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Ungarische Ratspräsidentschaft organisiert Woche zur Sensibilisierung: Familien stehen im Mittelpunkt

05/04/2011

Bei der Veranstaltung der ungarischen Ratspräsidentschaft „Europa für die Familien, die Familien für Europa: Woche zur Sensibilisierung für Bevölkerungsfragen und politische Maßnahmen“ (28. März – 3. April 2011) stand die europäische Familienpolitik im Mittelpunkt wie nie zuvor. „Vor nur fünf Jahren wäre dies nicht möglich gewesen“, erklärt William Lay vom Bund der Familienorganisationen in der EU (COFACE). „Es wäre politisch nicht korrekt gewesen.“

Die Veranstaltung wurde im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt gegeben, an der auch die Kinder und Enkel der Minister teilnahmen. Dabei erläuterte die ungarische Ministerin für EU-Angelegenheiten Enikő Győri die Zielsetzung der ungarischen Ratspräsidentschaft, die Tradition zu schaffen, Familien und Familienpolitik in den Mittelpunkt zu stellen. Hiermit wurde in der Tat mit der ersten Veranstaltung der Themenwoche am 28. und 29. März in Budapest begonnen: „Konferenz der ungarischen Ratspräsidentschaft zum demographischen Wandel - Die Auswirkung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die demographischen Prozesse“.

Zukünftige Herausforderungen

Für Ungarn als einer der sieben Mitgliedstaaten, die mit einem Bevölkerungsrückgang konfrontiert sind, ist dieses Thema besonders relevant. Es betrifft jedoch auch den Kontinent im Ganzen. Laut Edit Bauer, EU-Parlamentsmitglied, werde die Sterberate ab dem Jahr 2015 über der Geburtenrate liegen und die Migration werde dann der einzige Faktor für ein Bevölkerungswachstum sein. Der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung nehme zu, mit allen sozialen und politischen Auswirkungen, die eine derartige Entwicklung mit sich bringe. Robert Anderson von Eurofound wies darauf hin, dass sich das Durchschnittsalter der arbeitenden Bevölkerung alle fünf Jahre um ein Jahr erhöht und sich diese Entwicklung fortsetzen werde.

Die stellvertretenden Sprecher der spanischen, belgischen und ungarischen Regierungen bekräftigten erneut das Engagement des EU-Ratspräsidentschaftstrios im Bereich der Familienpolitik. Isabel María Martínez Lozano, Generalsekretärin für Sozialpolitik und Verbraucherangelegenheiten berichtete, dass in Spanien beispielsweise Fortschritte erreicht wurden, was die Beschäftigung von Frauen und Vaterschaftsurlaub betrifft. „Starke politische Impulse“ seien jedoch für die weitere Entwicklung notwendig. Dies sei auch für EU-Ziele hinsichtlich des Wachstums relevant, da Nachhaltigkeit „auf umfassendste Weise verstanden werden sollte – Nachhaltigkeit für Menschen und gesellschaftliche Strukturen“. Tamás Szűcs von der Vertretung der Europäischen Kommission in Ungarn sprach sich positiv über eine leichte Zunahme bei der durchschnittlichen Anzahl der Kinder in den letzten Jahren aus. Aber im Hinblick auf die demographischen Herausforderungen, die durch die Wirtschaftskrise noch dringlicher geworden sind, teile die Vertretung der Europäischen Kommission die Besorgnisse der ungarischen Ratspräsidentschaft voll und ganz.

Fortdauernde Bedeutung

Die Konferenzteilnehmer, zu denen Vertreter der EU-Mitgliedstaaten, EU-Institutionen und Nichtregierungsorganisationen zählten, tauschten sich über die veränderte Struktur der „Familie“ sowie über die sich verändernden Rahmenbedingungen für Familien aus. Melchior Wathelet, belgischer Staatssekretär für Familienpolitik erklärte, dass mit dem Aufkommen der sogenannten Sandwich-Generation – die für Kinder und Eltern zugleich sorgt – und den neuen Herausforderungen im Zusammenhang mit mehr Mobilität ein alle Politikbereiche übergreifender Ansatz für Familien notwendig sei.

Die Umstände haben sich geändert aber die Bedeutung der Familie als bleibt Einheit bestehen. Raúl Sánchez vom Europäischen Bund für kinderreiche Familien plädierte für die Anerkennung der Familie als eine Art von Nichtregierungsorganisation, die Einsparungen bei den Sozialausgaben ermögliche: Investitionen in Familien sind Investitionen in die Zukunft und in das Wohlfahrtssystem. Dr. Mária Kopp vom ungarischen Runden Tisch zu Bevölkerungsfragen stellte einen aussagekräftigen Fall für den Zusammenhang von Familie und Gesundheit vor. So ergab beispielsweise eine Studie im Jahr 2007, dass die Sterblichkeitsrate bei alleinstehenden Männern im Alter von 30 bis 64 Jahren in Finnland 3,24-mal höher war als bei verheirateten Männern. Auch bei Männern mit Kindern war die Sterblichkeitsrate niedriger. Insgesamt konnte Dr. Kopp feststellen, dass der Familienstand sich sogar stärker auf die Gesundheit auswirkt als Rauchen oder Übergewicht.

Die Rolle der Politik

Es bestand große Einigkeit darüber, dass die staatliche Politik eine wichtige Rolle spielen müsse. Beim Definieren von Familienpolitik sollte jedoch nicht zu simplifizierend vorgegangen werden. Es gehe nicht nur um eine höhere Geburtenrate, erklärten viele Konferenzteilnehmer, sondern um Wahlfreiheit – darum, sicherzustellen, dass diejenigen, die Kinder haben möchten, auch Kinder bekommen können, und zwar wann und auch so viele wie sie möchten. Ein sogenanntes Fertilitätsgefälle, d. h. der Unterschied zwischen der gewünschten und der tatsächlichen Anzahl an Kindern, tritt in allen europäischen Ländern auf. Anne Gauthier vom niederländischen Institut für interdisziplinäre Demographie zeigte, dass dieses Gefälle wahrscheinlich übertrieben ist: Die angegebenen Wünsche verändern sich im Laufe der Zeit und es ist möglich, dass die Befragten eine Antwort geben, die für die Gesellschaft akzeptabel ist.

