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Frühkindliche Erziehung und Betreuung: Wie wirkt sich institutionelle Kinderbetreuung auf das Wohl der Kinder aus?

08/07/2010

Ferner befasste sich die Veranstaltung mit Systemen der frühkindlichen Erziehung und Betreuung in Europa und den Auswirkungen institutioneller Kinderbetreuung auf die Entwicklung der Kinder. Es fand am 25. Juni 2010 in Brüssel statt und brachte Vertreter von Ministerien von EU-Ländern und akademische Beobachter zusammen.

Frühzeitige professionelle Betreuung wichtig für die spätere Entwicklung des Kindes

Während des ersten Teils des Seminars sprach Dr. Mária Herczog vom Staatlichen Institut für Familien- und Sozialpolitik in Ungarn über den potenziellen Nutzen der kollektiven Kinderbetreuung für Kleinkinder. Dr. Herczog ist auch Mitglied des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses und Vorsitzende von Eurochild.

Sie betonte, dass eine durchweg hohe Qualität der Betreuung und Erziehung in den ersten Lebensjahren der Kinder sowohl für ihr Wohlergehen als auch für ihre künftige Entwicklung überaus wichtig ist. „Während die Rolle der Eltern entscheidend ist, kommt auch der Betreuung durch qualifizierte Berufspraktiker in den ersten Jahren große Bedeutung zu“, erklärte Dr. Herczog. „Untersuchungen zeigen, dass es Kindern auf lange Sicht nützt, Zeit mit gut geschulten Berufspraktikern und mit anderen Kindern zu verbringen.“

Sie fügte hinzu, dass der Zugang zu Kinderbetreuungseinrichtungen für Kinder aus verletzlichen und sozial ausgegrenzten Haushalten sogar noch wichtiger ist. „Es hat sich gezeigt, dass Kinder aus armen und sozial ausgegrenzten Familien selbst dann, wenn sie an Kinderbetreuung teilnehmen, die nicht von außergewöhnlicher Qualität ist, später im Leben mehr erreichen als diejenigen, die zu Hause betreut werden“, führte Dr. Herczog aus.

Außerdem wies sie darauf hin, dass die Eltern von Kindern, die keinen Platz in einer Betreuungseinrichtung bekommen, geringere Beschäftigungsmöglichkeiten haben und die Familie stärker von Armut und sozialer Ausgrenzung gefährdet ist. Wenn man erst eingreift, nachdem die Schule abgebrochen wurde, ist es für viele Kinder einfach schon zu spät. Wird in die ersten drei Lebensjahre eines Kindes investiert, bringt dies auf lange Sicht beachtliche Vorteile im Hinblick auf ihre gesamte Lebensperspektive, ihre Mitwirkung an kriminellen Aktivitäten, Drogenmissbrauch und ihre eigenen Elternfähigkeiten, sagte sie.

Besseres Kinderbetreuungsangebot zur Vereinbarung von Beruf und Freizeit und Geschlechtergleichstellung

Dr. Herczog erinnerte daran, dass sich die EU ausdrücklich verpflichtet hat, das Kinderbetreuungsangebot zu erhöhen, nicht nur im Interesse des Kindes, sondern auch, weil Frauen auf dem Arbeitsmarkt zunehmend gebraucht werden. Die Sicherstellung eines angemessenen Betreuungsangebots ist auch ein wichtiger Schritt hin zu Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern im Bereich der Beschäftigung.

Auf dem Barcelona-Gipfel im Jahr 2002 einigten sich die europäischen Regierungen auf das Ziel, bis 2010 Betreuung für mindestens 90% der Kinder zwischen 3 Jahren und dem Schulpflichtalter und für mindestens 33% der Kinder unter 3 Jahren bereitzustellen. Doch selbst wenn die meisten europäischen Regierungen öffentliche Mittel in Dienste zur frühkindlichen Betreuung investieren, haben nur 5 der 27 EU-Länder die oben erwähnten Barcelona-Ziele für beide Altersgruppen erreicht. Auch innerhalb der einzelnen Länder bestehen starke regionale Unterschiede.

Dr. Herczog warnte davor, dass die potenziellen Vorteile der externen Kinderbetreuung verloren gehen und soziale Ungleichheiten zunehmen könnten, wenn die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten keine hochwertige frühkindliche Betreuung und Erziehung für alle, insbesondere die am stärksten benachteiligten Kinder, gewährleisten.

