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Eurochild-Konferenz zu Erziehung und Betreuung im frühen Kindesalter: Fokus auf Qualität und Rolle der Gemeinden

04/11/2010

Eurochild, ein internationales Netzwerk von Organisationen und Einzelpersonen, die sich in ganz Europa dafür einsetzen, die Lebensqualität von Kindern und Jungendlichen zu verbessern, organisierte am 30. September und 1. Oktober 2010 in Tallinn (Estland) das Seminar „Qualität sichern -  die Wegrichtung für das frühe Kindesalter in Europa und die Rolle von Diensten, die von der Gemeinde getragen werden“ als Teil seiner Bemühungen, hochwertige Dienste zu fördern, die die Lebensqualität von Kindern verbessern.

Qualität und die Rolle von Diensten, die von der Gemeinde getragen werden

In einer thematischen Einführung wies Bronwen Cohen von 'Children in Scotland' auf die Schwierigkeit hin, hochwertige Bildungs- und Betreuungsdienste für das frühe Kindesalter zu koordinieren, da in den meisten europäischen Ländern die Zuständigkeiten bei verschiedenen Ministerien und Ämtern liegen. Es herrscht breite Übereinstimmung darüber, dass die Bildungs- und Betreuungsdienste für das frühe Kindesalter zum einen die nachfolgende Schulleistung und Entwicklung des Kindes verbessern, aber nur, wenn sie hochwertig sind, und zum anderen, dass, wenn diese Dienste nicht hochwertig sind, sie eher schaden als helfen, besonders Kindern aus ärmeren Familien (NESSE-Bericht, 2009:6). Dennoch ist es schwierig, hochwertige Erziehung und Betreuung im frühen Kindesalter zu definieren, darüber zu entscheiden, was beurteilt werden sollte, länder- und kulturübergreifende Vergleiche durchzuführen, sich auf gemeinsame Indikatoren zu einigen und das richtige Verhältnis von wirtschaftlicher, pädagogischer und sozialer Eingliederung und rechtlichen Interessen zu finden.

Margaret Kernan von 'International Child Development Initiatives', einer gemeinnützigen Organisation in den Niederlanden, schlug einen Ansatz zur Bewertung der Bedürfnisse der Gemeinden und der Qualität der Dienste vor. Dabei würden 'positive' Akteure - Eltern, Kinder, Lehrer, Nichtregierungsorganisationen und weitere Akteure, die am Wohlbefinden von Kindern interessiert sind, zu einem bestimmten Gebiet befragt, und zwar im Hinblick auf Bewertungsfaktoren, die für gute Erziehung und Betreuung im frühen Kindesalter entscheidend sind, wie etwa Risiken, Engagement der Gemeinde, die Rolle der Gemeindeverwaltung, etc. Ein großer Teil der Bewertung wäre subjektiv. Allerdings könnte eine strukturierte Informationssammlung eine Bewertung der unterschiedlichen Dimensionen anhand einer Liste mit 'positiven Faktoren', die vorhanden sein könnten oder sollten, beinhalten. Die Auswertung der 'positiven' Punkte für jede Dimension kann dabei in Form einer 'Scorekarte' veröffentlich werden.

Ansätze, bei denen die Dienste von der Gemeinde getragen werden, würden das 'goldene Dreieck' beinhalten, wobei formelle Einrichtungen für die Bildung und Betreuung im frühen Kindesalter mit nicht-formellen Diensten (durch nicht qualifiziertes Personal, aber mit einer Form von formellem Übereinkommen) und informellen Diensten (durch Familienmitglieder und Freunde, ohne formelles Übereinkommen) kombiniert werden. Derartige Initiativen können für Dimensionen wie etwa Kinderfreundlichkeit, Verbundenheit, Personal und Tragfähigkeit (Abhängigkeit von externer Unterstützung oder getragen von den Mitteln der Gemeinde) bewertet werden.

Konkrete Beispiele

Die Organisation 'Early Years', vorgestellt von Margaret Alton und Shirley Hawkes, folgt einem Ansatz, bei dem die Dienste von der Gemeinde getragen werden, um die Betreuung im frühen Kindesalter in Nordirland zu gewährleisten. Die Organisation berät und unterstützt Gruppen von Eltern, die Spielgruppen oder eine andere Form von Kinderbetreuung einrichten wollen. Gewöhnlich helfen sie bei der Beschaffung von Mitteln und bei Aktivitäten, die der Werbung von Mitarbeitern dienen. Darüber hinaus können sie zwischen diesen informellen Gruppen und nicht-formellen sowie formellen Diensten Verbindungen schaffen.

Die Herangehensweise hierbei ist, die Probleme der Gemeinde anzugehen, indem man die Tatkraft und den Führungswillen der Menschen vor Ort nutzt. Mit ihrem Ansatz, der sich auf das körperliche und seelische Wohlbefinden von Kindern konzentriert und ihnen zugleich Sichtbarkeit in der Gemeinde verschafft, spielt die Organisation seit den 60er Jahren eine wichtige Rolle bei der Zusammenarbeit von Gemeinden.