Laut Willem Adema von der OECD gehe es darüber hinaus bei der Familienpolitik nicht nur um die Geburtenrate, sondern „auch darum, die Armut der Familien zu verringern, und um die Entwicklung der Kinder und die Gleichstellung der Geschlechter“. Jana Jamborová von der Organisation New Women for Europe wies darauf hin, dass bei Themen wie der Vereinbarkeit von Beruf und Familie Frauen oft im Mittelpunkt stehen, obwohl es sich hierbei nicht nur um Probleme von Frauen handele. Das bedeutet, dass „Lösungsansätze, die nur auf Frauen ausgerichtet sind, immer unvollständig und nicht insgesamt wirksam sein werden“. Außerdem sei es wichtig, über die Verantwortung gegenüber Kindern hinaus zu blicken, da bis zum Jahr 2050 der Bedarf an Pflege und Betreuung für ältere Menschen voraussichtlich höher sein wird als der für Kinder.

Strukturen schaffen

William Lay von COFACE erklärte, dass die Familienpolitik außerdem Mittel, Dienste und Zeit umfasse. Das heißt in anderen Worten: es geht um die Bedürfnisse von Familien. Dazu könnten beispielsweise die Wohnverhältnisse, die Bildung oder bessere Arbeitszeitregelungen zählen. Eurofound zufolge ist die Möglichkeit, Beruf, Familie und weitere Verpflichtungen zu vereinbaren, in den europäischen Ländern in unterschiedlichem Maße gegeben – während dies 58% der Befragten in Dänemark „sehr gut“ gelungen ist, gaben in Litauen nur 14% eine ähnliche Antwort.

Dr. Kopp merkte an, dass man auch über den Arbeitsplatz hinaus blicken und die an den Schulen und Universitäten angebotenen Unterstützungsdienste verbessern sollte, um Frauen, die im Alter von 20 bis 30 Jahren – das optimale Alter – Kinder bekommen möchten, dies zu ermöglichen. Um Kinderarmut zu bekämpfen und positiv auf die Geburtenraten einzuwirken, ist nicht nur die Kinderbetreuung an sich ein wirksames Instrument, auch die Qualität der bereitgestellten Betreuung (Lehrplan, Anzahl der Beschäftigten, Qualifikation der Beschäftigten, etc.) spielt eine Rolle. Anne Gauthier erklärte, dass der Einfluss der Familienpolitik auf die Fertilität zwar nicht gänzlich bekannt sei, aber die politischen Maßnahmen sich insgesamt auf die Rahmenbedingungen, in denen Familien leben, auswirkten. Sie betonte außerdem, dass politische Maßnahmen im Zeitverlauf kohärent und Teil eines Gesamtpakets an Maßnahmen sein sollten.

Einstellungen ändern

Laut Jana Jamborová ist das Bereitstellen von Diensten allerdings nur die eine Seite bei diesem Thema. Eine echte Veränderung werde eine „kulturelle Neuorientierung“ erfordern. Dies bedeute das Bekämpfen von Diskriminierung wie beispielsweise Drohungen und Entlassungen bei hochausgebildeten Frauen, die sich dafür entscheiden, Kinder zu bekommen. „Wir sprechen zu wenig über diese Art von Diskriminierung (...) Diese Praktiken sollten aufhören“, so Dr. Kopp, die außerdem darauf verwies, dass das größte Fertilitätsgefälle in Ungarn bei gebildeten Frauen ermittelt wurde. Staffan Nilsson, Präsident des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses, schlug vor, dass der Schwerpunkt nicht nur darauf gelegt werden sollte, sicherzustellen, dass Männer in ihren Familien mehr Verantwortung übernehmen, sondern auch dafür zu sorgen, dass junge Männer sich dieser „einzigartigen Gelegenheit, ihren Kindern näher zu kommen (...) und ihre Kinder zu guten Menschen für eine gute Gesellschaft zu erziehen“ bewusst werden. Die Geburt eines Kindes sollte nicht als Karrierepause, „sondern als Teil der Karriere“ gesehen werden.

Die Sensibilisierung für die Anliegen von Familien ist ein Bereich, in dem eine europäische Koordinierung eine Rolle spielen kann. Im Rahmen eines Austauschs über die besten Verfahren wurde während einer Panel-Diskussion ein weiteres Thema angesprochen: Einige Konferenzteilnehmer haben von den bewährten Verfahren in Unternehmen gehört, mit denen Angestellte, die zugleich ein Kind/Familienmitglied betreuen, unterstützt werden, und unter anderem von den Familienzentren in Schweden. Laut Staffan Nilsson könnten die Sozialpartner „eine entscheidende Rolle dabei spielen“, schließlich familienfreundliche Maßnahmen umzusetzen. Der Vorschlag von COFACE, 2014 zum Europäischen Jahr der Familien zu ernennen, erhält immer mehr Zuspruch und ist ein Beispiel hierfür.

Die Woche zur Sensibilisierung „Europa für die Familien, die Familien für Europa“ umfasst mehrere Veranstaltungen einschließlich eines informellen Treffens der EU-Minister für Demographie und Familienangelegenheiten. Abgeschlossen wird die Themenwoche mit einem großen öffentlichen Festival zu Ehren der Familien in Europa.

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