Des Weiteren führte sie aus, dass frühkindliche Betreuung von schlechter Qualität die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen kann. Die ärmsten Familien können sich hochwertige Kinderbetreuung häufig nicht leisten, was bedeutet, dass Kinder aus diesen Familien einen doppelten Nachteil – Armut und minderwertige Betreuung – erleiden.

Vielfältige Betreuungssysteme und unzureichendes Angebot in der EU

Der zweite Teil der Veranstaltung war einer Diskussion über den Grad der Bereitstellung von Kinderbetreuung in der EU sowie der Qualität des Angebots gewidmet. Die meisten Landesvertreter erklärten, es fehle deutlich an Kinderbetreuungsplätzen, deren Kosten außerdem sehr hoch seien. Sie betonten, dass es für ihre Regierungen schwierig sei, mehr Kinderbetreuungsplätze zu finanzieren, vor allem infolge der aktuellen Finanzkrise. Manche wiesen darauf hin, dass viele arbeitslose Mütter sagen, sie würden arbeiten, wenn erschwingliche, hochwertige Kinderbetreuung verfügbar wäre. Sie sprachen auch über die unzureichende Mitwirkung der Väter bei der Erziehung von Kleinkindern und den Mangel an männlichen Betreuungspersonen. In EU-Ländern ist das Kinderbetreuungspersonal fast ausschließlich weiblich. Ihre Arbeit wird gering geschätzt, kaum anerkannt und schlecht bezahlt.

Die Diskussion zeigte auch, dass es wegen zahlreicher kultureller und sozialer Gründe sehr verschiedene Ansätze zu frühkindlicher Betreuung und Erziehung gibt. In einigen EU-Ländern sind Betreuungsdienste für Kleinkinder genauso gut etabliert und finanziert wie die Erziehung älterer Kinder. In anderen ist die Zweckbestimmung der Dienste oft unklar, der Zugang ist ungleich, die Qualität schwankend, und es fehlt an systematischer Kontrolle des Zugangs, der Qualität, des Verhältnisses der Anzahl zwischen Kindern und Personal oder der Ausbildung und der Qualifikationen des Personals.

Ferner wurde unterstrichen, dass die Situation unter dem Blickwinkel des besten Interesses des Kindes in vielen EU-Ländern verbesserungsfähig ist. Daher sollte sie enger überwacht werden und verdient eine gezieltere Debatte unter politischen Entscheidungsträgern, Berufsgruppen, den Medien und der Öffentlichkeit.

Der Weg voraus

Die Teilnehmer waren sich einig, dass ein hochwertiges Kinderbetreuungsangebot von den Berufspraktikern abhängt, die in diesem Rahmen arbeiten. Gut qualifiziertes, kompetentes und erfahrenes Personal muss Zugang zu beruflicher Fortbildung haben. Sie stimmten überein, dass die Erhöhung des beruflichen Status von Betreuungspersonal politische Maßnahmen zur Unterstützung und Förderung höherer Qualifikationsniveaus, hochwertige Berufsentwicklung und höhere Gehälter auf der Basis nationaler Gehaltsskalen erforderlich macht.

Die Teilnehmer verlangten auch bessere Unterstützung, um Eltern über die Entwicklung und die Lernfortschritte der Kinder zu informieren und ihnen Ratschläge zu geben, wie sie in der Erziehung ihrer Kinder eine aktive Rolle spielen können, vor allem durch informelle Lernaktivitäten zu Hause. Eltern brauchen mehr Orientierungshilfe und Unterstützung bezüglich des lokal verfügbaren Betreuungs-, Kindergarten- und Schulangebots und der Merkmale, an denen sie die Qualität dieser Dienste erkennen können.

Die Schlussfolgerung lautet, dass politische Maßnahmen für Kinderbetreuung und frühkindliche Erziehung sich genauso stark auf die Bedürfnisse und Interessen von Kindern wie auf die ihrer Eltern konzentrieren müssen. Das heißt, umfassend in die unmittelbaren Bedürfnisse der Kindern zu investieren und ihnen das nötige Rüstzeug zu verschaffen, um später ein erfülltes Leben zu leben.

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