Im Rahmen eines Studienausflugs konnten die Seminarteilnehmer zwei estnische Kinderbetreuungszentren besichtigen. Estland gewährt Mutterschaftsurlaub von bis zu 18 Monaten. Daher werden Erziehungs- und Betreuungsdienste für Kleinkinder erst ab einem Alter von anderthalb Jahren angeboten. In den Einrichtungen, die hauptsächlich von der Gemeindeverwaltung zusammen mit einer von den Eltern zu zahlenden geringen Gebühr finanziert werden, sind Betreuungsplätze für alle Vorschulkinder vorhanden. Die Einrichtungen sind von 7 Uhr bis 19 Uhr geöffnet, Mahlzeiten eingeschlossen.

Politische Entwicklungen

Nóra Milotay von der Generaldirektion Bildung und Kultur der Europäischen Kommission zeigte den EU-Standpunkt auf und erklärte, dass eine Mitteilung in Bearbeitung sei, die Anfang 2011 veröffentlicht werde. Auf diese Mitteilung folge eine Konferenz unter der Schirmherrschaft der ungarischen Ratspräsidentschaft im Februar, sowie die Veröffentlichung zweier Studien der Europäischen Kommission im Jahr 2011, eine davon zum Thema „Frühe Alphabetisierung sicherstellen - Studie über die Unterstützung durch Eltern“ und eine weitere zu „Kompetenzanforderungen an das Personal im Bereich der Erziehung und Betreuung im frühen Kindesalter“.

Sie erklärte, dass die Erziehung und Betreuung im frühen Kindesalter, definiert als Dienste, die für Kinder ab der Geburt bis zum Beginn des schulpflichtigen Alters angeboten werden, von der Europäischen Kommission als intersektorales Thema betrachtet werden, bei dem alle Akteure eine einheitliche Vision vom frühen Kindesalter haben sollten. Diese Vision sollte einen ganzheitlichen, kindbezogenen Ansatz für die Verflechtung von Betreuung und Erziehung ermöglichen, durch den der Zugang und die Bezahlbarkeit sichergestellt und Qualität mithilfe eines pädagogischen Rahmens und Personals geboten werden.

Milotay erinnerte die Seminarteilnehmer daran, dass 2009 ein europäischer Richtwert pdffestgelegt wurde, wonach mindestens 95% der Kinder im Alter von vier Jahren bis zum Beginn des schulpflichtigen Alters für den Besuch der Grundschule an Erziehung und Betreuung im frühen Kindesalter teilnehmen sollen. Dieser Anteil soll bis 2020 erreicht werden.

Benoit Parmentier, Direktor des Amtes für Kindheit der Regierung der französischsprachigen Gemeinschaft in Belgien, stellte den Entwurf für eine Erklärung zum Engagement der Mitgliedstaaten für bessere Dienste im frühen Kindesalter vor, die von der belgischen Ratspräsidentschaft gefördert wurde und von allen EU-Mitgliedstaaten unterzeichnet werden soll.

Gemäß dem Entwurf würden sich alle EU-Mitgliedstaaten dafür einsetzen, ihre politischen Maßnahmen auf das Wohlbefinden von Kindern auszurichten. Dabei wird dies als Investition in die Zukunft gesehen, wobei die Mitgliedstaaten versuchen 1,0% ihres BIP für die Bildung und Betreuung von Kleinkindern unter drei Jahren zur Verfügung zu stellen.

Darüber hinaus sollten die EU-Länder das Recht jedes Kindes auf Zugang zu hochwertigen, breit gefächerten und ganzheitlichen Bildungs- und Betreuungsdiensten im frühen Kindesalter garantieren, um allen Situationen, in denen sich Kinder und ihre Familien befinden, gerecht zu werden. Regierungen sollten sich deshalb dafür einsetzen, unter Berücksichtigung der 2002 während des Europäischen Rates in Barcelona festgelegten Ziele, eine hochwertige Versorgung an Bildungs- und Betreuungsdiensten zu entwickeln. Länder, welche die Barcelona-Ziele bereits erreicht haben, sollten sich ein noch ehrgeizigeres Ziel für die nächsten zehn Jahre setzen.

Zum Abschluss betonten die Semiarteilnehmer, dass sie diese neuen Initiativen der Kommission und Mitgliedstaaten zwar begrüßen, dass es aber nicht wünschenswert wäre, am Ende einen Ansatz mit „Kästchen zum Abhaken“, von oben nach unten, zu haben, um Qualitätsstandards festzulegen. Bei den vorgestellten Beispielen für das Engagement der Gemeinden, Bildungs- und Betreuungsdienste für das frühe Kindesalter anzubieten, wurde das große Potenzial für alternative Ansätze deutlich.

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