap als Rahmen auch die Einführung einer offenen Methode der Koordinierung (OMK) vorsieht. Diese Roadmap wird zur Umsetzung eines stärker personenzentrierten und bedarfsgesteuerten Sozialfhilfesystems beitragen.

Abzielen auf schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen in Schweden

Elisabeth Rambergpdf(2 MB) vom Familienamt in Lindköping im Westen von Schweden befasste sich näher mit den Kernelementen der schwedischen Familienpolitik. Familienförderung, Arbeitsförderungsmaßnahmen, Gleichberechtigung der Geschlechter und Kinderbetreuung sind die Eckpfeiler der Politik in Lindköping. Sie unterstrich, dass Gemeinden wie auch Unternehmen sich in enger Zusammenarbeit für die Verbesserung der Vereinbarkeit einsetzen. Außerdem bieten verschiedene Sport-, Freizeit- und Bildungsvereine Eltern die Möglichkeit, sich stärker für die Aktivitäten ihrer Kinder zu engagieren. Sie betonte, dass Randgruppen wie Alleinerziehenden oder Einwanderern besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, um soziale Ungleichheit abzubauen und die soziale Eingliederung zu fördern. Die Teilnehmer der Konferenz waren sich ferner einig, dass Familien, die behinderte oder ältere Familienmitglieder betreuen, zusätzliche Unterstützung erhalten sollten.

Für neue Formen des Zeitmanagements in katalanischen Unternehmen

Esther Sánchezpdf(339 kB), Ministerin für Arbeit und Arbeitsbeziehungen in der katalanischen Regierung, präsentierte das „temps x TEMPSpdf(339 kB)“-Projekt. Das Pilotprojekt, das von 2008-2010 lief, sprach sich für Flexicurity-Maßnahmen in 33 Unternehmen im Industriegürtel rund um Barcelona aus. Es wollte damit beweisen, dass Unternehmen, die flexible Vereinbarungen und neue Formen des Zeitmanagements anbieten, einen Wettbewerbsvorteil haben. Bei 81 % der an dem Pilotprojekt beteiligten Unternehmen stieg die Produktivität, da Stress am Arbeitsplatz um 73 % abgebaut werden konnte und die Arbeitsbedingungen für ihre Angestellten um 84 % verbessert wurden.

Die Teilnehmer stellten weitere Beispiele innovativer Maßnahmen vor: Zertifikatsurkunden für Familienaudits und Auszeichnungen für familienfreundliche Arbeitsplätze könnten Arbeitgeber animieren, sich stärker für eine Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben einzusetzen.

Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben am Arbeitsplatz

Sich für die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben einzusetzen, kann – wie Frau Hantraispdf(46 kB) verdeutlichte – geschäftlich von Vorteil sein, da Unternehmen schließlich daran interessiert sind, ihre Mitarbeiter zu motivieren, einer hohen Fluktuation und krankheitsbedingtem Fehlen vorzubeugen, Stress am Arbeitsplatz abzubauen und generell die Zufriedenheit und Produktivität ihrer Belegschaft zu verbessern. Deshalb beachten Unternehmen jetzt die Anforderungen an eine korrekte Work-Life-Balance stärker, nicht nur was die Kosten bei der Erziehung der Kinder anbelangt, sondern auch die Zeitaufteilung. Daniel Molinuevopdf(741 kB) von der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) erläuterte, dass Maßnahmen auf Firmenebene drei Kategorien zugeordnet werden können: 1) Flexibilität und Flexicurity, 2) Hilfe bei der Betreuung und 3) andere Maßnahmen wie Sensibilisierungskampagnen. Diese Maßnahmen ergänzen oder ersetzen oftmals das staatliche Angebot.

„Wie können staatliche Maßnahmen Familien in Zeiten der Entbehrung unterstützen?“

Das Rundgespräch am Nachmittag unter dem Vorsitz von Frau Hantrais bot den Interessengruppen die Möglichkeit, ihre Ansichten darüber zu äußern, wie der Staat Familien in Zeiten einer finanziellen Konsolidierung am besten helfen kann.

Paola Panzeri von der Vereinigung von Familienorganisationen der Europäischen Union (COFACE) argumentierte, dass nicht alle Familien gleich von der Krise betroffen seien. Obwohl die Staaten landesspezifische Maßnahmen treffen, müssten Entscheidungsträger schutzbedürftigen Familien zwecks Verbesserung der Solidarität und des sozialen Zusammenhalts zusätzliche Hilfe anbieten. Der Europäische Gewerkschaftsbund (ETUC) lehne „Haushaltskürzungen und starre Vorschriften für öffentliche Etats in den nächsten Jahrzehnten“ ab, so seine Verbandssekretärin Claudia Menne. Der Bund verabschiedete am 25. Januar 2012 eine Erklärung zum „Vertrag zur Stabilität, Koordination und Regierungsführung in der Wirtschafts- und Währungsunion“, an die sich Textvorschläge für die Entwicklung einer sicheren Rahmenvereinbarung für flexible Arbeitsbedingungen anschließen werden. Die aktualisierte Richtlinie über den Elternurlaub (2010/18/EUpdf) dient als Rahmenvereinbarung und respektiert gleichzeitig die Vielfalt der von den Mitgliedsstaaten eingeleiteten Maßnahmen.

Manuela Kron, Corporate Affairs Director bei Nestlé Italia, schilderte die Bedeutung von Elternurlaub mit ausgeglichenem Geschlechterregime und der innovativen Praxis eines verpflichtenden Vaterschaftsurlaubs. Sie betonte, dass sich Work-Life-Balance-Maßnahmen auf Unternehmensebene in die Praxis umsetzen lassen. Die größte Herausforderung bei der Umsetzung eines Strukturwandels beim HR-Management ist die Schaffung eines günstigen Umfelds unter Einschluss auch von Stellen im Top-Management, die weiblichen Beschäftigten mit Betreuungspflichten oftmals unzugänglich sind.